E-Mobilität kommt – unter Voraussetzungen

E-Mobilität kommt – unter Voraussetzungen

Elektroautos sind die neuen Stars am Autohimmel. Doch werden sie den Verbrennungsmotor tatsächlich bald verdrängt haben? «Kommt darauf an», sagt der ETH-Mobilitätsexperte Prof. Konstantinos Boulouchos.

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In der Schweiz haben E-Autos heute einen Marktanteil von rund einem Prozent an der Gesamtzahl an Autos. Welche Entwicklung ist hier weiter zu erwarten?

Genau lässt sich das nicht prognostizieren, aber wir erwarten einen schrittweisen Anstieg. Diesen sehe ich zuerst im Bereich der Zweitwagen, also bei Autos, die auf kurzen Strecken genutzt werden, etwa für Berufspendler. Ein Anteil an der PKW-Flotte von 50 Prozent und mehr würde wohl einige Jahrzehnte brauchen.

Worin liegen die Vorteile der E-Mobilität, wo ihre Nachteile?

Neben dem CO₂-Ausstoss ist die lokale Umweltbeeinträchtigung, beispielsweise durch Lärmemissionen, ein Problem des heutigen Verkehrs. Hier schaffen E-Autos zweifelsohne Entlastung. Und das hat vielfältige Effekte, so kann man zum Beispiel nun auch in den Städten Waren in der Nacht anliefern. Was den Preis angeht, so sind im Vergleich zu Benzin- und Dieselautos E-Autos – und Batterien – heute noch recht teuer. Doch die Preise werden in den nächsten Jahren deutlich sinken.

Was braucht es dazu an Infrastruktur? Und wer muss dafür sorgen?

Der Ausbau der E-Mobilität muss sehr sorgfältig mit der Entwicklung der erneuerbaren Energien abgestimmt werden. Dafür muss die Politik besorgt sein. Wir als Wissenschaftler müssen die Wege dorthin beleuchten. Dazu ist der Aufbau einer funktionierenden Ladeinfrastruktur sehr wichtig, und zwar nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch an Privatparkplätzen. In diesem Bereich sind potenzielle Besitzer von E-Fahrzeugen auf die Beratung der Energieversorger angewiesen. Für das alternative Modell, das heisst dasjenige eines Austauschs, sobald die Batterie leer ist, gab es bis jetzt keinen Durchbruch.

Ist das Schweizer Netz den Herausforderungen dieser neuen Technologie schon gewachsen?

Technisch ist alles machbar, es ist wie immer eine Kostenfrage. Das Übertragungsnetz ist kein Problem, aber das Verteilnetz kann sehr wohl eines sein. Wenn viele Autos gleichzeitig ans Netz gehen, kann das schnell zur Überlastung führen. Hochleistungsladestationen machen die Herausforderung umso grösser, doch das ist durch entsprechende Investitionen lösbar.

 

«Subventionen können keine Dauerlösung sein.»  

 

Hat E-Mobilität langfristig eine Chance?

Entscheidend ist der Beitrag des Verkehrs zum Klimawandel. Das CO₂ aus Mobilität macht heute in der Schweiz etwa die Hälfte der gesamten CO₂-Emissionen aus. Doch die zusätzlich erforderliche Stromproduktion wird auf absehbare Zeit auch einen wesentlichen CO₂-Ausstoss haben. Wenn wir alle Benzin- und Dieselautos ersetzen wollen, brauchen wir zusätzliche Elektrizität in Höhe von 20 bis 25 Prozent des heutigen Stromverbrauchs der Schweiz. Auf null kommen wir also nicht so schnell.
Fest steht, dass es sehr viel Geld brauchen wird, und das muss gut geplant werden. Wenn man eine Technologie fördert, muss man irgendwann die Kostenwahrheit erreichen. Heute zahlen E-Autos keine Mineralölsteuer, was aktuell noch vernachlässigt werden kann. Doch wenn der Anteil steigt, müssen auch diese sich an der Bereitstellung der Infrastruktur beteiligen. In der Schweiz werden heute rund 4 Milliarden Franken an Mineralölsteuer für Pkws eingenommen. Schon bei einem Anteil von 25 Prozent E-Autos wäre das eine Milliarde Franken, die entfallen würde. Das wird Auswirkungen auf den Strompreis haben. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass der motorisierte Individualverkehr heute nur zum Teil seine Umweltkosten deckt. Subventionen sind gerade am Anfang wichtig, diese können aber keine Dauerlösung sein.

Welchen Einfluss haben Autohersteller auf die Entwicklung der E-Mobilität?

Alle wollen einsteigen, ein wesentlicher Treiber ist China. Die Europäer sind in der Forschung zwar noch führend, doch in der Produktion von Batterien hinken sie hinterher. China hat den Anschluss an die klassische Automobilindustrie bisher nicht geschafft, doch in dieser neuen Technologie sieht es jetzt seine grosse Chance. Und da möchten alle Wettbewerber schon aus industriepolitischen Gründen mithalten.

Welche Mobilitätskonzepte sind Ihrer Ansicht nach die zukunftsträchtigsten?

Der kostenmässig optimale nächste Schritt für eine nachhaltige Mobilität ist heute ein Hybridauto. Als Benziner oder mit Gasantrieb fährt er heute auch im realen Betrieb mit praktisch null Schadstoffemissionen. Wenn aber einerseits die Batterien leistungsfähiger und preiswerter geworden sind und insbesondere der für die Mobilität erforderliche Zusatzstrom einen sehr tiefen CO₂-Ausstoss verzeichnet, wird sich die Elektromobilität im Pkw-Bereich durchsetzen und grosse Marktanteile gewinnen. Ein weiteres konkurrierendes Konzept sind Fahrzeuge mit Brennstoffzellen. Diese sind insbesondere für Lkws mit grossen Reichweiten geeignet. Doch es braucht sehr viel Elektrizität, um Wasserstoff durch Elektrolyse herzustellen. Und die Frage ist, ob eine Volkswirtschaft es sich leisten kann, eine doppelte Infrastruktur für die Mobilität aufzubauen.

Konstantinos Boulouchos ist Professor am Institut für Energietechnik der ETH Zürich im Departement Maschinenbau und Verfahrenstechnik. Er leitet das Schweizer Kompetenzzentrum für Mobilität, das die Entwicklung bestmöglicher Technologien und Prozesse für die Transformation dieses Sektors in Richtung Nachhaltigkeit erforscht.