EIN ZIEL –ZWEI PERSPEKTIVEN

Energiestrategie 2050

EIN ZIEL –ZWEI PERSPEKTIVEN

Die Energiestrategie 2050 birgt viele Heraus­forderungen – für Politik und Energieversorger. Marianne Zünd vom Bundesamt für Energie BFE und Karl Resch von EKZ geben einen Überblick über die unterschiedlichen Perspektiven.

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Marianne Zünd ist Leiterin Abteilung Medien & Politik und Mitglied der Geschäftsleitung beim Bundesamt für Energie.

Frau Zünd, das Ziel der Energiestrategie ist eine klimaneutrale Schweiz bis zum Jahr 2050. Können wir die Ziele bis 2050 erreichen?


Wir stehen unter Zeitdruck: Der Klimawandel wartet nicht, bis wir parat sind. Allein mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien lässt sich das Ziel nicht erreichen. Ebenso wichtig ist es, die vorhandenen und die neu erschlossenen Energiequellen effizient und intelligent zu nutzen. Dabei unterstützen uns auch die digitalen Technologien.

Bis 2050 eine klimaneutrale Energieversorgung zu erreichen, ist anspruchsvoll: Immerhin decken wir heute noch über 60 Prozent und damit den Hauptteil unseres Energiebedarfs mit Öl und Gas. Diese setzen bei ihrer Verbrennung in Heizungen und Motoren CO2 frei und tragen so zur Klimaerwärmung bei. Die Schweiz und alle anderen Länder, die sich in Richtung Klimaneutralität bewegen, betreten nun ganz neue Wege. Ähnlich wie vor rund 140 Jahren, als die Elektrifizierung begann.

Wie wichtig sind Auslandsengagements von Schweizer Unternehmen (z.B. Windparks im europäischen Ausland), um die Ziele der Energiestrategie 2050 zu erreichen?


Die Klimaerwärmung ist eine globale Veranstaltung. Wenn in jedem Land klima­freundliche Energielösungen realisiert werden, nützt das also letztlich der ganzen Welt. Aus dieser Sicht trägt auch das Engagement von Schweizer Unternehmen im Ausland zum Erreichen der globalen Klimaziele bei, und das ist gut. Wichtig ist aber auch, dass sich jedes Land Ziele setzt und diese dann auch tatsächlich, wo immer möglich auf eigenem Boden, umsetzt. Diese Hausaufgaben kann man nicht an andere Länder delegieren.

«Wir stehen unter Zeitdruck: Der Klima­wandel wartet nicht, bis wir parat sind.» 

Die Schweizer Energieversorgungsunternehmen haben aber auch Hausaufgaben im eigenen Land, ja sogar eine gesetzliche Verpflichtung, die inländische Energieversorgung sicherzustellen und im Sinne der Energiestrategie 2050 weiterzuentwickeln. Sie stehen dabei aber nicht allein da: Bund und Kantone müssen die geeigneten Rahmenbedingungen schaffen, damit die Energieunternehmen diese Aufgabe auch erfolgreich wahrnehmen können. Darum sollen ja auch die gesetzlichen Grundlagen angepasst werden.

Ziel der derzeit laufenden Revision des Stromversorgungsgesetzes ist die vollständige Öffnung des Strommarktes. Im gleichen Zug soll auch das Energiegesetz angepasst werden. Mit welchen Mitteln soll das geschehen?

Die Arbeiten zu den beiden Vorlagen sind noch im Gang. Der Bundesrat wird sie voraussichtlich im Frühling 2021 ans Parlament überweisen. Ich möchte den Entscheiden des Bundesrats hier nicht vorgreifen. Nur so viel: In der Vernehmlassung zur Revision des Energiegesetzes sind sehr viele Stellungnahmen, und teils sehr gegensätzliche Stellungnahmen eingegangen.
Es gibt Forderungen nach viel höheren Ausbauzielen und mehr Fördergelder und sogar neue Fördermodelle für die erneuerbaren Energien, andere möchten die Förderung auslaufen lassen, wieder andere möchten eine spezielle Förderung für einzelne Technologien. Verlangt werden teils auch höhere Ziele und Fördermodelle für die Energieeffizienz. Aus den Stellungnahmen ist auch der enge Zusammenhang der beiden Vorlagen klar hervorgegangen: Erneuerbare Energien und Effizienz finden im Markt statt. Um sie im Markt optimal zu integrieren, müssen auch die gesetzlichen Bedingungen für den Strommarkt stimmen.
 

Wie werden sich die aktuelle Corona-Krise und der damit verbundene Konjunkturabschwung auf die weitere Entwicklung auswirken?


Energie gehört zu den «lebensnotwendigen Gütern», ohne die unsere moderne Gesellschaft nicht funktioniert. Dank der sehr guten Vorbereitung der Schweizer Energieversorger hatten und haben wir während der Pandemie keine Energieversorgungsprobleme.

Grundsätzlich hat die Pandemie an den anstehenden Herausforderungen und Zielen der Energiestrategie 2050 nichts geändert. Sie ist aber sicher ein Auslöser, noch eingehender über die Energieversorgung der Schweiz, besonders in Krisensituationen, nachzudenken und zu überprüfen, ob wir hier noch richtig aufgestellt sind. 

Karl Resch ist Leiter Regulierungsmanagement und Netzwirtschaft bei EKZ.

Herr Resch, das Ziel der Energiestrategie ist eine klimaneutrale Schweiz bis zum Jahr 2050. Können wir die Ziele bis 2050 erreichen?


Im Moment gibt es sehr viele Gesetzesanpassungen, die die Umsetzung der Energiestrategie auf die Schiene bringen sollen.

Aus unserer Perspektive als Netzbetreiber besteht eine grosse Herausforderung im Paradigmenwechsel weg von den gros­sen zentralen Erzeugungseinheiten hin zu kleinen dezentralen Produzenten. Das bedingt einen Umbau der Netzinfrastruktur und eine Anpassung im Netzbetrieb. Stromerzeugung mit Sonne und Wind ist nicht so gut planbar. Das Hauptaugenmerk liegt hier auf einer optimierten Abstimmung von Verbrauch und Produktion und im Ausbau zum Smart Grid.

«Wir stehen noch am Anfang des Umbaus des Energiesystems.» 

Wir stehen noch am Anfang des Umbaus des Energiesystems. Zum Beispiel produzieren die Kernkraftwerke in der Schweiz jährlich rund 24 Terawattstunden Strom, dieser muss ersetzt werden. Der Anteil der Stromproduktion mit erneuerbaren Energien ­ausser Wasserkraft soll von derzeit rund 4 Terawattstunden bis 2035 auf 11,4 Tera­wattstunden ausgebaut werden. Hinzu kommt die notwendige Dekarbonisierung des Wärme- und Mobilitätsmarkts. Dies führt im Stromnetz zum Beispiel durch die damit verbundene Zunahme von Wärmepumpen und Elektroautos zu zusätzlichem Leistungs- und Energiebedarf.

Wie wichtig sind Auslandsengagements von Schweizer Unternehmen (z.B. Windparks im europäischen Ausland), um die Ziele der Energiestrategie 2050 zu erreichen?


Der dort produzierte Strom ist Teil der europäischen Stromerzeugung. Auch diese soll 2050 klimaneutral sein. Das Schweizer Stromnetz ist mit dem europäischen untrennbar verbunden. Mit unserem ausländischen Engagement unterstützen wir den Ausbau der erneuerbaren Energie und leisten einen Beitrag zur Erhöhung der Versorgungssicherheit. Mit den Investitionen soll darüber hinaus selbstverständlich eine angemessene Rendite erzielt werden. Hinzu kommt, dass in Spanien und Por­tugal sehr grosse PV-Freiflächenanlagen möglich sind, was zu tiefen Produktionskosten führt.

Ziel der derzeit laufenden Revision des Stromversorgungsgesetzes ist die vollständige Öffnung des Strommarktes. Im gleichen Zug soll auch das Energiegesetz angepasst werden. Wie bereiten Sie sich bei EKZ darauf vor?

Grundsätzlich steht EKZ einer vollständigen Strommarktöffnung positiv gegenüber. Der vorliegende Gesetzesentwurf sieht eine Marktöffnung frühestens 2024/25 vor. . Diesbezüglich gab es aber schon oft Verzögerungen. Das Ziel von EKZ bleibt nach wie vor unverändert. Unsere Aufgabe ist es, die hohe Versorgungssicherheit zu gewährleisten bei möglichst tiefen Kosten. Dazu möchten wir unsere Kunden mit modernen, innovativen Energielösungen darin unterstützen, die Ziele der Energiestrategie bestmöglich umzusetzen. Wir befinden uns da aber natürlich auch in einem Spannungsfeld zwischen Grundversorgung und freiem Markt. Im Moment gibt es viele neue Gesetze. Die Investitionsanreize in die einheimischen erneuerbaren Energien, die zur Stärkung der Versorgungssicherheit beitragen sollen, sehen wir jedoch noch nicht wirklich. Der Ausbau der erneuerbaren Energie erfolgt derzeit immer noch hauptsächlich aufgrund von Fördermassnahmen bzw. im Privatbreich auch idealistisch. Wenn der Markt es also nicht hergibt, in neue Technologien zu investieren, wird man in den Markt eingreifen müssen.
 

Wie werden sich die aktuelle Corona-Krise und der damit verbundene Konjunkturabschwung auf die weitere Entwicklung auswirken?


Wegen der Corona-Krise sind der Strombedarf in Europa und als Folge davon der Strompreis am Grosshandelsmarkt eingebrochen. Dies verschlechtert aktuell die Rentabilität von Kraftwerken. Wenn die Konjunktur wieder anspringt und die Strompreise dadurch wieder steigen, wird das die Wirtschaftlichkeit der Kraftwerke wieder verbessern und Investitionen werden rentabler.

Doch langfristig wird es wohl keine grossen Verzögerungen bei der Umsetzung der Energiestrategie 2050 geben, denn die grossen Themen wie Klimawandel oder CO2-Ausstoss sind nicht von der Bildfläche verschwunden. Sie sind nur im Moment nicht so im Fokus. Generell ist das Ziel aber nach wie vor ehrgeizig, eine Prognose abzugeben ist schwer.