Wie erforscht man die Zukunft?

Trotz allen Herausforderungen und Bedrohungen müssen wir zuversichtlich in die Zukunft gehen. Daran glaubt der Gründer und Leiter des unabhängigen Think Tanks W.I.R.E., Stephan Sigrist. Sein Blick auf das, was kommen kann.

Irene Wrabel
3. Juni 2021
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Fotos: zvg. The W.I.R.E.

Herr Sigrist, Ist Zukunft etwas, das einfach geschieht oder haben wir als Individuen Einfluss darauf?

Wir beeinflussen unsere Zukunft durch unsere Entscheidungen! Jeder Mensch beeinflusst seine eigene Zukunft. Als Gesellschaft bestimmen wir zusammen unser aller Zukunft. Das klingt etwas pathetisch, doch es trifft zu und ist angesichts der weit verbreiteten Vorstellung vom «digitalen Tsunami», der uns alle zu überrollen scheint, wichtiger denn je. Natürlich klingt dies einfacher als es ist, denn wir haben alle mehr Möglichkeiten, mehr Fakten – oder Halbwissen –, die sich zusätzlich laufend verändern. Damit kann nicht jeder umgehen. Viele Menschen brauchen Strukturen, innerhalb derer sie sich bewegen können. Unternehmen, vor allem aber der Staat, sind gefordert, die Entscheidungsfähigkeit der Menschen zu stärken. Denn aus der Überforderung entsteht auch das Risiko einer Entkopplung. Dieswäre gefährlich und einer zukunftsfähigen Gesellschaft nicht zuträglich.

Und wie erforscht man die Zukunft?

Viele Entwicklungen lassen sich nicht prognostizieren. Die Komplexität der Einflussfaktoren, die zu einem bestimmen Ereignis führen, ist oftmals zu hoch. Auch Zufälle spielen eine Rolle. Trotzdem kann man die Zukunft oder mögliche Entwicklungen beschreiben. Die Erforschung der Zukunft basiert zunächst auf einem umfassenden Verständnis von Fakten und wissenschaftlichen Grundlagen. Einerseits zeigt sich dabei, welche Einflussfaktoren ein Themenfeld betreffen. Andererseits lassen sich Entwicklungen aus der Vergangenheit oder Gegenwart ableiten. Die Bevölkerungsentwicklung oder die Lebenserwartung können beispielsweise auf zehn bis 20 Jahre, teilweise auch mehr, projiziert werden. Wenn es aber darum geht, das zukünftige Potenziale von Technologien zu bestimmen, fehlen saubere Grundlagen. Hier kann es helfen, mit Szenarien zu arbeiten, die eine höhere oder tiefere Eintreffenswahrscheinlichkeit haben. Dabei liegt das Ziel der Forschung nicht darin, eine präzise Prognose zu erstellen sondern sich Gedanken darüber zu machen, was die Folgen wären, wenn eine Entwicklung eintreffen würde. Man kann sich so auf eine mögliche Zukunft für die Menschen und die Gesellschaft einstellen. Für W.I.R.E. ist es darum nicht das Ziel, allgemeingültige Detailprognosen aufzustellen, das wäre weder machbar noch seriös. Wir möchten dazu beitragen, dass sich Unternehmen, Organisationen oder Menschen mit der Zukunft beschäftigen und ihre eigene Vorstellung darüber entwickeln, wie diese aussehen sollte. Wir helfen dabei, Fakten und Argumente zu finden, um  Entscheidungen bestmöglich zu unterstützen und Entwicklungen abzusehen, bei denen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit wissen, dass sie eintreffen. Bei erhöhter Unsicherheit helfen wir durch Inspiration, aber auch mit kritischem Denken dabei, eine eigene Einschätzung zu finden. Das ist die Grundlage für die Gestaltung der Zukunft, die letztendlich im Mittelpunkt unserer Arbeit steht.

Herr Sigrist, Ist Zukunft etwas, das einfach geschieht oder haben wir als Individuen Einfluss darauf?

Wir beeinflussen unsere Zukunft durch unsere Entscheidungen! Jeder Mensch beeinflusst seine eigene Zukunft. Als Gesellschaft bestimmen wir zusammen unser aller Zukunft. Das klingt etwas pathetisch, doch es trifft zu und ist angesichts der weit verbreiteten Vorstellung vom «digitalen Tsunami», der uns alle zu überrollen scheint, wichtiger denn je. Natürlich klingt dies einfacher als es ist, denn wir haben alle mehr Möglichkeiten, mehr Fakten – oder Halbwissen –, die sich zusätzlich laufend verändern. Damit kann nicht jeder umgehen. Viele Menschen brauchen Strukturen, innerhalb derer sie sich bewegen können. Unternehmen, vor allem aber der Staat, sind gefordert, die Entscheidungsfähigkeit der Menschen zu stärken. Denn aus der Überforderung entsteht auch das Risiko einer Entkopplung. Dieswäre gefährlich und einer zukunftsfähigen Gesellschaft nicht zuträglich.

Und wie erforscht man die Zukunft?

Viele Entwicklungen lassen sich nicht prognostizieren. Die Komplexität der Einflussfaktoren, die zu einem bestimmen Ereignis führen, ist oftmals zu hoch. Auch Zufälle spielen eine Rolle. Trotzdem kann man die Zukunft oder mögliche Entwicklungen beschreiben. Die Erforschung der Zukunft basiert zunächst auf einem umfassenden Verständnis von Fakten und wissenschaftlichen Grundlagen. Einerseits zeigt sich dabei, welche Einflussfaktoren ein Themenfeld betreffen. Andererseits lassen sich Entwicklungen aus der Vergangenheit oder Gegenwart ableiten. Die Bevölkerungsentwicklung oder die Lebenserwartung können beispielsweise auf zehn bis 20 Jahre, teilweise auch mehr, projiziert werden. Wenn es aber darum geht, das zukünftige Potenziale von Technologien zu bestimmen, fehlen saubere Grundlagen. Hier kann es helfen, mit Szenarien zu arbeiten, die eine höhere oder tiefere Eintreffenswahrscheinlichkeit haben. Dabei liegt das Ziel der Forschung nicht darin, eine präzise Prognose zu erstellen sondern sich Gedanken darüber zu machen, was die Folgen wären, wenn eine Entwicklung eintreffen würde. Man kann sich so auf eine mögliche Zukunft für die Menschen und die Gesellschaft einstellen. Für W.I.R.E. ist es darum nicht das Ziel, allgemeingültige Detailprognosen aufzustellen, das wäre weder machbar noch seriös. Wir möchten dazu beitragen, dass sich Unternehmen, Organisationen oder Menschen mit der Zukunft beschäftigen und ihre eigene Vorstellung darüber entwickeln, wie diese aussehen sollte. Wir helfen dabei, Fakten und Argumente zu finden, um  Entscheidungen bestmöglich zu unterstützen und Entwicklungen abzusehen, bei denen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit wissen, dass sie eintreffen. Bei erhöhter Unsicherheit helfen wir durch Inspiration, aber auch mit kritischem Denken dabei, eine eigene Einschätzung zu finden. Das ist die Grundlage für die Gestaltung der Zukunft, die letztendlich im Mittelpunkt unserer Arbeit steht.

Zur Person

Dr. Stephan Sigrist

ist Gründer und Leiter des Thinktank W.I.R.E. Er analysiert seit vielen Jahren interdisziplinär Entwicklungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft und beschäftigt sich schwergewichtig mit den Folgen der Digitalisierung in den Life Sciences, Financial Services, Medien, Infrastruktur und Mobilität. Mit W.I.R.E. berät er Entscheidungsträger bei der Entwicklung von langfristigen Strategien, begleitet Innovationsprojekte und unterstützt Unternehmen bei der Neugestaltung von zukunftsorientierten Räumen für Mitarbeitende und den Austausch mit Kunden. 

thewire.ch

ist Gründer und Leiter des Thinktank W.I.R.E. Er analysiert seit vielen Jahren interdisziplinär Entwicklungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft und beschäftigt sich schwergewichtig mit den Folgen der Digitalisierung in den Life Sciences, Financial Services, Medien, Infrastruktur und Mobilität. Mit W.I.R.E. berät er Entscheidungsträger bei der Entwicklung von langfristigen Strategien, begleitet Innovationsprojekte und unterstützt Unternehmen bei der Neugestaltung von zukunftsorientierten Räumen für Mitarbeitende und den Austausch mit Kunden. 

thewire.ch

In welchen Zeithorizonten denken Sie dabei?

In unseren Projekten mit Unternehmen, bei denen wir von bestehenden Entwicklungen aus denken, haben wir einen Zeithorizont von etwa fünf bis 20 Jahren. Die Entwickung eines Medikaments etwa dauert oftmals zehn Jahre und länger. Auch grössere Infrastrukturprojekte, gerade im Energiesektor, können zehn Jahre oder noch länger in Anspruch nehmen. Entsprechend braucht es je nach Branche längerfristige Perspektiven. Wirklich langfristige Prognosen sind aber meist nur spekulativ möglich. Allerdings kann man statt der Ableitung von sichtbaren Entwicklungen der Gegenwart auch Bedürfnisse als Ausgangslage nehmen. Innovation definiert sich nicht primär dadurch, was technisch machbar ist, sondern darüber, was für die Menschen oder die Gesellschaft einen Nutzen stitftet. Folglich können wir darüber nachdenken, was eine wünschenswerte Zukunft ist und mögliche Handlungsfelder in der Gegenwart davon ableiten. Auch bei diesem Vorgehen braucht es ein Verständnis über die künftigen Rahmenbedingungen von Wirtschaft und Gesellschaft. Denn diese wiederum definieren, welche Bedürfnisse überhaupt wichtig sein werden.

Das vergangene Jahr hat uns gelehrt, wie unvorhersehbar unsere Zukunft tatsächlich sein kann. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit als Zukunftsforscher aus?


Eine Pandemie war für die Welt tatsächlich ein Schock. Dies ist insofern erstaunlich, als dass es weitläufig bekannt war, dass solche Risiken existieren. Viele Risikoexperten haben solche Szenarien als sehr reale Gefahren beschrieben – nicht zuletzt hatten wir in den Nullerjahren ja bereits Ausbrüche von SARS oder der Schweinegrippe. Die Problematik lag wohl vielmehr darin, dass wir uns die Folgen nicht vorstellen konnten und uns entsprechend kaum vorbereitet haben. Für uns war so gesehen nicht die Pandemie selbst eine Überraschung, viel mehr aber die Konsequenzen, die sich daraus ergeben haben und noch immer ergeben. Was die Folgen anbelangt, die die viel zitierte «neue Normalität» prägen werden, sehen wir wenig Neues, das nicht schon vor der Pandemie als Trend sichtbar gewesen wäre: sei es die Möglichkeit virtueller Arbeit, die Verknüpfung von Wirtschaft und Gesundheit oder die Tendenz zu diagnostischen Alltagstests. Die Corona-Krise hat viele dieser Entwicklungen primär beschleunigt und verstärkt.

In welchen Zeithorizonten denken Sie dabei?

In unseren Projekten mit Unternehmen, bei denen wir von bestehenden Entwicklungen aus denken, haben wir einen Zeithorizont von etwa fünf bis 20 Jahren. Die Entwickung eines Medikaments etwa dauert oftmals zehn Jahre und länger. Auch grössere Infrastrukturprojekte, gerade im Energiesektor, können zehn Jahre oder noch länger in Anspruch nehmen. Entsprechend braucht es je nach Branche längerfristige Perspektiven. Wirklich langfristige Prognosen sind aber meist nur spekulativ möglich. Allerdings kann man statt der Ableitung von sichtbaren Entwicklungen der Gegenwart auch Bedürfnisse als Ausgangslage nehmen. Innovation definiert sich nicht primär dadurch, was technisch machbar ist, sondern darüber, was für die Menschen oder die Gesellschaft einen Nutzen stitftet. Folglich können wir darüber nachdenken, was eine wünschenswerte Zukunft ist und mögliche Handlungsfelder in der Gegenwart davon ableiten. Auch bei diesem Vorgehen braucht es ein Verständnis über die künftigen Rahmenbedingungen von Wirtschaft und Gesellschaft. Denn diese wiederum definieren, welche Bedürfnisse überhaupt wichtig sein werden.

Das vergangene Jahr hat uns gelehrt, wie unvorhersehbar unsere Zukunft tatsächlich sein kann. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit als Zukunftsforscher aus?


Eine Pandemie war für die Welt tatsächlich ein Schock. Dies ist insofern erstaunlich, als dass es weitläufig bekannt war, dass solche Risiken existieren. Viele Risikoexperten haben solche Szenarien als sehr reale Gefahren beschrieben – nicht zuletzt hatten wir in den Nullerjahren ja bereits Ausbrüche von SARS oder der Schweinegrippe. Die Problematik lag wohl vielmehr darin, dass wir uns die Folgen nicht vorstellen konnten und uns entsprechend kaum vorbereitet haben. Für uns war so gesehen nicht die Pandemie selbst eine Überraschung, viel mehr aber die Konsequenzen, die sich daraus ergeben haben und noch immer ergeben. Was die Folgen anbelangt, die die viel zitierte «neue Normalität» prägen werden, sehen wir wenig Neues, das nicht schon vor der Pandemie als Trend sichtbar gewesen wäre: sei es die Möglichkeit virtueller Arbeit, die Verknüpfung von Wirtschaft und Gesundheit oder die Tendenz zu diagnostischen Alltagstests. Die Corona-Krise hat viele dieser Entwicklungen primär beschleunigt und verstärkt.

Welche Forschungsgebiete sind aktuell die wichtigsten?

Zur Zeit beschäftigen wir uns intensiv mit der Frage, welche Art Innovation notwendig ist. Es hat sich deutlich gezeigt, dass alles das, was technisch machbar ist, noch lange keine nachhaltige Innovation darstellt. Es braucht eine Verknüpfung mit der Gesellschaft. Genau darüber sind die grossen Tech-Konzerne gestolpert und haben viel Vertrauen eingebüsst, weil sie nicht berücksichtigt haben, dass private Daten geschützt werden müssen. Oder dass Menschen, die über Plattformen Arbeit finden, noch lange keine selbständigen Unternehmer sind. Dazu gehört die Frage, wie eine datenbasierte Wirtschaft aussieht, in der Kunden einen Gegenwert für ihre Daten bekommen. Oder wie man Entscheidungsgrundlagen vermitteln kann, die den Menschen helfen, vorausschauend Entscheidungen zu treffen. Wir sehen hier eine neue Generation von digitalen Tools, die uns dabei unterstützen: Algorithmen, die helfen, gesund zu essen, oder die Partner finden, die gut zu uns passen, und vieles mehr. Diese «unsichtbaren Hände» versprechen mehr Einfachheit und Sicherheit, sie bringen aber auch neue Abhängigkeiten, weil so immer mehr Menschen nicht mehr in der Lage sind, selbständig zu entscheiden.

Das Thema Energie ist eine der grossen Herausforderungen der Zukunft. Wie können wir ihr begegnen?

Mit Blick auf die weiterhin wachsende Erdbevölkerung und die wachsenden Ansprüche vieler Menschenist davon auszugehen, dass der globale Energiebedarf weiter wachsen wird. Wegen der fortschreitenden Digitalisierung aller Lebensbereiche auch in den Industrienationen. Ebenso ist mittlerweile (fast) allen klar, dass der Energiebedarf nicht nur durch fossile Brennstoffe gedeckt werden kann. Es braucht also mehr neue und saubere Energiequellen für das Heizen von Gebäuden, genau so wie für den Antrieb von Fahrzeugen. In unserer Arbeit steht nicht im Zentrum, welche der vielen technischen Lösungen sich durchsetzen wird. Da spielen wie viele Einflussfaktoren eine Rolle, die keine abschliessende Prognose erlauben. Viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass auch hier Technologie allein nicht die Lösung sein dürfte. Es braucht ein Umdenken der Menschen in ihren Verhaltensweisen. So zum Beispiel die Bereitschaft, die Mobilität zu beschränken. Nun hätte diese Forderung bis vor kurzem zu grossem Widerstand geführt. Mit Corona haben aber viele Menschen gelernt, dass es durchaus möglich ist, gewisse Aufgaben im Home Office zu erledigen, und das ohne einen Abstrich an Lebensqualität oder Freiheit. Ganz im Gegenteil. Hier benötigen wir nun eine breitere Debatte darüber, wie viel individuelle Freiheiten für eine liberale Demokratie nötig sind und wo es Bereiche gibt, in denen eine Einschränkung verkraftbar oder sogar positiv ist. Dazu natürlich neue, effiziente Formen für saubere Energien. Es braucht also einen Mix aus unterschiedlichen Strategien. Das wiederum erfordert die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren – von Ingenieuren bis zu Schulen, von Verwaltung bis zu Hochschulen.

Welche Forschungsgebiete sind aktuell die wichtigsten?

Zur Zeit beschäftigen wir uns intensiv mit der Frage, welche Art Innovation notwendig ist. Es hat sich deutlich gezeigt, dass alles das, was technisch machbar ist, noch lange keine nachhaltige Innovation darstellt. Es braucht eine Verknüpfung mit der Gesellschaft. Genau darüber sind die grossen Tech-Konzerne gestolpert und haben viel Vertrauen eingebüsst, weil sie nicht berücksichtigt haben, dass private Daten geschützt werden müssen. Oder dass Menschen, die über Plattformen Arbeit finden, noch lange keine selbständigen Unternehmer sind. Dazu gehört die Frage, wie eine datenbasierte Wirtschaft aussieht, in der Kunden einen Gegenwert für ihre Daten bekommen. Oder wie man Entscheidungsgrundlagen vermitteln kann, die den Menschen helfen, vorausschauend Entscheidungen zu treffen. Wir sehen hier eine neue Generation von digitalen Tools, die uns dabei unterstützen: Algorithmen, die helfen, gesund zu essen, oder die Partner finden, die gut zu uns passen, und vieles mehr. Diese «unsichtbaren Hände» versprechen mehr Einfachheit und Sicherheit, sie bringen aber auch neue Abhängigkeiten, weil so immer mehr Menschen nicht mehr in der Lage sind, selbständig zu entscheiden.

Das Thema Energie ist eine der grossen Herausforderungen der Zukunft. Wie können wir ihr begegnen?

Mit Blick auf die weiterhin wachsende Erdbevölkerung und die wachsenden Ansprüche vieler Menschenist davon auszugehen, dass der globale Energiebedarf weiter wachsen wird. Wegen der fortschreitenden Digitalisierung aller Lebensbereiche auch in den Industrienationen. Ebenso ist mittlerweile (fast) allen klar, dass der Energiebedarf nicht nur durch fossile Brennstoffe gedeckt werden kann. Es braucht also mehr neue und saubere Energiequellen für das Heizen von Gebäuden, genau so wie für den Antrieb von Fahrzeugen. In unserer Arbeit steht nicht im Zentrum, welche der vielen technischen Lösungen sich durchsetzen wird. Da spielen wie viele Einflussfaktoren eine Rolle, die keine abschliessende Prognose erlauben. Viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass auch hier Technologie allein nicht die Lösung sein dürfte. Es braucht ein Umdenken der Menschen in ihren Verhaltensweisen. So zum Beispiel die Bereitschaft, die Mobilität zu beschränken. Nun hätte diese Forderung bis vor kurzem zu grossem Widerstand geführt. Mit Corona haben aber viele Menschen gelernt, dass es durchaus möglich ist, gewisse Aufgaben im Home Office zu erledigen, und das ohne einen Abstrich an Lebensqualität oder Freiheit. Ganz im Gegenteil. Hier benötigen wir nun eine breitere Debatte darüber, wie viel individuelle Freiheiten für eine liberale Demokratie nötig sind und wo es Bereiche gibt, in denen eine Einschränkung verkraftbar oder sogar positiv ist. Dazu natürlich neue, effiziente Formen für saubere Energien. Es braucht also einen Mix aus unterschiedlichen Strategien. Das wiederum erfordert die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren – von Ingenieuren bis zu Schulen, von Verwaltung bis zu Hochschulen.

Das Ziel von Stephan Sigrists Forschung ist nicht eine präzise Prognose, sondern die Einschätzung der Folgen möglicher Entwicklungen.

Wie werden wir in Zukunft leben? Findet eine weitere Konzentration in immer grösseren Megacities statt oder werden wir eine Renaissance des ländlichen Umfelds erleben?

Städte und Ballungsräume werden auch in Zukunft eine dominante Rolle spielen – auch wenn während und durch die Coronakrise ländliche Räume an Attraktivität gewonnen haben und sie diese sicher auch behalten werden. Dennoch bündeln Städte Wachstum, Innovation, Vielfalt und damit Lebensqualität. Mit Blick auf die künftigen Anforderungen wird es aber wichtiger, Städte neu zu denken. Diese wurden im 20. Jahrhundert auf Autos ausgerichtet. Aktuell zeichnet sich ein weitreichender Wandel ab, bei dem zusehends die Menschen in den Mittelpunkt rücken. Dies erfordert auch eine Verknüpfung der Planung von Raum und Mobilität und eine Kultur, die wieder mehr menschliche Interaktionen ermöglicht: zwischen Alten und Jungen oder zwischen Menschen aus unterschiedlichen Schichten als Grundlage für Solidarität. Selbstverständlich müssen dabei auch die Nachhaltigkeit und die Verdichtung weiter gestärkt werden, durch rezyklierbare Materialien, flexible Planung von Räumen oder durch eine intelligente vernetzte Infrastruktur, die den Nutzen für den Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht umgekehrt. So dürften die meisten Menschen froh sein, wenn sie im Haus selbst ein Fenster öffnen können, wenn es zu heiss oder zu kalt ist, ohne dass man dazu erst ein Gerät programmieren muss.  Auch hier gilt: Wir brauchen eine langfristige Perspektive, die ein positives Bild davon aufzeigt, wie wir eine hohe Lebensqualität behalten können, auch wenn nicht mehr alle den Traum vom eigenen Einfamilienhaus haben können.

Das Thema Mobilität steht damit in engem Zusammenhang. Was können wir hier erwarten?

Es stehen auch hier unterschiedliche Technologien am Start. Bei den Antrieben setzt sich aktuell die Elektromobilität durch. Das hat sicher mit der Vorreiter- und Vorbildrolle neuer Anbieter zu tun, deren Wahrnehmung diejenige von traditionellen Herstellern weit übertrifft. Allerdings spielt hier, wie in vielen anderen Bereichen natürlich auch der Regulator eine zentrale Rolle. Mit dem Druck auf Verbrennungsmotoren wird es für Anbieter zunehmend unattraktiv, solche Alternativen weiter zu entwickeln, obwohl es Experten gibt, die in «sauberen» Verbrennungsmotoren ein Potenzial für die Zukunft sehen. Losgelöst davon zeigt sich im urbanen Raum insbesondere eine Tendenz weg von Autos – egal ob sie durch fossile Treibstoffe oder Elektrizität angetrieben sind – hin zu öffentlichem Verkehr.

Der Hype rund um die schnelle Einführung autonomer Fahrzeuge hingegen ist mittlerweile etwas abgeflacht. Hier hat ein neuer Realitätssinn Einzug gehalten, der mit Blick auf die enorme technische Komplexität und die hohen Kosten eher davon ausgeht, dass sich die Einführung solcher Fahrzeuge weiter in die Zukunft verzögern wird – oder dass sie gar nicht stattfindet. Das nicht nur wegen mangelnder Machbarkeit, sondern auch wegen einer fehlenden Wünschbarkeit. Die Bewegungsfreiheit ist ein Menschenrecht, das hart erkämpft wurde. Wir sehen hier viel Widerstand von Menschen, die auch oder gerade in Zukunft das «Steuer auch weiterhin in die eigene Hand nehmen wollen», im wahrsten Sinn des Wortes.

Haben Sie sich schon einmal fundamental getäuscht in Ihrer Einschätzung?

Ja, natürlich. Aber das Ziel unserer Arbeit liegt ja nicht primär darin, die Zukunft für alle gleich zu prognostizieren, sondern dazu beizutragen, dass sich unterschiedliche Unternehmen, basierend auf ihren Werten und nach einer Abwägung der Argumente nicht für die gleiche Strategie entscheiden. Die eine Bank setzt für die Betreuung von Kunden auf Roboter, die andere auf Menschen. So entsteht der dringend nötige Wettbewerb – der entsteht nicht dadurch, dass alle dem selben Ziel hinterherrennen.

Können wir zuversichtlich in die Zukunft blicken?

Es gibt viele gute Gründe, dies nicht zu tun. Nicht nur der Umgang mit der Coronakrise ist schwierig und wird uns noch für viele Jahre beschäftigen. Wir haben neue Gesundheitsrisiken durch lebenstilbedingte Krankheiten und natürlich auch die Folgen des Klimawandels, die uns alles andere als positiv stimmen sollten. Blinde Zuversicht ist also nicht gefragt, denn diese Risiken sind real. Dennoch sollten, oder besser müssen wir mit Zuversicht in die Zukunft gehen. Es ist in gewisser Weise unsere Verpflichtung, die wir als Bürger und Menschen unseren Nachkommen und der Gesellschaft schulden. Vor allem ist es auch die Grundlage für gute Ideen, Neugier und Innovation – und diese bilden den Weg in die Zukunft.

Wie werden wir in Zukunft leben? Findet eine weitere Konzentration in immer grösseren Megacities statt oder werden wir eine Renaissance des ländlichen Umfelds erleben?

Städte und Ballungsräume werden auch in Zukunft eine dominante Rolle spielen – auch wenn während und durch die Coronakrise ländliche Räume an Attraktivität gewonnen haben und sie diese sicher auch behalten werden. Dennoch bündeln Städte Wachstum, Innovation, Vielfalt und damit Lebensqualität. Mit Blick auf die künftigen Anforderungen wird es aber wichtiger, Städte neu zu denken. Diese wurden im 20. Jahrhundert auf Autos ausgerichtet. Aktuell zeichnet sich ein weitreichender Wandel ab, bei dem zusehends die Menschen in den Mittelpunkt rücken. Dies erfordert auch eine Verknüpfung der Planung von Raum und Mobilität und eine Kultur, die wieder mehr menschliche Interaktionen ermöglicht: zwischen Alten und Jungen oder zwischen Menschen aus unterschiedlichen Schichten als Grundlage für Solidarität. Selbstverständlich müssen dabei auch die Nachhaltigkeit und die Verdichtung weiter gestärkt werden, durch rezyklierbare Materialien, flexible Planung von Räumen oder durch eine intelligente vernetzte Infrastruktur, die den Nutzen für den Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht umgekehrt. So dürften die meisten Menschen froh sein, wenn sie im Haus selbst ein Fenster öffnen können, wenn es zu heiss oder zu kalt ist, ohne dass man dazu erst ein Gerät programmieren muss.  Auch hier gilt: Wir brauchen eine langfristige Perspektive, die ein positives Bild davon aufzeigt, wie wir eine hohe Lebensqualität behalten können, auch wenn nicht mehr alle den Traum vom eigenen Einfamilienhaus haben können.

Das Thema Mobilität steht damit in engem Zusammenhang. Was können wir hier erwarten?

Es stehen auch hier unterschiedliche Technologien am Start. Bei den Antrieben setzt sich aktuell die Elektromobilität durch. Das hat sicher mit der Vorreiter- und Vorbildrolle neuer Anbieter zu tun, deren Wahrnehmung diejenige von traditionellen Herstellern weit übertrifft. Allerdings spielt hier, wie in vielen anderen Bereichen natürlich auch der Regulator eine zentrale Rolle. Mit dem Druck auf Verbrennungsmotoren wird es für Anbieter zunehmend unattraktiv, solche Alternativen weiter zu entwickeln, obwohl es Experten gibt, die in «sauberen» Verbrennungsmotoren ein Potenzial für die Zukunft sehen. Losgelöst davon zeigt sich im urbanen Raum insbesondere eine Tendenz weg von Autos – egal ob sie durch fossile Treibstoffe oder Elektrizität angetrieben sind – hin zu öffentlichem Verkehr.

Der Hype rund um die schnelle Einführung autonomer Fahrzeuge hingegen ist mittlerweile etwas abgeflacht. Hier hat ein neuer Realitätssinn Einzug gehalten, der mit Blick auf die enorme technische Komplexität und die hohen Kosten eher davon ausgeht, dass sich die Einführung solcher Fahrzeuge weiter in die Zukunft verzögern wird – oder dass sie gar nicht stattfindet. Das nicht nur wegen mangelnder Machbarkeit, sondern auch wegen einer fehlenden Wünschbarkeit. Die Bewegungsfreiheit ist ein Menschenrecht, das hart erkämpft wurde. Wir sehen hier viel Widerstand von Menschen, die auch oder gerade in Zukunft das «Steuer auch weiterhin in die eigene Hand nehmen wollen», im wahrsten Sinn des Wortes.

Haben Sie sich schon einmal fundamental getäuscht in Ihrer Einschätzung?

Ja, natürlich. Aber das Ziel unserer Arbeit liegt ja nicht primär darin, die Zukunft für alle gleich zu prognostizieren, sondern dazu beizutragen, dass sich unterschiedliche Unternehmen, basierend auf ihren Werten und nach einer Abwägung der Argumente nicht für die gleiche Strategie entscheiden. Die eine Bank setzt für die Betreuung von Kunden auf Roboter, die andere auf Menschen. So entsteht der dringend nötige Wettbewerb – der entsteht nicht dadurch, dass alle dem selben Ziel hinterherrennen.

Können wir zuversichtlich in die Zukunft blicken?

Es gibt viele gute Gründe, dies nicht zu tun. Nicht nur der Umgang mit der Coronakrise ist schwierig und wird uns noch für viele Jahre beschäftigen. Wir haben neue Gesundheitsrisiken durch lebenstilbedingte Krankheiten und natürlich auch die Folgen des Klimawandels, die uns alles andere als positiv stimmen sollten. Blinde Zuversicht ist also nicht gefragt, denn diese Risiken sind real. Dennoch sollten, oder besser müssen wir mit Zuversicht in die Zukunft gehen. Es ist in gewisser Weise unsere Verpflichtung, die wir als Bürger und Menschen unseren Nachkommen und der Gesellschaft schulden. Vor allem ist es auch die Grundlage für gute Ideen, Neugier und Innovation – und diese bilden den Weg in die Zukunft.

The Wire