Einem Kraftwerkkanal wird das Wasser abgelassen

Einem Kraftwerkkanal wird das Wasser abgelassen

Seit Mitte Mai blicken Passanten auf der Limmatbrücke an der Überlandstrasse in Dietikon nicht auf eine reflektierende Wasseroberfläche, sondern tief hinab in ein kahles Kanalbett.
Grund ist die Erneuerung des Kraftwerks Dietikon.

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Seit Mitte Mai blicken Passanten auf der Limmatbrücke an der Überlandstrasse in Dietikon nicht auf eine reflektierende Wasseroberfläche, sondern tief hinab in ein kahles Kanalbett. Der 400 Meter lange, 30 Meter breite und 4 Meter tiefe Oberwasserkanal wurde trocken gelegt. Grund ist die Erneuerung des Kraftwerks Dietikon. In den kommenden rund 18 Monaten werden die fast 90 Jahre alten Turbinen er-setzt, neue Fischauf- und -abstiegshilfen erstellt und ein riesiger horizontaler Fischrechen gebaut.

Seltenes Ereignis

Die komplette Entleerung ist für die EKZ ein spezielles Ereignis: Zum letzten Mal wurde das Wasser vor 45 Jahren abgelassen. Die damals im Jahr 1973 erstellte Dokumentation über die Trockenlegung diente den heutigen Verantwortlichen denn auch als Ratgeber für die Vorbereitungen. «Wir wussten nicht genau, was uns erwartet, darum waren die Unterlagen sehr hilfreich», sagt Projektleiter Roland Sutter. Die gesamte Entleerung dauerte gut eine Woche und wurde von Wasserbauspezialisten und Experten der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung begleitet.

Als erstes wurden beim Kraftwerk Netze vor dem Einlaufrechen gespannt, um die Fische zu schützen. Danach wurde der Zufluss aus der Limmat abgeriegelt. Die Vorrichtungen dazu an der Limmatabzweigung waren schon beim Bau des Kanals Anfang der 1930er Jahre erstellt worden. So wurde am Morgen des 14. Mai 2018 zunächst das Trägergestell aus Metall beidseitig am Kanalrand in der Halterung befestigt. Mit langen u-förmigen Metalllatten, die Nadeln genannt werden, wurde darauf Schritt für Schritt das Wehr erstellt. Dazu liessen EKZ Mitarbeiter von beiden Kanalufern aus eine Nadel nach der anderen dem Trägergestell entlang senkrecht ins Wasser. Ein Taucher stellte sicher, dass alle in die Nadelführung im Boden gesteckt werden konnten. Kurz nach Mittag war das Nadelwehr bereits erstellt. Beim nachfolgenden Ablassen des Wassers kamen unzählige rostige Velos, Einkaufswägeli aber auch Munition, Mobiltelefone oder Nummernschilder zum Vorschein. Das Entleeren dauerte mehrere Tage. Gegen Ende kamen Pumpen zum Einsatz, die immer noch in Betrieb sind.

Zwei Dutzend Fischer aufgeboten

Zuvor mussten aber noch die im Kanal lebenden Fische umgesiedelt werden. Um deren Wohl sorgten sich die Mitarbeiter der Fischerei- und Jagdverwaltung des Kantons Zürich. Alfred Senteler, Fischereiaufseher des Kreises Unterland und Limmat, hatte zwölf ausgebildete Fischereiaufseher, alles Mitarbeiter der fünf Fischereiaufsichtskreise des Kantons, aufgeboten. Unterstützung erhielten sie von rund einem Dutzend Sportfischern aus verschiedenen Zürcher Fischerei-Revieren.

«Die Organisation einer solchen Ausfischung ist eine Herausforderung», sagte Senteler im Vorfeld. Entsprechend berücksichtigte er bei der Instruktion seiner Mitarbeiter und Helfer alle Eventualitäten. Wichtig war ihm, dass Untiefen im Kanalboden frühzeitig entdeckt und Schlickansammlungen genau angeschaut werden. «In Löchern etwa könnten Fische hängenbleiben und müssten dann sehr schnell herausgeholt werden», so Senteler. Zudem wusste der Fischereiaufseher nicht, wie viele Fische sich im Kanal befinden könnten. «Wir hatten nur ungefähre Schätzungen.»
Nicht zuletzt dank der guten Vorbereitung ging die Ausfischung des Kanals aber glatt und komplikationslos über die Bühne. «Das nasskalte Wetter war ideal, die Leute vor Ort arbeiteten gut zusammen und waren motiviert und so klappte alles erstaunlich reibungslos», bilanziert Senteler die Aktion. Geholfen habe aber auch, dass der Kanal keine Überraschungen bereithielt. «Es hatte weder Schlick noch Löcher und alle Fische schwammen mit dem sinkenden Wasser in den untersten Teil des Kanals direkt vor das Kraftwerk.» 

Mit langen u-förmigen Metalllatten, die Nadeln genannt werden, wird Schritt für Schritt das Wehr erstellt.
Mit langen u-förmigen Metalllatten, die Nadeln genannt werden, wird Schritt für Schritt das Wehr erstellt.
Das Nadelwehr ist erstellt. Das Wasser kann nicht mehr durch und wird jetzt langsam abgelassen.
Das Nadelwehr ist erstellt. Das Wasser kann nicht mehr durch und wird jetzt langsam abgelassen.
Viel Wasser ist schon aus dem Oberwasserkanal abgeflossen. Jetzt starten die Fischer mit dem Ausfischen.
Viel Wasser ist schon aus dem Oberwasserkanal abgeflossen. Jetzt starten die Fischer mit dem Ausfischen.
Langsam leert sich der Oberwasserkanal. Noch ist im unteren Bereich viel Wasser.
Langsam leert sich der Oberwasserkanal. Noch ist im unteren Bereich viel Wasser.
Im Kanalbett liegen diverse Gegenstände: Pneus, Einkaufswagen, Velos, Schuhe etc.
Im Kanalbett liegen diverse Gegenstände: Pneus, Einkaufswagen, Velos, Schuhe etc.

Dort sammelten die Fischer die Tiere mit Hilfe von Elektrofanggeräten ein. Dabei wird Gleichstrom durch das Wasser geschickt, der die in einem Radius von etwa einem Meter befindlichen Fische zur Anode lockt und leicht betäubt. «Das ist für die Fische auch weniger stressig», sagt Senteler. So konnten die Fischer sie mit dem sackartigen Fischernetz, dem sogenannten Feumer, einfach aus dem Kanal holen. Die gefangenen Exemplare wurden zunächst in einem Eimer mit Wasser platziert, bestimmt und gezählt. Darauf kippten die Fischer sie in die mit Wasser gefüllten Transportmulden. Ein Lastwagen brachte die Mulden schliesslich zum Unterwasserkanal, wo die Fische über eine Blache wieder in die Freiheit entlassen wurden.
«Schön ist, dass unter den umgesiedelten Fischen auch einige Exemplare der bedrohten Nasen und Äschen waren», sagt Senteler. Man habe in den letzten Jahren viele Anstrengungen unternommen, um Habitate zu gestalten, die diesen Arten gefallen. «In der Limmat haben wir zudem einen ganz speziellen Stamm der Nase, darum ist jeder dieser Fische eine besondere Freude.»  

Äsche
Bachforelle
Regenbogenforelle
Barbe
Hasel
Alet
Nase 
Schneider
Groppe
Total

6
2
52
565
176
36
26
3
421
1287