Das Stromnetz stabilisieren und Zusatzerlöse generieren

Das Stromnetz stabilisieren und Zusatzerlöse generieren

Die Bedingungen, zu denen Kraftwerke oder Anlagen für Swissgrid Sekundärregelleistung anbieten können, sind gelockert worden. EKZ sucht nun Industrieanlagen oder Kraftwerke, die ihre Leistung ganz oder teilweise flexibel anbieten können. Erlöse von jährlich bis zu 75‘000 Franken pro Megawatt sind möglich.

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Das Stromnetz muss konstant in Balance gehalten werden. Denn Strom kann nicht wie Gas oder Benzin gespeichert und bei Bedarf bezogen werden, sondern muss ständig fliessen. Aber: Eine zu hohe oder zu tiefe Frequenz kann sensiblen Maschinen und Anlagen schaden. «Werden zum Beispiel gegen Mittag überall die Kochherde eingeschaltet, muss der zusätzlich benötigte Strom sofort von Kraftwerken produziert werden, damit es zu keinem Frequenzabfall im Netz kommt», sagt Martin Baldinger, Fachspezialist Smart Solutions im Smart Grid Labor von EKZ. Produzieren umgekehrt zahlreiche Photovoltaikanlagen an einem sonnigen Tag sehr viel Strom, können zusätzliche Anlagen in Betrieb genommen werden, die den Strom nutzen, damit keine Überkapazitäten entstehen. 

Primär-, Sekundär- und Tertiärregelleistung

Für diese Balance zwischen Produktion und Verbrauch ist Swissgrid zuständig. «Der Schweizer Übertragungsnetzbetreiber greift direkt auf ein komplexes Gefüge von Kraftwerken und flexiblen Verbrauchen zu, um je nach Bedarf die Stromproduktion zu erhöhen oder den Verbrauch zu senken und umgekehrt – das nennt man Regelenergie», erklärt Baldinger. Swissgrid kauft dazu verschiedene Regelleistungsprodukte ein. Je nach Produktanforderung, müssen die Kraftwerke oder Anlagen öfter, schneller und mit grösserer Leistung helfen können. Baldinger: «Man redet von Primär-, Sekundär- und Tertiärregelleistung.» 

«Je nach Anforderung müssen die Anlagen öfter, schneller und mit grösserer Leistung helfen können.»

Martin Baldinger ist Fachspezialist Smart Solutions im Smart Grid Labor von EKZ

Sekundärregelleistung deutlich besser bezahlt

Bisher boten Eigentümer von Kleinkraftwerken, Notstromaggregaten oder grösseren Produktionsanlagen ihre Leistung vor allem am Tertiärmarkt an. Die Leistung wird nur sehr selten abgerufen. Man erhält aber nur schon für die reine Verfügbarkeit Geld. Damit können die Eigentümer jährlich rund 4000 Franken pro Megawatt (MW) verdienen. Im Falle eines Abrufs kann sich dieser Wert aber rasch verdoppeln. Deutlich besser bezahlt ist die Sekundärregelleistung. Baldinger: «Die Erlöse sind fünf- bis zehnmal höher.» Doch auch die Bedingungen, zu denen Anlagenbesitzer Sekundärregelleistung (SRL) anbieten können, sind deutlich anspruchsvoller. 

Anspruchsvolle Bedingungen

Diese hat Swissgrid per 1. Juni 2018 angepasst. Bisher mussten alle Anlagen im SRL-Modus ihre Produktion bzw. ihren Verbrauch erhöhen und verringern können. Neu können sie nur positive (SRL+) oder nur negative Regelleistung (SRL-) anbieten. «Man muss die Produktion also zum Beispiel nur noch verringern können. Das führt zu neuen Möglichkeiten im Bereich virtueller Kraftwerke», sagt Baldinger.

«Dank der Neuregelung können zum Beispiel Laufwasserkraftwerke, Pumpen oder Elektroheizungen nun auch SRL anbieten und deutlich mehr Geld verdienen.»

Konkret können zum Beispiel Kehrichtverbrennungsanlagen oder Laufwasserkraftwerke ihre Produktion nur verringern. Pumpen können sie oft entweder nur verringern oder nur erhöhen. In einer ähnlichen Situation sind Blockheizkraftwerke, Elektrolyseure oder Elektroheizungen. «Dank der Neuregelung können all diese Anlagen nun auch SRL anbieten und ohne grossen Aufwand deutlich mehr Geld verdienen als mit Tertiärregelleistung», sagt Baldinger. 

Man stellt nur einen Teil der Leistung zur Verfügung

Der Flexibilitäts-Experte betont, dass man Swissgrid für SRL nicht die gesamte Leistung einer Anlage zur Verfügung stellen müsse. «Je nach Kapazität und Möglichkeiten können es auch nur 10 oder 20 Prozent der Gesamtleistung sein, das heisst so viel, wie man Flexibilität hat.» Wie viel man anbieten wolle, bestimme man selbst. Baldinger ist überzeugt, dass viele Firmen und Gemeinden so einen zweiten Nutzen aus ihrer Anlage ziehen können. «Sich am Regelenergiemarkt zu beteiligen, kann sehr lukrativ sein.» 

Mittels einer Steuereinheit kann EKZ mehrere Anbieter mit geringerer Leistung zu einem Pool zusammenschliessen.

Mehrere Kraftwerke und Anlagen zusammenschliessen

Eine Hürde bleibt aber für viele kleinere Kraftwerke und Anlagenbetreiber bestehen: Um die Sekundärregelleistung Swissgrid direkt anbieten zu können, muss man mindestens fünf Megawatt Leistung regeln lassen. Wer weniger Leistung zur Verfügung hat, muss sich mit anderen zusammentun. Diesen Zusammenschluss nennt man auch virtuelles Kraftwerk. Hier kommt EKZ ins Spiel. Der Energiedienstleister verfügt über das Knowhow und die Technik, um mehrere Anbieter mit geringerer Leistung mittels Steuereinheit zu einem Pool zusammenzuschliessen.

Baldinger: «Dank smarter Systeme, die ihre Anlagen intelligent steuern, sorgen wir dafür, dass Sie die bisher ungenutzte Flexibilität Ihrer Anlagen zu Geld machen können.» Es sei oft mehr möglich, als man denke, darum rät er, sich unverbindlich beraten zu lassen.  

Sekundärregelleistung

  • Ein Präqualifikationstest muss zeigen, dass:
    • die vermarktete Leistung der Anlage innerhalb von 200 Sekunden erbracht werden kann
    • die Anlage einem sich ständig ändernden Regelsignal nachfahren kann
  • Ideal sind Leistungen ab 500 kW
  • Erlöspotential: 50 – 75 TCHF / MW / Jahr für die Verfügbarkeit

Tertiärregelleistung

  • Die Anlage muss innerhalb von 15 Minuten für bis zu 4 Stunden ein- oder ausgeschaltet werden können.
  • Die Anlage wird höchstens 5 Stunden pro Jahr durch Swissgrid abgerufen.
  • Ideal sind Anlagen ab 1 MW
  • Erlöspotential 4TCHF / MW / Jahr für die Verfügbarkeit
  • Hohe Zusatzerlöse im Falle eines effektiven Abrufs möglich