Auch barfuss Weltklasse

Auch barfuss Weltklasse

Mujinga Kambundji ist eine der erfolg­reichsten Leichtathletinnen der Schweiz. Nicht nur durch ihre sportlichen Erfolge, sondern auch durch ihre sym­pa­thische und bodenständige Art wurde die 26-­Jährige zum Publikumsliebling. Ihre ­Mutter Ruth, die hier über sie spricht, ­findet es gut, dass Mujinga ihren eigenen Kopf hat.

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Mujinga und ich haben ein sehr gutes und vertrauensvolles Verhältnis. Ich bin nicht ihre beste Freundin, aber das muss ich ja auch nicht sein. Ich bin ihre Mutter, und sie weiss, dass sie immer und mit allem zu mir kommen kann. Für mich ist es schön zu sehen, dass sie zu ihren drei Schwestern ein so gutes Verhältnis hat. Ich sehe es als meine grösste Leistung als Mutter, dass meine vier Töchter sich so gut verstehen. Mujingas Beziehung zu ihren Schwestern ist sehr eng und gibt ihr Stabilität.

Ihre Tante, also meine Schwester, steht Mujinga seit ihrer Kindheit sehr nahe. Sie hat sie oft an Rennen begleitet, war bei fast allen Junioren-Wettkämpfen dabei, wenn wir nicht konnten, da wir ja eben auch noch drei andere Töchter haben, um die wir uns kümmern müssen und wollen.

Schon als Kind musste sich Mujinga immer bewegen. Wichtig aber war, dass sie dabei Spass hatte. Eine einfache Wanderung war ihr zu langweilig. Man musste den Ausflug mit Spielen aufpeppen. Als Mujinga in der ersten Klasse war, lief sie ihr erstes Rennen, ‹Dr schnällscht Bärner›. Ohne Schuhe, barfuss. Und sie holte gleich schon die Silbermedaille. Danach gewann sie den Sportanlass jedes Jahr. Ein paar Jahre noch barfuss, irgendwann dann mit Schuhen. Und auch bei anderen Rennen stand sie immer wieder zuoberst auf dem Podest. Uns als Eltern war und ist es immer wichtig, dass unsere Kinder nichts verbissen machen, sondern der Spass im Vordergrund steht.

Aus dem Familien­album (v.l.n.r.): Ruth Kambundji mit Kaluanda, Mujinga und Muswama, drei ihrer vier Töchter.
Aus dem Familien­album (v.l.n.r.): Ruth Kambundji mit Kaluanda, Mujinga und Muswama, drei ihrer vier Töchter.
Ruth Kambundji, 56, ist die Mutter von Mujinga und seit 32 Jahren mit ihrem Mann Safuka ver­heiratet. Der Kongolese und die Schweizerin haben vier Töchter. Die Mutter arbeitet heute als Zugchefin, zuvor war sie fast 30 Jahre lang Krankenschwester. In ihrer Freizeit ­arbeitet sie gerne im Garten und unterstützt ihre Töchter bei Wettkämpfen. Mujingas zwei jün­gere Schwestern betreiben den Leichtathletiksport ebenfalls auf Spitzenniveau.
Ruth Kambundji, 56, ist die Mutter von Mujinga und seit 32 Jahren mit ihrem Mann Safuka ver­heiratet. Der Kongolese und die Schweizerin haben vier Töchter. Die Mutter arbeitet heute als Zugchefin, zuvor war sie fast 30 Jahre lang Krankenschwester. In ihrer Freizeit ­arbeitet sie gerne im Garten und unterstützt ihre Töchter bei Wettkämpfen. Mujingas zwei jün­gere Schwestern betreiben den Leichtathletiksport ebenfalls auf Spitzenniveau.

Obwohl Mujinga schon nach ihrer ersten Teilnahme beim ‹schnällschte Bärner› in den Leichtathletikverein ging, merkten wir relativ spät, wie viel Talent in ihr schlummerte. Ihren ersten internationalen Wettkampf bestritt sie an der U18-WM in Italien. Da wurde bei ihr die Lust nach mehr geweckt. Sie ging ins Gymnasium – ein Sportgymnasium gab es damals in Bern noch nicht – und trainierte viermal in der Woche. Zusammen mit den Wettkämpfen war das in meinen Augen manchmal etwas grenzwertig. Aber Mujinga hat ihren eigenen Kopf, was ich gut finde. Sie wollte das schaffen – und hat es auch geschafft.

Wenn immer möglich, reisen mein Mann und ich, oder wenigstens einer von uns, mit, um Mujinga an den Wettkämpfen zu unterstützen. An die Europameisterschaften in Amsterdam erinnere ich mich besonders gern: Meine Tochter gewann die Bronzemedaille über 100 Meter. Wir haben gefeiert wie die Verrückten. Ich glaube, wir waren glücklicher als die Angehörigen der Siegerin.

Als sie sich mit 19 Jahren in Basel an den Schweizer Leichtathletik-Meisterschaften verletzte und einen Muskelfaserriss erlitt, war das ein schrecklicher Moment für mich als Mutter. Nicht nur, dass sie Schmerzen hatte, tat mir weh – es war ein harter Schlag: Denn kurz nach Basel hätte sie nach Südkorea an die Weltmeisterschaften gehen können. Ihre Koffer waren gepackt, aber ihre Pläne auf einmal zerschlagen. Doch Mujinga steht immer wieder auf und kämpft weiter, das bewundere ich an ihr. Ebenso, wie sie mit Druck umgehen kann und dass sie sehr lieb, unkompliziert und feinfühlig ist. Ob es etwas gibt, was mich manchmal an ihr nervt? Nicht wirklich. Oder doch: Wenn Mujinga Hunger hat, dann kann sie so richtig ‹grantig› werden.

Meiner Tochter wünsche ich, dass sie ihre Träume leben und das realisieren kann, was sie möchte. Sei dies sportlich oder auch privat.»

Mujinga Kambundji, 26, ist Leichtathletin. Die Tochter eines Kongolesen und einer Schweizerin ist in Bern aufgewachsen. Ihre erste internationale Medaille gewann sie an der EM 2016 in Amsterdam, sie wurde Dritte. 2018 holte Mujinga als erste Schweizer Sprinterin die Bronze­medaille an der Leichtathletik-Hallen-WM in Birmingham. Dank ihrem diesjährigen Rekord von 7,03 ­Sekunden an den Schweizer Hallenmeisterschaften ist sie derzeit die fünftschnellste Europäerin der Geschichte über 60 Meter.