Im Auge des Stroms

Im Auge des Stroms

Neben dem 15 000 Kilometer langen Verteilnetz der EKZ müssen drei Kraftwerke und 38 Unterwerke überwacht werden. Das ist die Aufgabe der Betriebsführungsstelle (BFS), die rund um die Uhr im Dienst der Versorgungssicherheit des Kantons im Einsatz ist.

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Es ist fast wie am Flughafen: An allen Türen gibt es Sicherheitskontrollen, und wenn man schliesslich ins Herz der BFS vorgedrungen ist, kommt man sich vor wie im Tower. Nur dass hier nicht der Flugbetrieb überwacht wird, sondern die Stromversorgung des gesamten Kantons Zürich. Die Männer, die an den Bildschirmen sitzen und die aktuelle Lage beobachten, heissen hier ebenfalls Dispatcher. Doch einen Unterschied gibt es: Während der Dispatcher im Flugbetrieb eine Ausbildung als Flugdienstberater oder Aviatiker absolvieren kann, erfolgt die Ausbildung für das Führen von elektrischen Netzen intern durch das Elektrizitätswerk. Marc Engeli, Leiter der BFS der EKZ sagt: «Die meisten Mitarbeitenden sind ursprünglich Elektrotechniker oder Netzelektriker, für den Beruf des Dispatchers gibt es in unserem Bereich in der Schweiz eben noch keine anerkannte Ausbildung.» Das heisst, dass alle Mitarbeitenden hier in Dietikon von den EKZ eigens auf ihre Aufgaben hin ausgebildet worden sind. Zudem nehmen sie regelmässig an spezialisierten Weiterbildungen teil.

Rund um die Uhr überwacht

Die Schalt- und Kontrollstelle des EKZ Stromnetzes befindet sich in Dietikon. Hier wird unser Stromnetz rund um die Uhr überwacht. Wie geht das? «Im Störungsfall gehen die Mitarbeitenden der BFS dem Ursprung von Unterbrüchen auf den Grund und lokalisieren die Fehlerstelle», erläutert Engeli. «Sie mobilisieren Fachleute in der betroffenen Region und beheben mit diesen zusammen die Störung.» Das Ziel: Die Stromversorgung muss schnellstmöglich wiederhergestellt sein. Tönt recht einfach – ganz so simpel ist es aber nicht.

 

«Bei einem Blackout bekommt das Fax plötzlich wieder grosse Bedeutung.»

 

Die Leitstelle wurde vor einigen Jahren umgebaut und modernisiert und besteht in der jetzigen Form seit 2009. Bis 2012 wurde dann das Netzleitsystem komplett ersetzt. Doch da das Netz ständig weiter ausgebaut wird, müssen auch alle Daten und Systeme in der Betriebsführungsstelle laufend aktualisiert werden. «Das gehört zu den Zusatzaufgaben eines jeden», sagt Marc Engeli. «Die Instandhaltung der gesamten BFS, also des Gebäudes mit allen Einrichtungen wie etwa der Haus- und Systemtechnik sowie der IT, aber auch die permanente Archivierung aller relevanten Dokumente sowie die Wartung des Betriebsfunks gehören dazu. Dieser muss ja immer einsatzbereit sein.»

Alles im Blick: Das gesamte Netz wird in der Betriebsführungsstelle (BFS) elektronisch überwacht.
Alles im Blick: Das gesamte Netz wird in der Betriebsführungsstelle (BFS) elektronisch überwacht.
Ein speziell ausgerüsteter EKZ Kabelmesswagen mit modernster Technik hilft, eine Störung im Mittel- und Niederspannungs-Kabelnetz zu lokalisieren.
Ein speziell ausgerüsteter EKZ Kabelmesswagen mit modernster Technik hilft, eine Störung im Mittel- und Niederspannungs-Kabelnetz zu lokalisieren.

Dreischichtbetrieb für 24-Stunden-Sicherheit

Wann finden die Mitarbeiter dazu denn Zeit? Sie sollten doch eigentlich am Bildschirm sitzen, oder? Marc Engeli lacht. «Es gibt natürlich auch ruhigere Zeiten, etwa während der Nachtstunden. Und es sitzt ja hier tagsüber niemand allein im Kontrollraum.» In der BFS wird im Dreischichtbetrieb gearbeitet, damit die Besetzung rund um die Uhr gewährleistet ist. Jede Früh- und Spätschicht ist durch mindestens zwei Mitarbeitende besetzt, optimal sind tagsüber fünf.

«An jedem Arbeitsplatz hat man vollen Zugriff auf alle Systeme und kann alles von dort aus überwachen und steuern. Ein weiterer Dispatcher kann im Bedarfsfall aufgeboten werden und ist nach etwa 30 Minuten einsatzbereit.» Damit die Überwachung sichergestellt ist, kommen weitere Systeme wie Pager und Akustiksystem (Lautsprecheranlage) zum Einsatz. An jedem Arbeitsplatz ist eine Säule mit vier verschiedenfarbigen Leuchten montiert. Wenn das Telefon klingelt, leuchtet das grüne Lämpchen auf. Und was bedeuten die anderen drei Signalleuchten? «Wenn es jetzt rot blinken würde, wäre das das Zeichen für eine neue Netzstörung. Gut also, wenn das nicht passiert.» Die gelbe und die blaue Leuchte stehen für eingehende Nachrichten per Funk und Telefax. Telefax? Ist das nicht ein wenig antiquiert? «Für viele Bereiche mag das stimmen, aber für uns ist das Fax immer noch wichtig. Denn wenn die öffentlichen Kommunikationsnetzwerke unterbrochen sind wie zum Beispiel bei einem Blackout, betrifft das ja auch das Internet. Und sehr schnell sind auch die Handynetze nicht mehr verfügbar. Da bekommt das Fax dann plötzlich wieder grosse Bedeutung. So können die Elektrizitätswerke weiterhin untereinander kommunizieren und sich Daten und Anweisungen zustellen.» Die Elektrizitätswerke in der Schweiz haben dazu ein eigenes Kommunikationsnetz.

Schnelle Kommunikationswege

Was passiert also konkret im Ernstfall? Wenn im Netz der EKZ irgendwo eine Störung – im BFS-Jargon «Event» genannt – auftritt, erhalten die Dispatcher eine Meldung durch das Netzleitsystem der Polizei oder Feuerwehr, durch einen Kundenanruf oder eine interne Meldung eines Kollegen. Dann gilt es, schnell herauszufinden, worum es genau geht. Zunächst wird bei der Kontaktperson rückgefragt. Aber auch über das Netzleitsystem und über das geografische Informationssystem (GIS) sowie mittels gedruckten Kartenmaterials wird der Ort der Netzstörung eingegrenzt. Nun muss ein Betriebsmonteur dorthin geschickt werden, damit der Schaden in Augenschein genommen werden kann. Je nach Vorfall kann der Mann vor Ort diesen beheben oder er muss entsprechende Mittel anfordern. Betrifft eine Störung das Mittelspannungsnetz (16 000-Volt-Netz), führt die BFS die Entstörung bis zur kompletten Behebung.

 
«Wir sind das Auge, der Kollege draussen ist unsere Hand.»

 

Das System ist redundant, also doppelt aufgebaut – nicht nur datentechnisch, sondern auch physisch. An einem anderen Ort im Kanton Zürich, der aus Sicherheitsgründen nicht bekanntgegeben wird, gibt es die BFS also ein zweites Mal. Und auch diese BFS II muss ständig perfekt betriebsbereit gehalten werden. Auch das gehört zu den Aufgaben des Teams.

Sicherheit immer an erster Stelle

Sie haben also viel zu tun, die Männer in der Betriebsführungsstelle. Doch es gehen ja nicht ständig Meldungen ein. Dann hat man es doch ruhig, oder? Dispatcher Stefan Dörder relativiert: «Nur oberflächlich betrachtet. Die permanente Aufmerksamkeit, wenn man im Dienst ist, erzeugt eine Art Wartestress, vor allem nachts. Man weiss ja nie, was als Nächstes passiert und was im Fall eines Events dahintersteckt. Hier muss jeder einzelne Kollege zu 100 Prozent funktionieren.» Dazu kommt die Verantwortung, die man für den Kollegen draussen hat. Er muss sich völlig auf die Anweisungen des Dispatchers verlassen können. Dabei steht die Sicherheit immer an erster Stelle. Man muss wissen, was man tut, einen kühlen Kopf bewahren und im Fall eines Alarms logisch überlegen, sagt Dörder. «Wir sind das Auge, der Kollege draussen ist unsere Hand.» Kein ungefährlicher Job also. Doch die Standards sind hoch – und die Qualität der Mitarbeitenden ist es auch. «Wir hatten in den letzten Jahren keine internen Unfälle», sagt Marc Engeli stolz. Und das soll auch so bleiben.

In einem rund 15 000 Kilometer langen Leitungsnetz einen Fehler zu finden, ist nicht ganz einfach. Erst recht, wenn er eine im Boden verlegte Leitung betrifft. Ein speziell ausgerüsteter EKZ Kabelmesswagen mit modernster Technik hilft dabei. Dieser ermöglicht die Ortung von Störungen im Mittel- und Niederspannungs-Kabelnetz. Dank punktgenauer Fehlerortung und dem gut organisierten Pikettdienst der EKZ ist eine effiziente Fehlerbehebung in kürzester Zeit möglich.