Bauen an der Energiezukunft

Energiesysteme

Bauen an der Energiezukunft

Eine Überbauung im Tösstal lebt bereits die Energiezukunft.
Ein integriertes und intelligent gesteuertes Energiesystem
ermöglicht es den Bewohnerinnen und Bewohnern, einen essenziellen Beitrag an die Ziele der Energiestrategie zu leisten.

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Dass man in Kollbrunn in der kleinen Gemeinde Zell in die Energiezukunft eintaucht, ist doch eher überraschend. Das Grundstück gleich am Eingang der Gemeinde liegt keine 10 Kilometer entfernt von der Stadt Winterthur und ist dennoch ein idyllischer Flecken Land, mit direktem Anstoss ans Ufer der Töss und mit Sicht auf Wiesen und Wald. Aber hier wird an den Zielen der Energiestrategie 2050 gebaut. Seit letztem Herbst ist die Überbauung Verdeblu mehrheitlich fertiggestellt und bewohnt. So weit, so normal. Bemerkenswert ist aber, dass diese Überbauung ihren Energiebedarf zu einem hohen Anteil selbst deckt, und das ausschliesslich aus erneuerbaren Quellen. «Die Vorgaben der Energiestrategie 2050 sind für die Immobilienwirtschaft auch eine Chance», erklärt Dieter Stutz von der Atlantis AG, die in den Bereichen Umweltberatung, Siedlungsplanung und Architektur tätig ist und das Projekt entwickelt hat. Die Wärmeversorgung übers Grundwasser sei die beste und überzeugendste Lösung gewesen für das Areal. Gemeinsam mit EKZ hat Atlantis dieses komplexe Bauprojekt geplant und umgesetzt.  

Die Wohnüberbauung Verdeblu zeigt den Weg in die Energiezukunft.
Per Mausklick können die Experten laufend optimieren.
Das integrierte Energiesystem kann vom EKZ-Team zentral überwacht und intelligent gesteuert werden.

Bedürfnis nach nachhaltigem Wohnen

Das Neubauprojekt Verdeblu mit neun Wohn- und Geschäftshäusern umfasst 108 Eigentumswohnungen sowie verschiedene Gewerbeflächen, die unter anderem von einer Migros-Filiale, einer Gemeinschafts- sowie einer Physiotherapiepraxis genutzt werden. Eine alte, denkmalgeschützte Scheune dient als Gemeinschaftsraum und sorgt für urigen Charme auf dem Gelände. Im Gegensatz dazu steht die topmoderne Technik, die die Anlage mit Energie versorgt: Als Wärmequelle für die Heizung und das Warmwasser wird das Grundwasser genutzt, welches über einen sogenannten Anergiering die Häuser versorgt, in denen dezentrale Wärmepumpen stehen. Ein Anergiering ist ein kaltes Nahwärmesystem, das im Unterschied zu konventionellen Nahwärmesystemen mit Übertragungstemperaturen von unter 30 Grad Celsius arbeitet. Anergienetze haben deshalb keine Wärmeverluste in den Leitungen, sondern erzielen sogar zusätzliche Energiegewinne durch die Umweltwärme. Im Sommer können die Gebäude über den Anergiering mit dem Grundwasser passiv gekühlt werden, was von den Bewohnerinnen und Bewohnern erfahrungsgemäss zunehmend geschätzt wird.

«Im Wohnbereich einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten, ist ein zunehmendes Bedürfnis.» 

Für die elektrische Energie der Gebäude sorgt eine Photovoltaikanlage, die derzeit auf drei der Flachdächer aufgebaut wird und damit optimal auf den Bedarf der Überbauung ausgelegt ist. Die Anlage entsteht erst jetzt, nachdem die Wohnungen bereits bezogen sind. Denn man wollte den Entscheid für oder gegen Solarstrom den Eigentümerinnen und Eigentümern überlassen. Dass die Anlage mit 100-Kilowatt-Spitzenleistung – das entspricht der Leistung im Sommer bei klarem Himmel − an der ersten Eigentümerversammlung im Winter 2019 mit überwiegender Mehrheit angenommen wurde, spricht eine klare Sprache. Martin Nicklas, Verantwortlicher für moderne Energielösungen bei EKZ, erstaunt dies nicht: «Das Bedürfnis, auch im Wohnbereich einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten, ist uns im Immobilienbereich schon lange bekannt.» So wurde in der Unterniveaugarage auch eine Ladeinfrastruktur für die 209 Parkplätze eingebaut. Dank einem Lastgangmanagement ist es möglich, die Autos gestaffelt zu laden, sollte dereinst eine ganze Flotte an Elektrofahrzeugen die Garage besiedeln.

Gut abgestimmte Anlage

In Kollbrunn werden die Stromerzeugung sowie die Wärme- und Kälteerzeugung und die Elektromobilität in einem integrierten Energiesystem kombiniert. Herzstück ist eine intelligente Steuerung, die die Eigenverbrauchsquote maximiert und das Lastmanagement übernimmt. Dadurch kann das eigentlich wichtigste Ziel erreicht werden: dass der produzierte Strom aus der PV-Anlage auch maximal vor Ort verbraucht wird. Die Steuerung verwendet hierfür Wetterprognosen von einem externen Wetterportal. Ein Algorithmus in der Steuerung wertet diese Daten aus und entscheidet jeweils am Vorabend, ob am nächsten Tag genügend Solarstrom produziert wird, um die Boiler und Speicher der Heizung zu laden. Bei zu geringer Solarproduktion werden die Boiler in der Nacht zum Niedertarif geladen, ansonsten wird abgewartet, bis am nächsten Tag genügend Solarstrom vorhanden ist, um die Wärmepumpe zu starten.

«Wie hoch die Eigenverbrauchsquote der Überbauung ausfallen wird, wird sich übers Jahr hinweg nun zeigen», erklärt Nicklas. «Wir rechnen mit etwa 90 Prozent.» Das wird sich für die Bewohnerinnen und Bewohner bei der Nebenkostenabrechnung auch finanziell auszahlen. Vom guten Gefühl, einen Beitrag an die Energiezukunft geleistet zu haben, gar nicht zu reden.