BALANCE AUS DEM CONTAINER

BALANCE AUS DEM CONTAINER

In Volketswil steht die grösste Batterie der Schweiz. Sie ist aber weder Stromspeicher für den Winter noch Notreserve bei einem Stromausfall. Zwei Spezialisten der EKZ erzählen, wozu es die Grossbatterie wirklich braucht und warum auch Sie als Stromverbraucher sich dafür interessieren sollten.

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Es gibt sie. Die Tage, an denen nicht alles so läuft wie geplant. Zwei Beispiele: Die Nigglis in Hombrechtikon wollten am Abend eigentlich zum Italiener um die Ecke. Jetzt ist Vater Niggli krank, und der Rest der Familie verpflegt sich notgedrungen mit Tiefkühl- statt Steinofenpizzas. Oder bei Zimmerlis in Fehraltorf: Kater Fridolin war ob des unerwarteten Besuchs von Tante Cordula derart erbost, dass er aus Protest die riesige Porzellanvase im Ankleidezimmer vom Tisch stiess. Die Vase liegt jetzt – zusammen mit der familiären Stimmung – in 1000 Einzelteilen auf dem Parkettboden. ­Solche und ähnliche Geschichten passieren tagtäglich. Sie haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam. ­Ausser, dass plötzlich Strom zu einer Zeit verbraucht wird, in der es eigentlich nicht vorgesehen war. Denn bei ­Nigglis läuft jetzt ausserplanmässig der Backofen, bei Zimmerlis der Staubsauger. 

Stromnetz ist gesamteuropäisch verknüpft

Solche Einzelfälle fallen natürlich nicht ins Gewicht. Wenn aber die Dinge einmal wirklich nicht so laufen wie geplant und plötzlich Hunderte oder sogar Tausende elektrischer Geräte unerwartet und gleichzeitig an- oder abgeschaltet werden, dann stellt das die Übertragungsnetzbetreiber durchaus vor eine Herausforderung. Auch wenn irgendwo in Europa ein Grosskraftwerk ausfällt, hat das Auswirkungen auf das Stromnetz in der Schweiz. Denn das Stromnetz endet nicht an der Landesgrenze: Der europäische Kontinent ist von Lissabon bis Istanbul vernetzt. «Im gesamten Stromnetz müssen sich Produktion und Verbrauch stets die Waage halten», erklärt die EKZ Batteriespezialistin Marina González Vayá. Die promovierte Elektroingenieurin ist Teil des Teams, das die grösste Batterie der Schweiz plant und baut. «Wenn im Stromnetz ein Ungleichgewicht entsteht, muss dieses schnell ausgeglichen werden.» Bis aber grössere Kraftwerke hochgefahren sind, um den fehlenden Strom für Nigglis Backofen, Zimmerlis Staubsauger oder eben das europäische Grosskraftwerk zu produzieren, braucht es eine Übergangslösung. Man spricht hier von der sogenannten Regelenergie. Diese wird von unzähligen ­Anlagen in ganz Europa an­ge­boten. 

Anlieferung in Volketswil: In den drei weissen Containern befinden sich die Batteriezellen.
Anlieferung in Volketswil: In den drei weissen Containern befinden sich die Batteriezellen.
Die beiden Ingenieure, Marina Gonzálzez Vayá und Claudio Cerri, prüfen die Schaltanlagen.
Die beiden Ingenieure, Marina Gonzálzez Vayá und Claudio Cerri, prüfen die Schaltanlagen.
Marina Gonzálzez Vayá, Batteriespezialistin EKZ: «Im gesamten Stromnetz müssen sich Produktion und Verbrauch stets die Waage halten.»
Marina Gonzálzez Vayá, Batteriespezialistin EKZ: «Im gesamten Stromnetz müssen sich Produktion und Verbrauch stets die Waage halten.»
Claudio Cerri, Elektroingenieur EKZ: «Die Grossbatterie ist auch wirtschaftlich ausgelegt.»
Claudio Cerri, Elektroingenieur EKZ: «Die Grossbatterie ist auch wirtschaftlich ausgelegt.»
Neue Systeme werden benötigt, um die Batterie ans Netz anzubinden.
Neue Systeme werden benötigt, um die Batterie ans Netz anzubinden.

Verständnis schaffen für die Batterie

In der Schweiz übernehmen diese Aufgabe heute hauptsächlich Wasserkraftwerke. Immer interessanter werden in diesem Bereich aber Grossbatterien. Denn Batterien können ihre Leistung viel schneller und dynamischer anpassen als konventionelle Kraftwerke. Deshalb bauen die EKZ in Volketswil die grösste Batterie der Schweiz – damit es erst gar nicht zum Stromausfall kommt.

«Vorbeugen statt heilen», bringt es Claudio Cerri auf den Punkt. Der Elektroingenieur gehört ebenfalls zu den EKZ Spezialisten, die am Grossprojekt mit­arbeiten. Cerri ist komplexe Projekte gewohnt: «Wenn du in der Elektrotechnik arbeitest, musst du damit leben, dass viele Menschen nicht verstehen, was du genau machst.» Das sei auch bei der grössten Batterie der Schweiz nicht anders: «Im Gespräch mit den Leuten merke ich, dass sie Sinn und Zweck unserer Batterie nicht immer auf Anhieb verstehen. Viele denken, wir bunkern hier in Volketswil Solarstrom für den Winter. Oder wir würden mit der Batterie Volketswil versorgen, wenn einmal der Strom ausfällt.» Betrachtet man ihre Speicherkapazität, könnte die ­Batterie die Stadt Volketswil tatsächlich 8 bis 12 Minuten lang mit Strom versorgen. In der Praxis ist die ­Batterie aber keine Notfallreserve, sondern wichtige Lieferantin von Regelenergie,um das Stromnetz stabil zu halten. Sie wird entladen, wenn kurzfristig zu wenig Energie im Netz vorhanden ist; und sie wird geladen, wenn es zu viel Energie im Netz hat. Batterie­spezialistin ­Marina González Vayá erklärt es so: «Das System erkennt anhand der Netzfrequenz laufend, ob es zu viel oder zu wenig Energie hat.»

«Im gesamten Stromnetz müssen sich Produktion und Verbrauch stets die Waage halten.»

Kreativaufgabe für Theorie und Praxis

Fürs Auge ist die grösste Batterie der Schweiz unspektakulär. Drei weisse Schiffscontainer sind neben dem EKZ ­Unterwerk Volketswil auf grauen Betonfundamenten montiert und surren leise vor sich hin. Das Surren kommt nicht von der Batterie selbst, sondern von den Wechselrichtern – also den Geräten, die den Gleichstrom aus der Batterie in netztauglichen Wechselstrom umwandeln. «Unspektakulär?», lacht Batteriespezialistin Marina González Vayá. «Das kann man so sehen. Zugegebenermassen waren Planung und Entwicklung des Projekts für mich spannender als der Bau. Mich fasziniert die Evolution von der Idee bis zur konkreten Anlage. Wenn du an so einer komplexen Geschichte arbeitest, tauchen immer wieder kleine Hindernisse auf. Hier gilt es kreative, aber realisierbare Lösungen zu finden.» Ein Beispiel: Anstelle der geplanten 12-Megawatt-Batterieleistung gab es vom Lieferanten plötzlich 18 Megawatt zum gleichen Preis. Das ist zwar schön, stellt die EKZ aber auch vor neue Herausforderungen: «Wenn wir die ganze Anlage für 18 Megawatt neu dimensioniert hätten, wäre sie viel teurer geworden», erklärt González Vayá. «Jetzt haben wir die Anlage so ausgelegt, dass sie nur während kurzer Zeit die maximalen 18 Megawatt leisten kann.» Kreativität mussten die Ingenieure auch beim Bau an den Tag legen, erzählt In­genieur Claudio Cerri: «Um schnell auf solche Leistungsänderungen bei der Batterie reagieren zu können, mussten wir den Anschluss ans Stromnetz flexibel wählen. Aus diesem Grund erhielten die Transformatoren ein bis heute noch nie verwendetes Design.»

«Die Gross­batterie ist auch wirt­schaftlich ausgelegt.» 

Für die Energiezukunft

Die beiden Ingenieure sind stolz, am ­Grossprojekt mitzuarbeiten. «Es ist nicht nur ein absolut einmaliges Leuchtturmprojekt in der Schweiz», schwärmt Claudio Cerri, «die Grossbatterie ist auch wirtschaftlich ausgelegt.» Sie unterstützt die Energiezukunft und ist gleichzeitig rentabel. Denn wer in der Schweiz Regelenergie anbietet, wird dafür entschädigt.

Wenn die grösste Batterie der Schweiz auf dem ­Gelände des EKZ Unterwerks Volketswil also demnächst ans Netz geht, merken die Stromverbraucher davon nichts. Weder im Kanton Zürich, in der Schweiz, noch sonst irgendwo in Kontinentaleuropa. Dafür können sich die Nigglis, Zimmerlis und alle anderen Stromverbraucher sicher sein: Auch in Zukunft kommt jederzeit genauso viel Strom aus der Steck­dose, wie sie brauchen. Nicht zuletzt dank der grössten Batterie der Schweiz.