Schlammig, hart und hip

Schlammig, hart und hip

Er war einer der grossen ­Namen im Radquer-Zirkus der 1990er Jahre. Wer an ­einem grossen Rad­quer-­Rennen vorn mitfahren wollte, kam an Beat Wabel nicht vorbei. Der heute 50-Jährige
ist dem Sport ­immer noch eng verbunden. Und er stellt fest: Radquer wird wieder populärer.

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Für den Zuschauer sieht Radquer – oder Cyclocross wie man heute sagt – ­unglaublich hart aus. Schlammpisten, verdreckte Gesichter, Hindernisse und dann muss das Velo noch ge­tragen werden. Wieso sollte man als Velofahrer Radquer fahren wollen?
Beat Wabel: Genau deshalb! Diese Vielseitigkeit macht die Faszination aus. Cyclocross findet zu fast allen Jahreszeiten statt. Es ist mal warm, mal nass, mal schlammig, mal verschneit. Als Fahrer musst du dich auf jeder Strecke neu zurechtfinden. Klar haben es die einen lieber trocken, die anderen lieber nass. Aber so richtige Schönwetterfahrer gibt es unter den Cyclocrossern eigentlich nicht.

Bis zu den 1990er Jahren galt Radquer in der Schweiz als Volkssport. Sie selbst waren zu dieser Zeit aktiv. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Der Sport hatte eine riesige Popularität. Wir Schweizer waren – mit Grössen wie Albert Zweifel und Beat Breu – absolute Weltklasse und erreichten national und international grosse Siege. Zudem gab es viele gute Rennen in der ganzen Schweiz. Und gerade weil die Schweiz zur Weltspitze gehörte, kamen auch die Zuschauer zu Tausenden. Das hat die Fahrer motiviert, Radquer zu fahren. Ich selbst habe mehrmals mit dem Gedanken gespielt, in einem Strassenteam zu fahren. Bedingung wäre aber gewesen, dafür auf Radquer zu verzichten. Das kam für mich nicht in Frage.

Sie haben 1995 in Eschenbach SG WM- Bronze geholt und standen auf dem Podest neben Ihrem Landsmann, dem Weltmeister Dieter Runkel. Würden Sie das als Höhepunkt Ihrer Karriere bezeichnen?
Es war sicher einer der Höhepunkte. Die Saison selbst war für mich eigentlich nicht gut. Ich war weder unter den besten Voraussetzungen noch mit grossem Selbstvertrauen unterwegs. Aber wenn du an der Weltmeisterschaft vor heimischem Publikum Dritter wirst, ist das natürlich super. Gewonnen hätte ich natürlich trotzdem gern.

Kurze Zeit später, so um die Jahrtausendwende, war es plötzlich vorbei mit dem Hype. Radquer verschwand aus der öffentlichen Wahrnehmung. Was ist passiert?
Der Radquer­-Sport kam in eine Negativspi­rale. Nach Generationen von Spitzenfah­rern wie Zweifel, Frischknecht, Richard, Breu und Runkel kamen keine Jungen mehr nach. Das hatte auch mit der Kon­kurrenz durch das Mountainbike zu tun. Vielversprechende Jungtalente setzten nicht mehr auf Radquer, sondern aufs trendige Mountainbike. Immer mehr Renn­ veranstalter führten anstelle von Rad­ quer­ halt Bikerennen durch. Zur gleichen Zeit gab es in Belgien – sowieso schon ein radsportverrücktes Land – einen richtigen Radquer­Boom. Für die Schweizer war dann international plötzlich nichts mehr zu holen. 

Sie selbst haben zu dieser Zeit auch aufs Mountainbike gewechselt. Und das recht erfolgreich. Blieb den -Radquerfahrern zu dieser Zeit gar nichts anderes übrig?
Ich habe beides gemacht und sah es als Chance und Ergänzung. Viele junge Radsportler haben in dieser Zeit voll aufs Mountainbike gesetzt. Ich hatte damals schon eine gewisse Routine und wusste, wie man beides unter einen Hut bringen konnte.

Dem Cyclocross sind Sie bis heute treu geblieben. Sie sind technischer Delegierter beim Rad-Weltverband UCI – was ist dort Ihr Job?
Ich bin bei Radquer- und Mountainbike-Weltcup- und -WM-Rennen für die Strecke verantwortlich. Während der Rennen sorge ich dafür, dass alles nach Reglement läuft. Einerseits muss die Sicherheit garantiert sein, andererseits werden die Events immer grösser, es kommen immer mehr Zuschauer und Medienschaffende. Da gibt es viel zu organisieren.

Sehen Sie, dass Cyclocross wieder populärer wird?
Ja, seit einigen Jahren werden wieder mehr Rennen organisiert – die EKZ Crosstour ist ein gutes Beispiel dafür. Solche Anlässe bieten auch Jungtalenten die Chance, diese Sportart mal auszuprobieren. Das wird im In- und Ausland wahrgenommen.  

Jolanda Neff an einem Cyclocross-Rennen
Jolanda Neff, Mountainbike-Weltmeisterin, fährt auch Cyclocross.
Beat Wabel an der Radquer Weltmeisterschaft 1995 in Eschenbach, wo er Dritter wurde.
Beat Wabel an der Radquer Weltmeisterschaft 1995 in Eschenbach, wo er Dritter wurde.

Wieso diese erneute Trendwende?
Es sind viele Faktoren, die zusammenspielen. Jeder grosse Hersteller baut plötzlich Quervelos – oder Cyclocross-Bikes, wie es heute heisst. Diese sind viel leichter und besser als früher. Und die jungen Fahrer merken, dass es eine attraktive Disziplin ist. Zwar eine sehr intensive, aber nach einer Stunde ist alles vorbei. Und dann ­sehen wir auch Mountainbiker, die sich plötzlich für Cyclo­cross interessieren. Nehmen Sie Mountainbike-Weltmeisterin Jo­landa Neff, die plötzlich auch im Cyclocross an den Start geht. Das hilft dem Sport natürlich enorm.

Wird es Cyclocross wieder zur Grösse der 1970er und 1980er Jahre bringen?
Ich hoffe es natürlich. Das passiert aber nicht von heute auf morgen. Die Aufwärtsspirale läuft, und die Fahrer überlegen sich, wieder Cyclocross zu fahren. Wichtig ist, dass es eine gewisse Dichte an guten Fahrern hat, die sich gegenseitig motivieren können. Das war für mich immer das Schöne am Quer. Wir waren Kollegen, die Stimmung war super. Erst beim Rennen wurde dann so richtig gefightet.