«MOBILITÄT MUSS GRUNDSÄTZLICH NEU GEDACHT WERDEN»

Smarte Lösungen

«MOBILITÄT MUSS GRUNDSÄTZLICH NEU GEDACHT WERDEN»

Seit über 40 Jahren widmet sich der Zürcher Automobildesigner Frank M. Rinderknecht innovativen und nachhaltigen Mobilitätskonzepten. Dabei verlässt sich der Unternehmer oft auf sein Bauchgefühl. Ein Gespräch über Kreativität und die Zukunft der Mobilität.

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Herr Rinderknecht, kürzlich haben Sie das modulare Mobilitätssystem MetroSnap vorgestellt. Welche Herausforderungen gehen Sie damit an?

Der MetroSnap löst die Kernproblematik aller modularer Fahrzeuge: das einfache, schnelle, sichere und günstige Wechseln der Aufbauten.

Welche Bedeutung haben modulare Fahrzeuge für die Zukunft der Mobilität?

Aus unserer Sicht löst der modulare Aufbau viele der anstehenden Probleme im Automobilbau: Beispielsweise die immer schneller und weiter auseinanderklaffende Lebensdauer der Mechanik gegenüber der Elektronik. Oder die nur periodische Nutzung der Fahrzeuge. Dank flexiblem Einsatz verschiedener Aufbauten reduzieren wir mit MetroSnap einerseits die Anzahl automatisierter Fahrzeuge und bedienen andererseits die unterschiedlichen Transportanforderungen für Mensch und Gut.
 

«Das automatisierte Fahren werden wir mit grosser Wahrscheinlichkeit erleben»

1979 haben Sie Ihre Firma Rinspeed gegründet. Welche Vision leitete Sie dabei?

Damals wirklich keine. Ich lasse mich normalerweise eher vom Bauch leiten als von Visionen. Denn: Was ich gerne mache, mache ich gut, und was ich gut mache, bringt in der Regel auch Geld und Erfolg. Eine wichtige Grundphilosophie für mich. 

Was würden Sie als grössten Erfolg Ihrer Tätigkeit bezeichnen?

In den Achtzigerjahren habe ich das multifunktionale Lenkrad erfunden. Leider war es mir damals nicht möglich, die Erfindung patentieren zu lassen. Heute findet man sie praktisch in jedem Auto. Insofern haben wir damals ein Massenprodukt geschaffen. Mit Blick auf unsere Fahrzeuge ist das tauchende Auto sQuba auch nach zwölf Jahren noch die grosse Ikone, nach der wir ständig gefragt werden.

Dass Sie Ihre Erfindung nicht patentieren lassen konnten, war dies Ausdruck der Machtverhältnisse in der Autobranche?

Nein. Der Grund dafür war, dass ich keine grundlegend neue Technologie erfunden, sondern bestehende Technologien neu kombiniert hatte. Heute wäre ein solches Patent wohl eher möglich.

Wie gehen Sie heute an Innovationen heran?

Dafür gibt es unterschiedliche Konzepte, die man mit zunehmender Erfahrung kennenlernt. Verkrampfung ist ganz grundsätzlich der Feind der Kreativität. Wichtig ist, den Prozess spielerisch zu betrachten: «Flying to the moon» – weit übers Ziel hinausschiessen, blöde Sprüche machen und dabei lachen. So komme ich zu den besten Ideen. 

Welche Innovationen würden Sie sich von der
Energiebranche wünschen?

Eine These: Wer sagt uns, dass es nicht eine Form der erneuerbaren Energie gibt, die wir noch gar nicht kennen? Dass die Energiezukunft erneuerbar sein muss, ist unbestritten. Aber vielleicht liegt die effizienteste Lösung ja noch im Verborgenen. Über den Tellerrand hinauszuschauen, könnte sich auch in der Energiebranche lohnen. 

Die Elektromobilität hat einen hohen Stellenwert in der Diskussion um die Energiezukunft. Seit wann sind Ihre Konzeptautos elektrisch?

Seit 2007.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die Elektromobilität?

Insbesondere in Europa denken die Autohersteller noch in alten Schemen und verlassen sich auf ihr traditionelles Image. Das ist ein grosser Fehler. Man fokussiert zu wenig auf neue Mobilitätsbedürfnisse.
 

«Manchmal muss ein Rückschritt in Kauf genommen werden, damit der Fortschritt ermöglicht wird.»

Die Zukunft der Mobilität ist eng verbunden mit einem neuen Lifestyle und womöglich einer völlig neuen Art, sich fortzubewegen. Es reicht nicht, sich auf die alten Markenwerte zu verlassen, Mobilität muss grundsätzlich neu gedacht werden.

Ist dies für ingenieursgetriebene Firmen überhaupt möglich?

Das ist die grosse Herausforderung für Autohersteller. Möglich ist es nur dann, wenn man emotionaler denkt, den Menschen in den Mittelpunkt stellt und die Technikvernarrtheit aufgibt. Es braucht unbedingt ein Umdenken und mehr Kreativität.

Kann Rinspeed die grossen Autohersteller in
diesem Transformationsprozess unterstützen?

Jein. Ja aus unseren Fähigkeiten und Erfahrungen heraus, nein wegen des Unvermögens der grossen Hersteller, sich von langjährig etablierten Prozessen, Abläufen, Politik und Administration richtig abzunabeln.

Wo stehen wir in fünf bis zehn Jahren?

Das automatisierte Fahren werden wir mit grosser Wahrscheinlichkeit erleben – jedoch später, als wir es uns erhofft hatten. Man hat jetzt die hohe Komplexität erkannt, die damit zusammenhängt. So wird sich die Technologie nicht von heute auf morgen etablieren, sondern sich in kleinen Schritten über verschiedene Bereiche mit bestimmten Auflagen ausdehnen. Bis wir dann irgendwann automatisiert durch einen Schneesturm kurven, wird es noch sehr lange dauern. Aber wir werden über die nächsten Jahre die Entwicklung in diese Richtung Schritt für Schritt beobachten können.

Frank M. Rinderknecht und ein Modell des modularen Mobilitätssystems Metrosnap (hier in der Lieferwagen-Version)

Wo erkennen Sie die wichtigste Stellschraube im Sinne einer erneuerbaren Zukunft?

In der Politik, die die Weichen stellen muss. Die Veränderung kommt klar von aussen, nicht von der Branche selber. Die CO2-Beschränkungen zwingen die Hersteller dazu, neue Lösungen zu finden, und auch das Umweltbewusstsein der jungen Generation wird die Entwicklung massgeblich beeinflussen.

Wie stehen Sie denn zur Kritik an der Nachhaltigkeit der E-Mobilität?

Die ist teilweise berechtigt, wenn auch viel zu kurz gegriffen. Die Konsequenz kann ja nicht sein, dass wir darum bei den fossilen Brennstoffen bleiben und diese uns eines Tages ausgehen. So schaffen wir es nicht in eine erneuerbare Zukunft. Manchmal muss in gewissen Bereichen ein Rückschritt in Kauf genommen werden, damit der Fortschritt insgesamt ermöglicht wird. Die Kritik mag also berechtigt sein, sie darf aber nicht das Argument dafür sein, alles so zu belassen, wie es ist. Ziel muss es sein, möglichst rasch auf regenerative Energie umzusatteln. 

Sie haben gesagt, Mobilität müsse neu gedacht
werden, was könnte das bedeuten?


Ist es zum Beispiel noch zeitgemäss, wenn alle individuell in einem 2,5 Tonnen schweren Gefährt zur Arbeit fahren und dabei im Stau stehen? Meine Tochter zum Beispiel hat mir das Auto, welches ich ihr zum 19. Geburtstag geschenkt hatte, mit 23 wieder zurückgeben und mir gesagt, dass sie kein Auto mehr brauche. Ein Trend, der im urbanen Bereich stark zunimmt. Bei vielen jungen Leuten steht der Besitz eines Autos nicht mehr weit oben auf der Prioritätenliste. Ihnen geht es um ein attraktives Mobilitätsangebot. Das muss nicht automatisch ÖV bedeuten. Wenn wir von automatisiertem Fahren sprechen, kann dies irgendwann in komplett neue Verkehrsträger münden. 

Haben Sie vom Hyperloop-Projekt gehört?
(Hyperloop)

Ja, eine spannende Idee. Ich habe aber gewisse Zweifel, ob das so klappt. Das muss es aber vielleicht auch gar nicht. Das Projekt stösst sehr wohl neue Ideen an, die dann wiederum auf ein neues Level führen können. Das Projekt ist darum spannend, weil es neue Akzente setzt. Genau so findet man Lösungen.

Wie geht es bei Rinspeed weiter? Mit welchen Mobilitätskonzepten befassen Sie sich zurzeit?

Dazu kann ich leider noch nicht allzu viel verraten. Zusammen mit einigen grossen Partnern aus der Autoindustrie arbeiten wir an einem sehr revolutionären Konzept. Es baut auf der Basis unserer Konzeptfahrzeuge der vergangenen drei Jahre auf. Darin erkenne ich riesiges Lösungspotenzial für die Mobilität der Zukunft.