Ein Blick 80 Jahre in die Vergangenheit

Versorgungssicherheit

Ein Blick 80 Jahre in die Vergangenheit

Wenn ein Kabel nach 80 Jahren vom Seegrund geholt wird, erregt das Aufsehen. Aktuell läuft zwischen Wädenswil und Männedorf die Bergung des alten Seekabels, das diesen Sommer durch ein neues, leistungsstärkeres ersetzt wird.

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Es rattert und knattert und langsam dreht sich die Spule, die so genannte Umlenkrolle, auf dem Ponton rückwärts. Über die Rolle gleitet ein etwa 10 Zentimeter dickes Kabel auf den Ponton, über eine Rinne – die Manipulationsbahn − vorbei an einer Klemme. Ein wenig Schlamm bleibt an der Klemme haften, aber alles in allem ist das Kabel erstaunlich sauber, wenn man bedenkt, dass es direkt aus dem Schlick des Seegrunds, irgendwo in den Tiefen den Zürichsees, kommt. Der Grund: Einige Meter unter der Wasseroberfläche wurde der ganze Schlamm bereits maschinell abgestreift. Das ausgediente Mittelspannungskabel, das in diesem Sommer durch ein neues, leistungsstärkeres ersetzt wird, hatte bis zu diesem Zeitpunkt 80 Jahre auf dem Untergrund gelegen. Das Kabel ist also ein unmittelbarer Blick in die Vergangenheit. Kein Wunder, interessieren sich sogar Ingenieure aus Schweden für dieses Projekt und wünschen sich ein Stück des alten Kabels als Souvenir.

Das 80-jährige Kabel wird vom Grund des Zürichsees geborgen.
Das 80-jährige Kabel wird vom Grund des Zürichsees geborgen.
Die so genannte Curryklemme sorgt dafür, dass das Kabel im Fall eines Kabelrisses nicht zurück in den See gerissen wird.
Die so genannte Curryklemme sorgt dafür, dass das Kabel im Fall eines Kabelrisses nicht zurück in den See gerissen wird.
Das Kabel wird nach 80 bis 120 Meter durchtrennt und sauber versiegelt.
Das Kabel wird nach 80 bis 120 Meter durchtrennt und sauber versiegelt.
Diese Teilstücke werden in Rollen gebündelt...
Diese Teilstücke werden in Rollen gebündelt...
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und anschliessend von einem Kran in den Container gehoben. Jedes Bündel wiegt etwa eine Tonne.
Die Kabel sind bereit für die Rezyklierung respektive Entsorgung.
Die Kabel sind bereit für die Rezyklierung respektive Entsorgung.
Nach 80 Jahren befindet sich das Kabel erstmals wieder am Tageslicht.
Nach 80 Jahren befindet sich das Kabel erstmals wieder am Tageslicht.
Stilleben auf dem Ponton.
Stilleben auf dem Ponton.
Nicht nur für EKZ, auch für den Projektleiter Beat Kropf, Leiter Netzregion Sihl, ein einmaliges Projekt.
Nicht nur für EKZ, auch für den Projektleiter Beat Kropf, Leiter Netzregion Sihl, ist der Seekabelersatz ein einmaliges Projekt.

Seit diesem Frühling fanden am Ufer bereits diverse Vorbereitungsarbeiten statt: So musste das Netz vorab ab dem Unterwerk in Wädenswil und zwischen den Trafostationen ebenfalls verstärkt werden und im Uferbereich wurden zur Vorbereitung Leerrohre in den Boden gebohrt, in denen das neue Kabel später zu liegen kommt. (Wir haben berichtet)

Nun kommen die alten Kabel aus dem See. Von einem Ponton aus werden die insgesamt je 48 Tonnen schweren Kabel sorgfältig hochgezogen und auf ein Horizontalkarussell aufgerollt. Das Kabel wird in Einheiten von 80 bis 120 Meter zerschnitten. Diese Teilstücke sind mit über eine Tonne Gewicht bereits so schwer, dass der Kran längere Kabelstücke gar nicht mehr heben könnte. Abgesehen davon birgt die Bergung einige Herausforderungen, kreuzen doch andere, neuere Leitungen das Stromkabel, welches ausserdem über die letzten Jahre derart von einer Sedimentschicht überdeckt wurde, dass es teilweise trotz Echolot und Tauchgängen nicht mehr exakt geortet werden konnte. Dennoch verlief die Bergung ohne grössere Störungen: «Wir haben die schwierigsten Stellen aktuell vorerst ausgelassen, damit der Fortschritt des ganzen Projekts nicht verzögert wird», sagt Projektleiter Beat Kropf. Konkret handelt es sich um das letzte Kabelstück in den Uferbereichen auf beiden Seeseiten sowie um eine Stelle, an der das EKZ-Kabel unter einem Rohr der Seewasserfassung für die Trinkwasserversorgung des Zürcher Oberlands verläuft, die «erst» vor 60 Jahren in den See kam und somit 20 Jahre nach dem Stromkabel. Dort hat man das Kabel ganz pragmatisch links und rechts durchtrennt, sauber abgedichtet und das kurze Teilstück aktuell noch im See liegen lassen. Gesichert durch eine Boje, damit man es auch wiederfindet, wartet dieses Reststück noch auf seine voraussichtlich anspruchsvolle Bergung.

Dann wird auch der Ponton seinen Dienst getan haben und seine Reise zurück in die Werft im Zürcher Tiefenbrunnen antreten. Denn für die Verlegung des neuen Kabels ist ein grösseres Gefährt vonnöten: zum Einsatz kommt die Zürichseefähre, die für die Kabelverlegung extra gemietet wird. «Wir müssen mit dem Lastwagen mit den Kabelrollen drauffahren können», erklärt Kropf. Dann werden die gut drei Kilometer Kabel von Wädenswil nach Männedorf in flüssigem Tempo im See versenkt, und das in einem einzigen Tag. Bis Ende August sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Damit wären die Gemeinden auf den beiden Seiten des Zürichsees wieder doppelt abgesichert – damit der Strom auch immer zuverlässig fliesst. 

1940 hat EKZ zwei Mittelspannungskabel von Wädenswil nach Männedorf gelegt, um die Region am rechten Zürichseeufer vom Unterwerk Wädenswil aus mit Strom zu versorgen. Heute, fast 80 Jahre später, werden die alten Leitungen dem gestiegenen Strombedarf und den hohen Anforderungen an die Versorgungssicherheit nicht mehr gerecht: EKZ plant, die alten Haftmassekabel durch ein neues, leistungsstärkeres 16-kV-Seekabel zu ersetzen. Die Leitung durch den Zürichsee dient dabei der sogenannten redundanten Versorgung: So erhalten die Bewohner der Region Stäfa im Normalfall Strom vom Unterwerk Stäfa. Fällt dieses aus, kann die Region durch Umschalten unter anderem über das Seekabel von Wädenswil her versorgt werden. «Das redundante Netz ist ein wichtiges Instrument für die Versorgungssicherheit im Kanton Zürich», erklärt Beat Kropf, Leiter Netzregion Sihl und Projektleiter für die Seekabelbergung bei EKZ.

Anzahl alte Seekabel: 2
Alter: Aus dem Jahr 1940
Gewicht: je 48 Tonnen
Länge: je 3,3 Kilometer
Anzahl neue Seekabel: 1 (ein Bündel bestehend aus drei Einleiter-Mittelspannungs- und einem Kommunikationskabel)

Mitte Mai 2020: Spülbohrungen auf beiden Seiten
Anfang Juni 2020: Freilegen der Kabel auf beiden Seiten
Anfang Juli 2020: Entfernung und Entsorgung der alten Seekabel
Mitte August 2020: Lieferung und Verlegung des neuen Mittelspannungs- und des
Kommunikationskabels
Ende August 2020: Inbetriebnahme

Willy Stäubli Ing. AG mit Subunternehmer
Brugg Kabel AG