Strommangellage, Winterstromlücke & Co. - eine Einordnung

Das Thema Strom wird aktuell durch die Medien gereicht. Es wird von Strommangel, Stromlücken und –ausfällen gesprochen. Eine unnötige Panikmache, findet EKZ-CEO Urs Rengel. Und gibt eine Einordnung der verschiedenen Begriffe und Szenarien.

Anja Rubin
7. Dezember 2021
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Bisher hiess es immer: Strom interessiert die Leute nicht, solange er da ist. Aktuell ist die Stromversorgung dennoch in aller Munde. Das müsste Sie eigentlich freuen.

Urs Rengel (schmunzelt): Naja. Die Diskussion wurde durch zwei zentrale Ereignisse befeuert: Erstens durch den Abbruch der bilateralen Verträge und das damit einhergehende fehlende Stromabkommen mit der EU sowie zweitens durch die Kommunikation des Bundes über die so genannte Strommangellage. Dabei wurden die Themen Winterstromlücke, Sommerstromschwemme und Strommangellage vermischt, was die Diskussionen um die Versorgungssicherheit auf kantonaler als auf nationaler Ebene ungünstig befeuert hat.

Warum wurde Strom zu einem solchen Politikum?

Am Anfang stand die vom Volk genehmigte Energiestratege 2050. Darin wurde eine «Umverteilung» der Stromproduktion im Inland definiert. Der Zubau von erneuerbarer Energie, also Wasser, Photovoltaik und Wind, erfolgte in den letzten Jahren nicht gemäss den Vorgaben. Es entstanden Diskussionen, wie diese Zubau-Lücken erfolgreich geschlossen werden können. Je nach Couleur der Partei wird diese Umsetzung anders interpretiert. Erschwerend kam hinzu, dass die eingangs gemachten Aussagen und Begriffe vermischt wurden. Daraus entstand ein Cocktail, welcher zu beträchtlicher Verwirrung führte.

 

Bisher hiess es immer: Strom interessiert die Leute nicht, solange er da ist. Aktuell ist die Stromversorgung dennoch in aller Munde. Das müsste Sie eigentlich freuen.

Urs Rengel (schmunzelt): Naja. Die Diskussion wurde durch zwei zentrale Ereignisse befeuert: Erstens durch den Abbruch der bilateralen Verträge und das damit einhergehende fehlende Stromabkommen mit der EU sowie zweitens durch die Kommunikation des Bundes über die so genannte Strommangellage. Dabei wurden die Themen Winterstromlücke, Sommerstromschwemme und Strommangellage vermischt, was die Diskussionen um die Versorgungssicherheit auf kantonaler als auf nationaler Ebene ungünstig befeuert hat.

Warum wurde Strom zu einem solchen Politikum?

Am Anfang stand die vom Volk genehmigte Energiestratege 2050. Darin wurde eine «Umverteilung» der Stromproduktion im Inland definiert. Der Zubau von erneuerbarer Energie, also Wasser, Photovoltaik und Wind, erfolgte in den letzten Jahren nicht gemäss den Vorgaben. Es entstanden Diskussionen, wie diese Zubau-Lücken erfolgreich geschlossen werden können. Je nach Couleur der Partei wird diese Umsetzung anders interpretiert. Erschwerend kam hinzu, dass die eingangs gemachten Aussagen und Begriffe vermischt wurden. Daraus entstand ein Cocktail, welcher zu beträchtlicher Verwirrung führte.

 

Urs Rengel, CEO EKZ
"Strom ist nicht das Problem, sondern die Lösung." EKZ-CEO Urs Rengel.

Ordnen wir also die Begriffe: Sie haben das nicht vorhandene Stromabkommen mit der EU angesprochen. Was bedeutet das für die Schweiz?

Das ist eine schwierige Situation. Die Swissgrid, also die Schweizer Übertragungsnetzbetreiberin, welche fürs Hochspannungsnetz verantwortlich ist, spricht von «zunehmendem Systemstress» durch unkontrollierte Stromflüsse vom Ausland ins Inland. Und es besteht das Risiko, dass die Schweiz aus dem EU-Strombinnenmarkt ausgeschlossen wird und somit vom tagesaktuellen Handel und von der Teilnahme von Regelenergieplattformen ausgeschlossen wird. Dies wiederum bedeutet, dass Swissgrid viel in die Stabilisierung des Schweizer Stromnetzes investieren muss. Kurzum: Die Schweiz verliert ihre bisher wichtige Rolle im Herzen des europäischen Stromnetzes, welche sie seit 1958 innehat. Man muss wissen: Die Schweiz ist an 41 Stellen mit dem europäischen Verbundnetz verknüpft. Die europäischen Staaten sind einander technisch auf «Gedeih und Verderben» ausgeliefert. Schweizer Autarkie ist nicht nur unmöglich, sondern auch unsinnig. Schliesslich können wir mit unseren Pumpspeicherwerken einen wichtigen Beitrag leisten zur europäischen Netzstabilität.

Dass es in der Schweiz weg von fossilen Energieträgern auf eine immer stärkere Elektrifizierung hinausläuft, ist beschlossene Sache. Auch der Kanton Zürich hat dies im eben vom Volk angenommenen Energiegesetz festgehalten. Ihre Einschätzung?

Ich sagte schon immer: Strom ist nicht das Problem, sondern die Lösung (lacht). Aus Strom, Wasser und Luft können heute alle Treibstoffe hergestellt werden. Wir müssen jetzt nur noch die Produktionskosten in den Griff bekommen. Schauen Sie sich die Absatzzahlen von Elektroautos in den letzten Monaten an oder die Zunahme von Wärmepumpen: Die Dekarbonisierung ist in der Schweiz in vollem Gange.

Kritiker monieren aber die so genannte Winterstromlücke. Was entgegnen Sie?

Winterstromlücke meint die fehlenden inländischen Stromkapazitäten im Winter, verursacht durch einen hohen Strombedarf, beispielsweise aufgrund von kalter Witterung, und geringer Inlandproduktion, zum Beispiel wegen leerer Stauseen. Dagegen meint die Sommerstromschwemme die Überproduktion durch Photovoltaik und Wasserkraft im Sommer. Diese Probleme sind real, lassen sich aber lösen respektive regulieren durch Import und Export. Dazu benötigen wir aber ein Stromabkommen mit der EU.

Kürzlich kommunizierte die OSTRAL ihr neues Massnahmenpaket im Fall einer Strommangellage. Dies schreckte die Öffentlichkeit auf. Können Sie das für uns einordnen?

Ja, das war eine rechte Aufregung! Wir müssen hier genau sein mit den Begriffen: Es gibt regionale Stromausfälle, z.B. durch Unwetter. Das sind regionale Ereignisse und diese können von EKZ meistens schnell behoben werden. Eine Strommangellage ergibt sich hingegen durch den Ausfall von mehreren zentralen Stromlieferanten (z.B. Kernkraftwerke) oder fehlende Leitungskapazität (z.B. im Ausland). Durch diese Ereignisse kann ein Energiemangel in der Schweiz entstehen. Eine solche Situation zeichnet sich ab und entsteht nicht von einer Minute auf die andere. Um solche Strommangellagen kümmert sich der Bund. Hierfür hat er OSTRAL, die so genannte «Organisation für Stromversorgung in ausserordentlichen Lagen», ins Leben gerufen. Diese hat eben die Szenarien kommuniziert, wie in einer solchen Situation vorzugehen wäre. Ich möchte aber betonen: Für eine solche Strommangellage braucht es sehr viel. Es ist gut, dass man sich darauf vorbereitet, aber dass ein solches Szenario eintritt, schätze ich als doch eher gering ein.

Trotzdem: Was wären denn die Szenarien?

Es wird über vier Bereitschaftsgrade (BG) vorgegangen, wobei es vom BG 1 bis zum BG 4 mindestens zehn Tage dauert. Erst auf BG 4 treten effektiv Verbote und Verbrauchseinschränkungen in Kraft. Zuerst werden nicht absolut notwendige, energieintensive Geräte − z.B. Saunen, Klimaanlagen, Leuchtreklamen und Rolltreppen − durch den Bundesrat verboten. Danach folgt eine Kontingentierung. Dies ist die «sanfte» Sparmassnahme: Alle Grossverbraucher sind dazu verpflichtet eine angeordnete Energiemenge einzusparen, um Abschaltungen möglichst zu vermeiden. Sie sind angehalten, sich für eine solche Situation vorzubereiten – das wurde eben kommuniziert. Erst wenn die Mangellage weiter anhält, werden zyklische Abschaltungen zum Thema.

Was sagen Sie den Leuten, die nun Angst vor einem Blackout haben?

Versorgungssicherheit ist in der Schweiz das Produkt von geteilten Verantwortlichkeiten. EKZ wird alles dafür tun, dass im Gebiet, welches wir mit Strom versorgen, Strom fliesst. Ich möchte betonen: Solange wir Strom zum Verteilen erhalten, können wir im Kanton Zürich die sichere Versorgung sicherstellen! Unsere Netzverfügbarkeit betrug 2021 99.997 Prozent. Und wir setzen alles daran, dieses hohe Niveau auch künftig halten können.

 

Ordnen wir also die Begriffe: Sie haben das nicht vorhandene Stromabkommen mit der EU angesprochen. Was bedeutet das für die Schweiz?

Das ist eine schwierige Situation. Die Swissgrid, also die Schweizer Übertragungsnetzbetreiberin, welche fürs Hochspannungsnetz verantwortlich ist, spricht von «zunehmendem Systemstress» durch unkontrollierte Stromflüsse vom Ausland ins Inland. Und es besteht das Risiko, dass die Schweiz aus dem EU-Strombinnenmarkt ausgeschlossen wird und somit vom tagesaktuellen Handel und von der Teilnahme von Regelenergieplattformen ausgeschlossen wird. Dies wiederum bedeutet, dass Swissgrid viel in die Stabilisierung des Schweizer Stromnetzes investieren muss. Kurzum: Die Schweiz verliert ihre bisher wichtige Rolle im Herzen des europäischen Stromnetzes, welche sie seit 1958 innehat. Man muss wissen: Die Schweiz ist an 41 Stellen mit dem europäischen Verbundnetz verknüpft. Die europäischen Staaten sind einander technisch auf «Gedeih und Verderben» ausgeliefert. Schweizer Autarkie ist nicht nur unmöglich, sondern auch unsinnig. Schliesslich können wir mit unseren Pumpspeicherwerken einen wichtigen Beitrag leisten zur europäischen Netzstabilität.

Dass es in der Schweiz weg von fossilen Energieträgern auf eine immer stärkere Elektrifizierung hinausläuft, ist beschlossene Sache. Auch der Kanton Zürich hat dies im eben vom Volk angenommenen Energiegesetz festgehalten. Ihre Einschätzung?

Ich sagte schon immer: Strom ist nicht das Problem, sondern die Lösung (lacht). Aus Strom, Wasser und Luft können heute alle Treibstoffe hergestellt werden. Wir müssen jetzt nur noch die Produktionskosten in den Griff bekommen. Schauen Sie sich die Absatzzahlen von Elektroautos in den letzten Monaten an oder die Zunahme von Wärmepumpen: Die Dekarbonisierung ist in der Schweiz in vollem Gange.

Kritiker monieren aber die so genannte Winterstromlücke. Was entgegnen Sie?

Winterstromlücke meint die fehlenden inländischen Stromkapazitäten im Winter, verursacht durch einen hohen Strombedarf, beispielsweise aufgrund von kalter Witterung, und geringer Inlandproduktion, zum Beispiel wegen leerer Stauseen. Dagegen meint die Sommerstromschwemme die Überproduktion durch Photovoltaik und Wasserkraft im Sommer. Diese Probleme sind real, lassen sich aber lösen respektive regulieren durch Import und Export. Dazu benötigen wir aber ein Stromabkommen mit der EU.

Kürzlich kommunizierte die OSTRAL ihr neues Massnahmenpaket im Fall einer Strommangellage. Dies schreckte die Öffentlichkeit auf. Können Sie das für uns einordnen?

Ja, das war eine rechte Aufregung! Wir müssen hier genau sein mit den Begriffen: Es gibt regionale Stromausfälle, z.B. durch Unwetter. Das sind regionale Ereignisse und diese können von EKZ meistens schnell behoben werden. Eine Strommangellage ergibt sich hingegen durch den Ausfall von mehreren zentralen Stromlieferanten (z.B. Kernkraftwerke) oder fehlende Leitungskapazität (z.B. im Ausland). Durch diese Ereignisse kann ein Energiemangel in der Schweiz entstehen. Eine solche Situation zeichnet sich ab und entsteht nicht von einer Minute auf die andere. Um solche Strommangellagen kümmert sich der Bund. Hierfür hat er OSTRAL, die so genannte «Organisation für Stromversorgung in ausserordentlichen Lagen», ins Leben gerufen. Diese hat eben die Szenarien kommuniziert, wie in einer solchen Situation vorzugehen wäre. Ich möchte aber betonen: Für eine solche Strommangellage braucht es sehr viel. Es ist gut, dass man sich darauf vorbereitet, aber dass ein solches Szenario eintritt, schätze ich als doch eher gering ein.

Trotzdem: Was wären denn die Szenarien?

Es wird über vier Bereitschaftsgrade (BG) vorgegangen, wobei es vom BG 1 bis zum BG 4 mindestens zehn Tage dauert. Erst auf BG 4 treten effektiv Verbote und Verbrauchseinschränkungen in Kraft. Zuerst werden nicht absolut notwendige, energieintensive Geräte − z.B. Saunen, Klimaanlagen, Leuchtreklamen und Rolltreppen − durch den Bundesrat verboten. Danach folgt eine Kontingentierung. Dies ist die «sanfte» Sparmassnahme: Alle Grossverbraucher sind dazu verpflichtet eine angeordnete Energiemenge einzusparen, um Abschaltungen möglichst zu vermeiden. Sie sind angehalten, sich für eine solche Situation vorzubereiten – das wurde eben kommuniziert. Erst wenn die Mangellage weiter anhält, werden zyklische Abschaltungen zum Thema.

Was sagen Sie den Leuten, die nun Angst vor einem Blackout haben?

Versorgungssicherheit ist in der Schweiz das Produkt von geteilten Verantwortlichkeiten. EKZ wird alles dafür tun, dass im Gebiet, welches wir mit Strom versorgen, Strom fliesst. Ich möchte betonen: Solange wir Strom zum Verteilen erhalten, können wir im Kanton Zürich die sichere Versorgung sicherstellen! Unsere Netzverfügbarkeit betrug 2021 99.997 Prozent. Und wir setzen alles daran, dieses hohe Niveau auch künftig halten können.

 

Dr. Urs Rengel – CEO von EKZ

  • Elektroingenieurstudium an der ETH Zürich, Dr. sc. techn.
  • EMBA HSG
  • Bei EKZ seit 2000, seit dem 1. Februar 2004 CEO
  • Elektroingenieurstudium an der ETH Zürich, Dr. sc. techn.
  • EMBA HSG
  • Bei EKZ seit 2000, seit dem 1. Februar 2004 CEO