Schöne neue Energiewelt?

Schöne neue Energiewelt?

«Im 21. Jahrhundert wird sich das globale Energiesystem von einem System der Knappheit in ein System des Überflusses ­transformieren» – so das Ergebnis der aktuellen GDI-Studie zur neuen Energiewelt. Co-Autor ­Stefan Breit sagt im Interview, wieso das so sein könnte.

Regelmässig spannende
Infos aus der Energiewelt?
Jetzt abonnieren

Herr Breit, Sie sind Mitautor der Studie «Die neue Energiewelt» des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI). Der Direktor des Bundesamts für Energie, Benoît ­Revaz, stellt in seinem Vorwort dazu klar: «Die Energie­zukunft lässt sich nicht ‹sortieren›.» Aber haben Sie nicht genau das versucht?
Das stimmt, genau das haben wir probiert. Doch das ist aus unserer Sicht kein Widerspruch. Die Zukunft ist immer und überall mit Unsicherheiten versehen. Was wirklich eintreffen wird, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Aber darum geht es gar nicht. Uns geht es vor allem darum, mögliche Szenarien aufzuzeigen, in welcher Form etwas eintreffen könnte, und auch darum, die Diskussionen darüber anzuregen.
Zukunft heisst für uns, die Gegenwart anders zu denken. Wie kann man sich die Welt, in der wir leben, auch sonst noch vorstellen? Dazu brauchen wir natürlich Fantasie. Wir beziehen uns dabei auf heute bereits bestehende Fakten und Themen wie zum Beispiel die Solarenergie. Diese gibt es ja bereits, und sie wird auch erfolgreich eingesetzt. Ihre Bedeutung jedoch könnte noch viel grösser sein.

Wie kamen Sie auf die Idee zur Studie?
Die Idee zur Studie kam primär durch den Auftrag des Bundesamts für Energie, den wir erhielten. Wir vom GDI nahmen diese Aufgabe natürlich sehr gerne wahr, da das Thema Energie am Anfang des 21. Jahrhunderts zu einer der wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderungen zählt.

Und wie gehen Sie solche Studien an?
Jede Studie funktioniert etwas anders. Wir recherchieren, schauen an, wie andere Visionen aussehen, machen Experteninterviews und organisieren einen Workshop, um die Inhalte zu besprechen und weiterzudenken. Da es unzählige Energieexpertinnen und -experten sowie Studien zu diesem Thema gibt, war unsere Aufgabe vor allem, eine alternative Energievision zu erstellen. Wie könnte das Energiesystem auch gedacht werden? Mit unserem Ansatz des Überflusses haben wir somit nur Teile, die es heute bereits gibt, anders zusammengesetzt. Erneuerbare Energien werden schon heute immer günstiger, fossile Energieträger kommen unter Druck. An der Klimakonferenz in Paris wurde 2015 ein Übereinkommen verabschiedet, welches erstmals alle Staaten zur Reduktion der Treibhausgasemissionen verpflichtet. Das hatte es zuvor noch nie gegeben, das ist revolutionär. Davon inspiriert haben wir die Visionen entwickelt, die man in der Studie nachlesen kann.

Der Umweltnaturwissenschaftler Stefan Breit ist Researcher am GDI und analysiert gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Veränderungen mit den Schwerpunkten Wohnen, Infrastruktur und Umwelt.
Der Umweltnaturwissenschaftler Stefan Breit ist Researcher am GDI und analysiert gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Veränderungen mit den Schwerpunkten Wohnen, Infrastruktur und Umwelt.

Von welchen Zeiträumen sprechen wir dabei?
Wir gehen in der Studie davon aus, dass das Energiesystem im Verlauf des 21. Jahrhunderts umgebaut werden wird. Exakte Zeiträume neuer Entwicklungen haben wir nicht benannt, und das können wir auch gar nicht.

Die Studie empfiehlt, sich bei Krisen nicht zu sehr damit aufzuhalten, wie es dazu kommen konnte, sondern den Fokus darauf zu richten, welche neuen Chancen aus ihnen entstehen.
Ja, das stimmt genau. Jedes System strebt nach Stabilität. Wenn man eine Krise als ein System, das zusammenbricht, interpretiert, ist das eine Instabilität. Zum Beispiel ist der heisse Sommer ein Indikator dafür, dass ein System instabil wird. Darin liegt die Chance, sich vorwärts zu bewegen. Oder Fukushima: Das führte dazu, dass wir hierzulande über Kernenergie diskutiert und neu entschieden haben. Wirklich verändern tut sich immer nur dann etwas, wenn es grosse Ereignisse gibt, deren Auswirkungen für viele spürbar sind. 

Ihre Grundannahme ist, dass die Entwicklung von «normal», der heutigen Petrokultur, hin zum «new normal» führt, also zu einer Energieüberflussgesellschaft. Wie kamen Sie auf dieses «new normal»?
Allgemein ist die Zukunft besser vorstellbar, wenn man von dem, was wir heute alle kennen, also dem «normal», ausgeht und eine Vision entwickelt, die dann das «new normal», also die Normalität in der Zukunft, darstellen wird. In Bezug auf unsere Studie heisst das, dass das System der fossilen Brennstoffe heute das «normal» ist. Dass diese endlich sind, ist ­allen klar. Daraus muss sich also eine neue Vision entwickeln. Wir kennen nur den Endpunkt, also ein Energiesystem ohne fossile Brennstoffe. Das wird das «new normal» sein. Für das, was dazwischen geschieht, gibt es viele Möglichkeiten. Das haben wir mit den unterschiedlichen Shifts abzudecken versucht.

«Zukunft heisst für uns, die Gegenwart anders zu denken. Wie kann man sich die Welt, in der wir leben, auch sonst noch vorstellen?»

Von diesen sogenannten Shifts, also Entwicklungsphasen, die eine Änderung beinhalten, haben Sie in der Studie 30 definiert. Wie genau sind diese zu verstehen?
Die Shifts sind keine Vorhersagen, wie etwas kommen wird. Jeder einzelne dieser Shifts ist wie ein Versuch, ein Gedankenexperiment, um einzuordnen, wie die Welt in Zukunft aussehen könnte. Die Shifts variieren in der Wahrscheinlichkeit und in ihren Auswirkungen. Danach haben wir sie in der Studie sortiert.

Auf ein paar davon würden wir gern näher ein­gehen. Als Erstes zum Shift «Atmende Microgrids», in dem dezentrale Stromnetze angenommen ­werden. Wird es in Zukunft überhaupt noch Elektri­zitätswerke geben?
Ob es Elektrizitätswerke in der Form, wie wir sie heute kennen, auch weiterhin geben wird, wissen wir nicht. Ich persönlich denke, ja. Es ist aber eben auch nicht schwierig, sich vorzustellen, dass das in Zukunft dezentraler geschieht. Kleine, dezentrale Einheiten sind ebenso denkbar wie grosse, zentrale Produzenten. Das hängt von den Technologien ab, die zum Einsatz kommen werden.

Die Entwicklung der Speichermedien spielen da ­sicher eine grosse Rolle ...
Richtig, die zentrale Herausforderung wird die Frage der Speicherkapazitäten sein. Mit neuen Materialien verschwinden die Abhängigkeiten von Rohstoffen nicht, sie werden zwar geringer, aber letztlich verschieben sie sich nur. Heute sind die Speicher noch Öl und Gas, aber die neuen Materialien, die es für eine Nutzung und Speicherung erneuerbarer Energien braucht – wie etwa Kobalt oder Lithium –, gibt es ja schon. Es gibt aber auch Speichermedien, die keine solchen Rohstoffe brauchen, beispielsweise Wasserstoff- oder Protonenbatterien. Sehr wahrscheinlich ist, dass es eine Diversität von Speichermedien geben wird, von ganz kleinen bis hin zu riesigen Einheiten.

Stefan Breit, Researcher am GDI: «Die Schweiz als hochentwickeltes Land könnte eine Vorreiterrolle ­einnehmen wie einst bei der Elektrifizierung oder der Wasserkraft.»
Stefan Breit, Researcher am GDI: «Die Schweiz als hochentwickeltes Land könnte eine Vorreiterrolle ­einnehmen wie einst bei der Elektrifizierung oder der Wasserkraft.»

Im Shift «Gratisenergie» heisst es, dass Konsumenten nicht mehr mit Geld, sondern mit ihren Daten für die Energienutzung zahlen werden. Wie geht das?
Es geht darum, dass Energie gratis zur Verfügung gestellt wird, aber der Versorger alle Daten der Nutzer darüber erhält, wann sie wie viel Energie verbraucht haben und wofür. Wie diese Daten ­kapitalisiert werden können, wird man sehen. Ein einfaches Beispiel wäre, dass den Verbrauchern aufgrund ihres Energieprofils neue, innovativere Geräte angeboten werden könnten. Das kann man heute bereits ganz praktisch daran sehen, wie uns mittels Algorithmen aufgrund unserer Webnutzung konkrete Angebote für Produkte gemacht werden. Wenn man so will, war das also der Ausgangspunkt für diesen Shift. Was natürlich auch immer mitschwingt, ist die Gefahr, die durch Datenmissbrauch entstehen könnte. Aber das ist wieder ein anderes Thema, das man aufmerksam verfolgen muss.

Interessant tönt auch der Shift «Energy Cyborg». Kann ich in Zukunft Energie am eigenen Körper produzieren?
Wir haben in dieser Studie versucht, in möglichst griffigen Bildern zu denken. Der Begriff des Energy Cyborgs ist ein gutes Beispiel dafür. Der Shift wurde durch einen Vortrag von Neil Harbisson, dem ersten offiziellen Cyborg der Welt, hier am GDI inspiriert. Harbisson wurde farbenblind geboren, konnte das aber nie akzeptieren. So entschied er sich im Alter von 20 Jahren, eine Antenne direkt mit seinem Hirn zu verknüpfen, um Informationen wahrnehmen zu können, die allen anderen verborgen bleiben. Harbisson sagt, dass es denkbar ist, dass das Energiethema viel näher an den menschlichen Körper rückt. Neue Materialien wie energieerzeugende Farben könnten zum Beispiel in Stoffe eingearbeitet werden. Dieser Shift ist ein Versuch, den energieneutralen, autarken Bürger zu skizzieren.  

Im Shift «Helionauten» geht es um kommunale Energiegenossenschaften. Das gibt es aber doch bereits?
Ja, es gibt auch heute schon abgeschlossene Systeme wie energieautarke Gebäude. Das sind natürlich noch Einzelfälle. Aber den Ansatz kann man auch freier denken. So kann man sich etwa bei grossen Solarparks einkaufen, die einen dann mit Strom beliefern. Das ist dann eher auf dem Crowdfunding-Gedanken begründet.

Ein sehr realistischer Ansatz.
Ja, die wesentlichen Zutaten für die Energiewende und auch die Grundlagen für die beschriebenen Shifts bestehen bereits. Die Frage ist, welche davon zum Einsatz kommen und wie wir diese implementieren werden.

Zum Thema Kernkraft haben Sie mit «Nukleares Comeback» einerseits und «Kernfrei» andererseits zwei gegensätzliche Shifts integriert. Was heisst das, vor allem für die Schweiz?
Beides sind zwei mögliche und denkbare Szenarien. In der Schweiz hat man sich ja dazu entschlossen, das Risiko nicht mehr im Land haben zu wollen. Aber wir verbrauchen natürlich auch Atomstrom aus dem Ausland, und das Risiko macht ja nicht vor den Landesgrenzen halt, wie uns Tschernobyl und Fukushima gezeigt haben. Doch man wird sehen, wohin die Entwicklung läuft. Der Nuklear­fusionstraum besteht ja weiter­hin, es wird daran geforscht. Damit könnte man Energie in unbegrenzter Menge herstellen, klimaneutral, umweltfreundlich, ohne radioaktive Abfälle. Doch das ist noch in ferner Zukunft. Es würde aber alles auf den Kopf stellen.

In der Schweiz spielt die Wasserkraft ja eine sehr grosse Rolle. Sie sagen in Ihrer Studie, dass Wasserkraftwerke «sterben» werden.
Dieser Shift ist eine logische Konsequenz aus der Weiterentwicklung der Speichertechnologien. Wenn hier ein gewisser Stand erreicht sein wird, wird die Speicherung mittels Wasserkraftwerken irgendwann überflüssig, denn deren Betrieb ist sehr aufwendig und kostspielig. Doch wie gesagt, auch das ist nur ein Szenario und keine Prognose.

Dabei stellt sich aber generell die Frage nach der Rolle der Schweiz in der Energiezukunft ...
Die Schweiz als hochentwickeltes Land könnte hier eine Vorreiterrolle einnehmen wie einst bei der Elek­trifizierung oder der Wasserkraft. Aber das hängt davon ab, in welche Richtung die Entwicklung gehen wird, welche Shifts eintreten und in welcher Form. Ein Energiesystem mit dem Überflussansatz ist denkbar, man muss nur das System entsprechend umbauen. Das ist aber eine langfristige Aufgabe. In unserer Studie gehen wir davon aus, dass dem Staat dabei immer mehr Verantwortung zugeschoben wird, weil der Umbau eine gesellschaftliche Aufgabe ist. Es wird sehr spannend, sich in 10 oder 20 Jahren anzuschauen, wohin die Entwicklung gegangen sein wird.

Die alte industrielle Welt des Öls wird von der neuen digitalen Welt der Elek­tri­zität abgelöst ­werden. Zu diesem Ergebnis kommt das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) in seiner aktuellen Studie «Die neue Energiewelt».

Die vollständige Studie und eine Zusammenfassung finden Sie hier:
gdi.ch/de/studien