Überraschungen im Untergrund

Verkabelung

Überraschungen im Untergrund

An der Stadtgrenze von Winterthur ersetzte EKZ die 16kV-Mittelspannungsleitung von Seuzach nach Elsau. Wegen des anspruchsvollen Terrains im letzten Bauabschnitt durch Rümikon wurde diese über 300 Meter Länge gebohrt. Doch diese Bohrung hatte ihre Tücken.

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Es ist noch ein sonniger, milder Tag im Spätherbst letzten Jahres, als die Bauarbeiten in Elsau, kurz nach der Grenze zu Winterthur, starten. Trotz des milden Wetters liegt die Erde schwer auf dem Feld, an den Schuhen klebt innert Kürze eine dicke Dreckschicht. Die Baustelle befindet sich gleich neben den letzten Häusern, bevor sich ein weites Feld öffnet. Wobei Baustelle nach mehr tönt, als es tatsächlich ist: Neben zwei Baucontainern befinden sich ein paar wenige Baumaterialien, daneben steht die Bohrmaschine mit unzähligen Rohren. Das Ganze natürlich sauber markiert und abgegrenzt durch den üblichen weiss-rot gestreiften Bauzaun. Erst beim Herantreten an die Baustelle erkennt man den schmalen und etwa zwei Meter tiefen Graben, der für die Bohrmaschine ausgehoben wurde. Drin, wie zu erwarten, noch mehr Dreck und Schlamm. An dem Tag starteten die Arbeiten für das neue Stromkabel von der Rümikerstrasse bis hinüber zur Hauptstrasse. Das Besondere an diesem Projekt: Die Rohre für das Kabel werden nicht konventionell in einen Graben gelegt und dann wieder zugeschüttet. Die über 300 Meter lange Strecke wird stattdessen in einer Tiefe von etwa 10 bis 15 Metern gebohrt. «Der Grund sind die Eulach und die Bahnstrecke, die unterquert werden müssen. Da hätten wir nicht einfach durchgraben können», erklärt Franc Schneider, Bauaufseher in der Netzregion Weinland.

«Diese Bohrung ist auch für mich mit vielen Jahren Erfahrung in Verkabelungsprojekten etwas Spezielles.»

Hindernisse auf dem Weg zum Ziel

Es wird laut, die Bohrmaschine wird angeworfen. Langsam und vorerst unbeirrbar pflügt sich der Bohrkopf durch die ersten Erd- und Schlammschichten. Immer tiefer stossen die Rohre hinein ins Erdreich, Meter um Meter vorwärts in Richtung Ziel, dem Verbindungskabel jenseits der Hauptstrasse, wo das Stromkabel dereinst wieder angeschlossen wird. Doch bis dahin lauern noch ein paar Hindernisse. Zuerst geht es entlang der beschaulichen Quartierstrasse vorbei an ein paar Wohnhäusern, bis die Bohrmaschine die adrett kanalisierte Eulach unterquert. «Dort ist besondere Aufmerksamkeit geboten, da bei einem allfälligen Lockergestein zur Bachsohle hin Bohrschlamm ins Gewässer geraten kann», führt Schneider aus. «Das wäre für die Lebewesen im Bach nicht besonders gut.»

Doch Probleme auf diesem Teilstück machte dann nicht der kleine Fluss, sondern eine unerwartet harte Gesteinsschicht, die der erste Bohrkopf nicht zu durchdringen vermochte. Der für so eine Geologie stärkere und spezialisierte Bohrkopf aber war damals andernorts im Einsatz. Die Bohrung musste abgebrochen werden, bis der Felsbohrer frei wurde. «Bei solchen Projekten ist das völlig normal, wir haben mit allen möglichen Unbekannten gerechnet», erklärt der Bauaufseher. Trotz geologischem Gutachten wisse man nie, welche Überraschungen das Erdreich bereithält.

Die Baustelle in Rümikon.
Die Bauestelle für das neue Kabel liegt idyllisch in Elsau direkt am Stadtrand von Winterthur.
Der Bohrkopf
Der Bohrkopf, der sich später durch den Untergrund pflügen wird.
EKZ-Bauaufseher Franc Schneider
Der Bauaufseher von EKZ, Franc Schneider, musste auf ein paar Überraschungen reagieren.

Höchste Sicherheitsstufe bei den Gleisen

Kurz vor Weihnachten und immer noch im Terminplan ratterte die Bohrmaschine schliesslich wieder, doch auch im zweiten Anlauf verlief die Bohrung nicht wie gewünscht. Diesmal scheiterte die Maschine an der anspruchsvollen Wegbiegung inmitten des Weilers Rümikon, wo idyllisch Fachwerksbauten und alte Scheunen den Weg säumen und ein Brunnen aus 1960 mit seinem Plätschern die Stille durchbricht. Man entschied sich für zwei Teilbohrungen, um das Problem mit der Kurve zu umgehen. «Da muss man flexibel nach Lösungen suchen», zeigt sich Schneider weiterhin entspannt. Man befinde sich nun zwar hinter dem Zeitplan, aber immer noch im akzeptablen Bereich. Schneider scheint nicht viel aus der Ruhe zu bringen.

Die nächste Herausforderung stand Anfang des neuen Jahres an: Die Unterquerung der SBB-Gleise der Hauptstrecke St. Gallen – Zürich. Alles, was ein Bahntrassee betrifft, obliegt höchsten Sicherheitsauflagen. So musste beispielsweise die ganze Zeitspanne der Bohrung ein Aufseher der SBB vor Ort sein, der die Gleise permanent visuell und per Nivelliergerät überwachte. «Würde das Gelände wegen der Bohrung nur einen Millimeter absacken, hätte das Auswirkungen auf die Stabilität und die Festigkeit der Gleise. Bei tonnenschweren Personen- und Güterzügen kann schon die allerkleinste Verschiebung verheerende Auswirkungen haben», erklärt der SBB-Spezialist Max Blöchlinger die Vorsichtsmassnahme. Der Bohrkopf arbeitete aber anstandslos und bereits nach kurzer Zeit konnte mit der Hauptstrasse das letzte Hindernis der langen Reise erreicht werden.

Komplexe Kommunikation

«Diese Bohrung ist auch für mich mit vielen Jahren Erfahrung in Verkabelungsprojekten etwas Spezielles», zeigt sich Franc Schneider nach Abschluss der Arbeiten Ende Februar trotz allem zufrieden. Er möge die Komplexität solcher Projekte, die Kommunikation mit den vielen verschiedenen Beteiligten: dem Bauunternehmer, den Anwohnern, dem AWEL, den SBB, der Polizei. Wegen der Baustelle musste gar die 80-er-Ausserortsstrecke vorübergehend auf 60 km/h reduziert werden. Und am Ende dieses langen Projekts mit vielen Unbekannten standen die Netzbaumonteure pünktlich auf dem Tapet und zogen die Kabel ein. Damit die Versorgungssicherheit in der Gegend rund um Winterthur auch in Zukunft gewährleistet ist.