«Der Allround-Coach»

Sauber über Frehsner

«Der Allround-Coach»

Karl Frehsners Welt war eigentlich der Skirennsport. Doch 1994 tauschte er die Schneepisten gegen den Asphalt ein und betreute
im Rennstall Sauber während dreier Jahre einen Formel-1-Piloten. Peter Sauber erinnert sich.

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Ende 1993 bin ich Karl Frehsner zum ersten Mal begegnet. Sein Name war mir natürlich schon länger ein Begriff, denn ich hatte den Skirennsport über viele Jahre hinweg verfolgt und darin war er einfach eine feste Grösse. Ob Skirennsport oder Formel 1, Karl Frehsner machte da keinen Unterschied.

‹Es handelt sich in beiden Sportarten ganz einfach um Leute, die ein Gerät auf höchstem Niveau beherrschen›

, hat er in seinen Erinnerungen festgehalten. Diese Einstellung gefiel mir. Ich habe ihn dann zu Formel-1-Tests im portugiesischen Estoril eingeladen, er sollte sich ein Bild über die Betreuung der Sauber-Piloten machen. Mir war es sehr wichtig, seine Eindrücke zu erfahren und vor allem, was wir aus seiner Sicht in Zukunft verbessern könnten.

Für die Saison 1994 und folgende nahm ich den deutschen Rennfahrer Heinz-Harald Frentzen unter Vertrag. Frentzen war schon 1990 zusammen mit Michael Schumacher und Karl Wendlinger im Sauber Mercedes Junior Team Sportwagenrennen gefahren. Frentzen war talentiert, aber mir war schnell klar, dass er, um seine Leistung abzurufen, einen persönlichen Coach an seiner Seite brauchte. Karl Frehsner war dafür ideal, weil er mit den Schweizer Skifahrern sehr erfolgreich war und für das Jahr 1994 mit dem Internationalen Skiverband keinen Vertrag mehr hatte. Ich sprach ihn also konkret darauf an, ob er für Frentzens Betreuung zur Verfügung stehen würde. Er willigte ein.

Karl Frehsner wird oft als ‹Eiserner Karl› betitelt, doch so präsentierte er sich bei Sauber überhaupt nicht – im Gegenteil. Er wurde schnell von allen akzeptiert und respektiert, auch ohne die viel zitierte harte Hand. Zuständig war er jedoch nur für die Betreuung von Heinz-Harald Frentzen. Karl Frehsner hat es verstanden, auf ihn zuzugehen und ihn in seinem Job als Formel-1-Fahrer optimal zu unterstützen. 

Peter Sauber (l), 76, ist ein ehemaliger Schweizer Rennfahrer. 1970 gründete er die PP Sauber AG als unabhängige  Konstrukteurin von offenen zweisitzigen Sportwagen im schwerizerischen Hinwil. 1993 schaffte er den Spring in die Königsklasse des Motorsports. Bis Juli 2016 war Peter Sauber Besitzer des in Hinwil domizilierten Formel-1-Rennstalls Sauber Motorsport. 

Karl Frehsner (r), 80, gilt als lebende Trainerlegende des Skisports. mehr als 50 WM- und Olympiamedaillen haben Athletinnen und Athleten unter seiner Obhut errungen. Aufgrund seiner Erfolge engagierte ihn Peter Sauber 1994 als Fahrertrainer für sein Formel-1-Team. Nach erfolgreichen drei Jahren kehrte Karl Frehsner 1997 zum Skisport zurück.

Ich bin mir sicher, dass er ihm damit zu besseren Resultaten verholfen hat. Das optimale Rüstzeug dazu hatte Heinz-Harald Frentzen in jedem Fall, denn wie
im Skirennsport beruht auch in der Formel 1 der Erfolg auf verschiedenen Faktoren: Talent, physischer und mentaler Stärke, technischem Verständnis und
gutem Umgang mit den Medien. Karl Frehsner brachte seine grosse Erfahrung in die Zusammenarbeit mit ein – und genau davon profitierte unser Fahrer.
Zwischen den beiden hat es einfach gepasst.

Einen Unterschied zu seinem früheren Wirkungsbereich gab es allerdings. Auch wenn die Aufgabenstellung in der Formel 1 ähnlich war wie im Skirennsport, in einem Punkt war die Zusammenarbeit mit Heinz-Harald Frentzen eine ganz andere: Bei den Skifahrern war Karl Frehsner für die alpinen Herren verantwortlich und musste eine Mannschaft zum Erfolg führen. In unserem Fall ging es um einen einzelnen Fahrer. Es gab keine Auswahl und keinen Ersatz.Doch dank seiner grossen Erfahrung und der entsprechenden Flexibilität war seine Arbeit mit Frentzen sehr erfolgreich.

Was ich an Karl Frehsner besonders schätzte, war seine Professionalität in jeder Hinsicht. Er konnte mit allem umgehen, auch mit Niederlagen und Rückschlägen, denn ihm war immer bewusst, dass Erfolg und Misserfolg im Sport sehr nahe beisammen liegen und zum Tagesgeschäft gehören.


Unsere Zusammenarbeit endete dann 1996, als Heinz-Harald Frentzen zu Williams wechselte. Für Karl Frehsner stellte das kein Problem dar, denn
schnell hatte er ein Angebot auf dem Tisch: als Cheftrainer das Damenteam des Österreichischen Skiverbands zu übernehmen. So kehrte er zu seinen Wurzeln zurück.

Ich bin mir sicher, dass auch er aus seiner Zeit bei der Formel 1 etwas mitnehmen konnte. Karl Frehsner hatte sich in seiner Zeit bei Sauber bewiesen
und gezeigt, dass er auch in einem für ihn fremden Umfeld helfen kann. Die Technik am Auto, vor allem die Aerodynamik, sowie der Austausch mit
Mechanikern und Ingenieuren waren für ihn immer sehr wichtig. Er hat einmal gesagt, dass diese Zeit in der Königsklasse des Automobilrennsports für ihn
eine sensationelle Erfahrung gewesen sei. Das freut mich natürlich. Wir haben in den drei gemeinsamen Jahren sehr viel erlebt, das hat uns damals zusammengeschweisst. Ich habe ihn auch nach seinem Weggang noch bisweilen um seinen professionellen Rat gefragt. Leider fehlte uns dann immer die Zeit, unseren Kontakt regelmässig zu pflegen, aber wir haben bis heute ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Wir treffen uns zwar nur selten, aber es ist jedes Mal wieder eine grosse Freude für mich. Wenn ich heute auf meine Zeit in der Formel 1 zurückschaue, vermisse ich zwar manchmal den Formel-1-Zirkus, vor allem aber die Menschen. Aber zurück möchte ich nicht mehr.»