Qualität ist kein Luxus

Qualität ist kein Luxus

Wer hat heute noch Sonntagsschuhe? Kaum jemand – doch das ist eine Schande, sagt Fritz Huwyler. Schönes Schuhwerk ist nicht nur sein Business, sondern eine echte Leidenschaft. Zu Besuch in einem Paradies für alle Liebhaber der Handwerkskunst.

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Wer bei der Schuhmacherei Huwyler anruft, hat den Chef gleich selbst am Apparat. Ganz unkompliziert lädt Fritz Huwyler zu einem Besuch in seine Werkstatt in Birmensdorf ein. Vor Ort nimmt er seine Gäste selbst in Empfang. «Ich bin das Mädchen für alles», sagt er lachend. Der Blick fällt unweigerlich auf seine Schuhe: klassische geschnürte Budapester in drei aufeinander abgestimmten Brauntönen. Wahrscheinlich eines von unzähligen Schuhpaaren, die er besitzt – oder? «Ich habe sie nie genau gezählt, es dürften etwa 20 Paar sein, mit Sport- und Skischuhen.» Weniger als gedacht, doch Fritz Huwyler weiss: «Für einen Mann ist das schon eher viel.» Eines ist in jedem Fall sicher: Sein Schuhschrank ist ein Abbild seiner Schuhphilosophie. Und in dieser dreht sich alles um Qualität.

 
«Was sollte ich denn anstellen? Reisen kann ich jetzt auch schon, und mein Hobby ist der Beruf.»

 

Schuhe nach Mass

Erste Station des Rundgangs in Birmensdorf ist genau dieser Showroom, ein Raum voller Damenschuhe. In einer riesigen Regalwand stehen unzählige Paare des exakt selben Modells, an der Wand daneben eine Vielzahl an Modellen in allen Formen, Farben und Absatzhöhen. So stellt man sich das Schuhparadies vor. Hier ist man richtig, wenn man sich Schuhe nach Masskonfektion anfertigen lassen möchte. Und das funktioniert so: Aus einer Vielzahl von vorhandenen Leisten – denn das sind die vielen gleichen Schuhe – wird derjenige ausgesucht, der dem eigenen Fuss möglichst perfekt passt. Auf dieser Basis kann man dann aus einer Vielzahl an Varianten seinen persönlichen Wunschschuh anfertigen lassen. Obwohl dieses Angebot bereits seit sechs Jahren für Frauen besteht, sind immer noch drei Viertel der Kunden Männer. (Für die es natürlich einen eigenen Showroom nebenan gibt.) Sind Frauen zu geizig? «Nein», sagt Fritz Huwyler, «Masskonfektion ist günstiger, als man denkt. Aber Frauen sind einfach zu ungeduldig. Ein Mann wartet halt sechs Wochen auf den Schuh, Frauen wollen ihn möglichst sofort mitnehmen.»

Qualität hat ihren Preis

Der Durchschnittspreis der Schuhe, welche die Schweizer kaufen – Männer und Frauen –, liegt bei 59 Franken, im Jahr gibt jeder 300 Franken für Schuhe aus. Dafür bekommt man keine Qualität, denn ein guter Herrenschuh kostet etwa 500 Franken, sagt Huwyler. Frauen sollten ab 300 Franken investieren, wenn sie ein gutes Paar Schuhe möchten. «Bei allem, was billiger ist, muss man Abstriche machen. Da ist dann die Sohle oder der Absatz aus Karton, das Obermaterial ist billiges Spaltleder.» Spaltleder? «Da wird eine Haut mehrmals gespalten, das Leder ist nur noch ganz dünn. Da wird beschissen, was das Zeug hält.» Fritz Huwyler ist ein Freund klarer Worte. Was bei ihm Qualität ist, zeigt er in seinem Materiallager. Da findet man dicke Lederhäute, hochwertige Gummiplatten in verschiedenen Dicken, Garne, Lederschnüre und vieles mehr. 

Seit 1991 führt er das vom Vater gegründete Unternehmen: Fritz Huwyler jun.
Seit 1991 führt er das vom Vater gegründete Unternehmen: Fritz Huwyler jun.
Modellvielfalt auch für die Herren.
Modellvielfalt auch für die Herren.
Ein Blick in das Materiallager.
Ein Blick in das Materiallager.
Anfang eines jeden Schuhs: der Leisten.
Anfang eines jeden Schuhs: der Leisten.
Im Showroom: unzählige Paare des exakt selben Modells.
Im Showroom: unzählige Paare des exakt selben Modells.
Eine Vielzahl von vorgefertigten Leisten für Frauen und Männer ermöglichen die Masskonfektion.
Eine Vielzahl von vorgefertigten Leisten für Frauen und Männer ermöglichen die Masskonfektion.
Ein Paar Pumps aus dem Hause Huwyler warten auf ihre Trägerin.
Ein Paar Pumps aus dem Hause Huwyler warten auf ihre Trägerin.
An der Art, Schuhe zu reparieren, hat sich in den letzten Jahrzehnten nichts geändert.
An der Art, Schuhe zu reparieren, hat sich in den letzten Jahrzehnten nichts geändert.
Kompetenzzentrum für Handwerkskunst.
Kompetenzzentrum für Handwerkskunst.
Blick in die Werkstatt in Birmensdorf.
Blick in die Werkstatt in Birmensdorf.
Zur Massanfertigung gehört auch die Wahl des Leders.
Zur Massanfertigung gehört auch die Wahl des Leders.
Absätze in allen Farben, Höhen und Formen.
Absätze in allen Farben, Höhen und Formen.

Kein Nachwuchs in Sicht

Verarbeitet wird alles in der Werkstatt im ersten Stock. Rund 20 Mitarbeitende sind hier am Werk. Da werden Pelotten eingesetzt, um den Schuh perfekt an seine Trägerin anzupassen, Sohlen angesetzt, um unterschiedliche Beinlängen auszugleichen, oder orthopädische Einlagen angepasst. Die Maschinen, die dabei zum Einsatz kommen, wirken robust – aber auch ein wenig antiquiert. «Das sind nach wie vor die besten Maschinen, die es gibt. Und der Grossteil ist ohnehin Handarbeit, da kann man nichts modernisieren», erklärt der Patron.«Es wird heute noch genauso wie vor 40 Jahren repariert.» Ein Handwerk, das viel Fingerfertigkeit und Erfahrung erfordert. Doch es gibt Nachwuchsprobleme. Man kann eine zweijährige Lehre zum Schuhreparateur, eine dreijährige Schuhmacherlehre oder die vierjährige Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher absolvieren. Mittlerweile scheinen sich jedoch kaum noch junge Menschen für diesen Beruf zu interessieren. «Die jungen Leute wollen das anscheinend nicht mehr, dabei ist gerade der Orthopädieschuhmacher ein absoluter Zukunftsberuf», sagt Huwyler. «Der Gesundheitsbereich ist einer der wenigen Bereiche, die überhaupt noch wachsen.»

Neue Ideen für die Zukunft

Ein weiteres solides Standbein sind die Reparaturen. Und das geht weit über neue Absatzgummis hinaus. «Ziel ist, dass der Schuh wie neu aussieht.» Das schätzen auch die grossen Brands, Kunden sind etwa Gucci, Chanel oder Ferragamo. Womit wir wieder beim Preis wären. Ein Schuh für 59 Franken lohnt diesen Aufwand eben nicht. «Einen guten Schuh kann man dreimal reparieren lassen, dann hält er sicher zehn Jahre. Bei einem Preis von 500 Franken und nochmal 300 Franken für die Reparaturen macht das rund 80 Franken pro Jahr», rechnet Fritz Huwyler vor. «Für 80 Franken bekommen Sie keinen Schuh, der ein Jahr hält, der fällt Ihnen vorher auseinander.»

Sonderwünsche erwünscht

Schuhe werden in Birmensdorf aber nicht nur instand gesetzt, sondern oft auch umgestaltet. Man geht auf alle Sonderwünsche ein. Sogar prominente Kunden wissen das Huwylersche Handwerk zu schätzen. «Tina Turner kommt einmal im Jahr mit 30 oder 40 Paar Schuhen, die sie dann ändern lässt. Ein Riemchen dazu, eines weg, andere Farben – sie designt sich dann ganz nach ihrem Geschmack ihre Schuhe selbst.» Und sogar Clownschuhe wurden hier schon gefertigt – oder, zur Zeit der grossen Bigbands, 20 Paar Herrenschuhe in der hauseigenen Färbewerkstatt im gleichen Farbton eingefärbt. «Pepe Lienhard kam dann immer mit einem grossen Koffer voller Schuhe für das ganze Orchester.»

Leidenschaft fürs Schöne

Fritz Huwyler hat mit 27 Jahren das Unternehmen übernommen, als der Vater plötzlich verstarb. Und das ohne Vorkenntnisse. Seine Welt war damals noch die der Banken – doch glücklich gemacht hatte ihn das ohnehin nie. «Das ist doch immer der gleiche Mechanismus: An einem Ort nimmt man das Geld weg, an einem anderen kommt es wieder dazu. Im Bankenbereich kann man nichts bewegen.» Die Freude an schönen Dingen fand nun ein Zuhause: «Ich wollte lieber etwas machen, wo man dem Kunden eine Freude machen kann mit einem schönen Produkt.» Dafür gibt Fritz Huwyler alles.
So viel Herzblut hat seinen Preis, der Chef ist eigentlich immer im Einsatz. Einen Ruhestand kann sich der 53-Jährige überhaupt nicht vorstellen. «15 Jahre mag ich sicher noch. Was sollte ich denn anstellen? Reisen kann ich jetzt auch schon, und mein Hobby ist der Beruf.» Nachfolgeplanung ist also noch kein Thema für ihn. Und seine beiden Töchter zeigen bis jetzt keine Ambitionen, den väterlichen Betrieb zu übernehmen. «Aber man weiss ja nie.» Fritz Huwyler zeigt ein breites Lächeln. So sieht keiner aus, der sich Sorgen machen müsste. Da klingelt das Telefon – der nächste Einsatz für das «Mädchen für alles».
 

Fritz Huwyler senior gründete im Jahr 1958 am Zürcher Bellevue eine Schuhmacherei mit einer Vision. Heute ist diese Realität: Noble Markenschuhe aus aller Welt werden von der F.  Huwyler & Co. fachmännisch repariert und aufgefrischt. 1965 wurde die eigene Schuhreparaturfabrik in Birmensdorf eröffnet. In diesem Kompetenzzentrum der Handwerkskunst arbeiten auch heute noch die hochqualifizierten Schuhmacher, Orthopädieschuhmacher, Färber und Schäftemacher. Seit 1991 wird das Unternehmen von Fritz Huwyler junior in zweiter Generation geführt. Neben vielen international renommierten Schuhmarken wird auch eine enge Zusammenarbeit mit Schuhgeschäften gehobenen Standards gepflegt.