«Das Kribbeln wird noch kommen»

Interview

«Das Kribbeln wird noch kommen»

In gut zehn Wochen ist Cybathlon. Einer, der diesen Wettkampf kaum erwarten kann, ist Hauptpilot Thomas Krieg. Wie er sich vorbereitet und warum er überhaupt mitmacht, erzählt er im Interview.

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Thomas Krieg, du bereitest dich seit einiger Zeit für den Cybathlon vor. Was überwiegt bei dir im Moment: Vorfreude oder Nervosität?


Die Vorfreude ist da und sie ist gross. Von mir aus könnte der Cybathlon schon übermorgen stattfinden, obwohl ich vom Training her noch nicht da bin, wo ich sein möchte (lacht). Ich bin sehr motiviert, aber nicht nervös. Noch nicht, würde ich sagen. Eine gesunde Nervosität vor dem Wettkampf, so ein Kribbeln, das wird kommen, da bin ich überzeugt.

Wie bereitest du dich auf den Cybathlon vor?

Das Laufen mit dem Exoskelett und den ganzen Parcours trainiere ich an der Hochschule Rapperswil (HSR). Ich habe Anfang Jahr mit einem wöchentlichen Training angefangen. Wir steigern uns jetzt langsam auf zwei bis drei Trainings pro Woche bis zum Cybathlon, je nach dem, wie gut es mir läuft. Daneben trainiere ich für mich, um fit zu bleiben, was mir beim Training im Exoskelett und dann beim Cybathlon zugutekommt.
 

Bild: cybathlon.ch
Übersicht des Wettkampffeldes. Zwei Bahnen für das Fahrradrennen mit Muskelstimulation führen um die vier parallelen Bahnen für die Armprothesen-​, Beinprothesen-​, Exoskelett-​ und Rollstuhl-​Parcours. Eine Bahn für jede Disziplin ist oben zu Illustrationszwecken dargestellt.

Der Parcours am Cybathlon beinhaltet mehrere Posten, unter anderem das Aufstehen von einem Sessel, eine schiefe Ebene und eine Treppe. Wie gehst du diese Hindernisse an?

Wir trainieren aufbauend ein Hindernis nach dem anderen. Sobald ich eines kann, kommt das nächste dazu. Das Aufstehen und Laufen geht mittlerweile sehr gut, auch mit den neuen Fussplatten und Krücken. Aktuell trainieren wir die Treppe und später folgt die Rampe.

Wo hast du noch Verbesserungspotenzial?

Überall (lacht). Ich glaube, dass man sich immer verbessern kann, das ist meine Einstellung. Klar bin ich irgendwann limitiert, und auch die Maschine erreicht irgendwann ihre Leistungsgrenze. An diesem Punkt sind wir aber noch nicht. Ich bin deshalb überzeugt, dass ich noch schneller und besser werden kann.

Welches persönliche Ziel verfolgst du am Cybathlon?

Für mich als Ex-Sportler ist ein Wettkampf da, um zu gewinnen. Das heisst, ich würde sehr gerne vorne mitlaufen. Mein Ziel ist, das Beste aus mir und der Maschine rauszuholen. Und positiv zu denken: Wenn wir das Beste rausholen, werden wir auch vorne mitlaufen.

Spürst du einen Druck vom Team, dass sie einen Podestplatz von dir erwarten?

Nein, vom Team her habe ich keinen Druck. Der sportliche Ehrgeiz kommt allein von mir. Wir erhoffen uns aber alle vom Wettkampf, dass wir sehen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Denn der Cybathlon ist der Moment, wo wir die Konkurrenz zum ersten Mal live sehen.

Welche Bedeutung hat das Projekt Varileg enhanced für dich?

Das Projekt bedeutet mir sehr viel, weil es aus den rein medizinischen Bereich verlässt und eine andere Möglichkeit sucht, wie man Querschnittgelähmten helfen könnte, wieder aufzustehen oder zu laufen, oder ihnen nur schon den Alltag erleichtert. Es geht nicht um eine komplette Roboterisierung der Menschheit, sondern um den Nutzen, den wir als Querschnittgelähmte irgendwann davon haben. Noch ist das Exoskelett sehr schwer, aber ich glaube, dass es – in welcher Form auch immer – irgendwann alltagstauglich wird, wenn wir weiter daran forschen.
Das ist auch der Grund, warum ich mitmache bei diesem Projekt.

Kannst du das Exoskelett nach dem Cybathlon behalten?

Nein, und möchte ich auch nicht (lacht). Es ist mir im jetzigen Stadium noch zu schwer, zu steif und zu unsicher. Das Schönste wäre, wenn es irgendwann eine Hose oder einen Einteiler gäbe, der diese Funktion hat, und den ich einfach anziehen könnte.

 

Am CYBATHLON treten Menschen mit Behinderungen in unterschiedlichen Disziplinen gegeneinander an. Unter ettkampfbedingungen bewältigen sie alltagsrelevante Aufgaben und werden dabei von technischen Assistenzsystemen unterstützt. Der CYBATHLON hat zum Ziel, den technischen Fortschritt im Bereich der assistiven Technologien voranzutreiben und der breiten Öffentlichkeit den aktuellen Stand der Technik zu zeigen. EKZ ist einer der Presenting Partner des CYBATHLON, der am 2. und 3. Mai 2020 in der Swiss Arena in Kloten stattfinden.

Cybathlon.ch