Mit der vollständigen Strommarktöffnung sollen die Weichen in der Schweizer Energiepolitik neu gestellt werden. Ab 2023 sollen auch Privatkunden, die wenig Strom verbrauchen, ihren Energielieferanten frei wählen können. EKZ-CEO Urs Rengel erklärt, wieso er die Marktöffnung unterstützt und wo er Vorbehalte hat.

Urs Rengel, wie stellt sich EKZ zur vollständigen Strommarktöffnung?

Wir befürworten die vollständige Marktöffnung – solange sie frei von wettbewerbsverzerrenden Vorgaben ist. Ich bin überzeugt, dass EKZ für einen wirklich offenen Markt gut aufgestellt ist und viel zu bieten hat. Das Umfeld, der teiloffene Markt, in welchem wir uns heute bewegen, wird Schritt für Schritt zureguliert. Es geht in Richtung einer gebührenfinanzierten Stromversorgung, wie wir es zum Beispiel von der Wasserversorgung kennen. Für Alleinstellung und Innovation bleibt immer weniger Raum. Hingegen bietet uns ein offener Markt unternehmerische Chancen. Diese Herausforderung packen wir selbstverständlich an.

Jetzt könnte man sagen: Die Stromversorger haben das Monopol, solange es rentabel war, genossen. Jetzt, wo es ungemütlich wird, sind sie für die Marktöffnung.

Ich kann nur für EKZ sprechen. Wir müssen uns diesen Vorwurf sicher nicht gefallen lassen. Seit von der vollständigen Marktöffnung gesprochen wird, unterstützen wir sie. EKZ operiert seit 1983 nach dem gemeinwirtschaftlichen Gedanken. Wir häufen keine Gewinne an – wir erstatten sie unseren Kunden direkt in Form eines Bonus oder in Form von Ausgleichszahlungen an die Gemeinden zurück. Dabei profitieren unsere Kunden von Strompreisen, die im landesweiten Vergleich zu den tiefsten gehören.

EKZ-CEO Urs Rengel: «Ein offener Markt bietet uns unternehmerische Chancen. Diese packen wir selbstverständlich an.»
EKZ-CEO Urs Rengel: «Ein offener Markt bietet uns unternehmerische Chancen. Diese packen wir selbstverständlich an.»

Dennoch sehen Sie einige Punkte der vorliegenden Gesetzesrevision kritisch?

Wir wehren uns gegen Vorgaben, die den Markt unnötig einschränken. Die Revision des Stromversorgungsgesetzes (StromVG) sieht zum Beispiel vor, dass in der Grundversorgung überwiegend oder sogar ausschliesslich Schweizer Strom aus erneuerbarer Energie verkauft werden darf. Mit Liberalisierung hat das wenig zu tun. Wir sprechen zwar von einem offenen Markt, regulieren aber den grössten Teil – die Grundversorgung – gleich wieder zu. Wenn wir den Markt öffnen, dann müssen wir auch dazu stehen, dass der Kunde entscheiden kann, welchen Strom aus welcher Quelle er will. Deshalb lehnen wir Vorgaben zu Qualität und Herkunft der Energie ab. Und auch eine Regulierung der Tarifhöhe in der Grundversorgung halten wir für unnötig. Wir liberalisieren ja, damit der Markt genau diese Dinge selbst regelt.

Mit den Vorgaben zu Herkunft und Qualität der Energie in der Grundversorgung will der Bundesrat die Wasserkraft stärken. Das müsste doch auch im Sinn von EKZ sein?

Natürlich ist eine starke Schweizer Wasserkraft in unserem Sinn. Wir dürfen die Wasserkraft aber nicht mit marktverzerrenden Vorschriften belasten, sondern müssen sie davon befreien. Zum Beispiel indem wir die Wasserzinsen auf eine neue finanzielle Basis stellen. Rund ein Viertel der Herstellungskosten des Wasserstroms entfällt heute auf die Wasserzinsen. Das schadet der Wasserkraft im internationalen Markt. Darüber hinaus bietet der Schweizer Markt keine ausreichenden Mengen an Energie und Herkunftsnachweisen. Die Nachfrage in der Grundversorgung könnte also gar nicht mit erneuerbarer Energie aus der Schweiz gedeckt werden – selbst wenn ein überraschend grosser Teil der Kunden aus der Grundversorgung in den Markt wechselt. Das gilt noch verstärkt, wenn die Abrechnung künftig quartals- oder sogar monatsweise erfolgt, so wie es der Bund vorsieht. Unsere Berechnungen zeigen: Gerade in den Winterquartalen gibt es bei weitem nicht genügend Herkunftsnachweise. In der Folge würden die Preise ins Unermessliche steigen.

EKZ lehnt auch das Wahlmodell abgesicherte Stromversorgung ab. Sie möchten also nicht, dass Kunden, die einmal in den freien Markt gewechselt haben, zurück in die Grundversorgung können. Warum?

Die Tarife in der Grundversorgung fussen auf einer langfristigen Beschaffungsstrategie. So glätten wir die Preise über mehrere Jahre. Wer in der Grundversorgung ist, profitiert also, wenn die Marktpreise steigen. Und er zahlt etwas mehr, wenn die Preise sinken. Wenn wir nun den Kunden erlauben, opportunistisch diese Produkte zu wechseln, wird dieser Glättungsmechanismus verzerrt. Unsere Aussage ist deshalb: Wer sich dem Markt stellen will, soll die Konsequenzen tragen – ob positiv oder negativ.