Für 90 Minuten in einer anderen Welt

Für 90 Minuten in einer anderen Welt

Wo 1913 ein Stummfilmkino war, steht heute das Riffraff. Das Kino, das Independent-Filme zeigt, feiert heuer seinen 20. Geburtstag. Trotz Digitalisierung und Konkurrenz durch Streaming-Angebote blicken die Betreiber optimistisch in die Zukunft.

Regelmässig spannende
Infos aus der Energiewelt?
Jetzt abonnieren

An diesem Dienstagmorgen wirkt das sonst so quirlige Langstrassenquartier noch recht verschlafen. Die beiden Schriftzüge «Riffraff» an der Neugasse 57 und 63 leuchten nicht. Und auch Kinobesucher sucht man noch vergebens. Nur ein gros­ser, schlanker Mann steht vor dem Eingang. Er stellt sich als Res Kessler vor. Der Geschäftsführer der Neugass Kino AG, zu der auch das Riffraff gehört, bietet sogleich das Du an. «Wie es in der Kinobranche üblich ist», erklärt er im Basler Dialekt, und bittet in die dunkle, aber blitzblanke Bar hinein. «Wir befinden uns hier im alten Teil des Riffraff, direkt unter dem Markenzeichen», sagt er und deutet auf den Lichtstrahl, der quer unter der hohen Decke durch die Bar verläuft. «Wir projizieren den Film von der Filmkabine durch die Bar hindurch auf die Leinwand im Saal 1.» Verschmitzt fügt er an: «Im Zigarettenqualm kam der Lichtstrahl sehr gut zur Geltung. Seit dem Rauchverbot 2010 helfen wir mit der Rauchmaschine nach.» Was nach kühnem Marketing klingt, ist aus technischer Not entstanden. «Das Gebäude wurde 1913 als Stummfilmkino mit einem einzigen grossen Saal gebaut. Damit wir 1998 fürs Riffraff zwei Säle sowie eine Bar in den alten Saal bauen konnten, mussten die Architekten eine innovative Lösung finden. Das Resultat: der freigelegte Projektionsstrahl durch die Bar», erklärt Res.

Kino ist mehr als ein Film

Die Bar im alten Teil, aber auch das Bistro im neuen Teil vor dem Riffraff 3 und 4 gehören zum Konzept. «Sie umrahmen das Kinoerlebnis», wie Res sagt, «als Orte, wo man sich vor dem Film trifft und danach über den Film sinniert.» Er spricht bewusst von Erlebnis, während er die Tür zum Saal 1 aufmacht, der mit 177 Plätzen der grösste im Riff­raff ist. Hier ist es noch etwas dunkler – perfekt, um abzuschalten, das Zeitgefühl zu verlieren und für die Dauer eines Films in eine andere Welt einzutauchen. «Dieses Eintauchen macht heute immer noch den Reiz des Kinos aus», ist Res überzeugt. «Im Kino vergisst man alles um sich herum, man konzentriert sich auf das, was sich auf der Leinwand abspielt.» Zum Kinoerlebnis gehören aber auch die Zuschauer rundherum: «Ich kann mich an den ersten ‹Poltergeist› in den 1980er Jahren erinnern, den ich im Kino mit 1200 anderen Zuschauern gesehen habe. Wenn 1200 Leute um dich herum gleichzeitig erschrecken, dann geht das schon unter die Haut», erzählt Res. «Oder wenn bei einer Komödie alle gleichzeitig lachen, wirkt das ansteckend.»

Was ist für Geschäftsführer Res Kesser ein guter Film? - «Es gibt gute Filme in jedem Genre. Unabhängig vom Genre gibt es aber wenige, die mich überraschen, bei denen ich denke: Wow, so etwas habe ich noch nie gesehen! Überraschend kann der Inhalt sein, aber auch, wie ein Film erzählt wird.»
Was ist für Geschäftsführer Res Kesser ein guter Film? - «Es gibt gute Filme in jedem Genre. Unabhängig vom Genre gibt es aber wenige, die mich überraschen, bei denen ich denke: Wow, so etwas habe ich noch nie gesehen! Überraschend kann der Inhalt sein, aber auch, wie ein Film erzählt wird.»
Das Riffraff 1 ist einer von vier Sälen an der Neugasse und auch der grösste.
Das Riffraff 1 ist einer von vier Sälen an der Neugasse und auch der grösste.
Getränke dürfen mit ins Kino, denn Pausen gibt's im Riffraff selten. «Pausen sind eine Schweizer Eigenart. Bei uns aber kommen Filme bis zu einer Dauer von 2.5 Stunden ohne Pause aus. Es wäre schade, den Filmfluss zu unterbrechen», sagt Res Kessler.
Getränke dürfen mit ins Kino, denn Pausen gibt's im Riffraff selten. «Pausen sind eine Schweizer Eigenart. Bei uns aber kommen Filme bis zu einer Dauer von 2.5 Stunden ohne Pause aus. Es wäre schade, den Filmfluss zu unterbrechen», sagt Res Kessler.
Wo gibt's Popcorn? - «Im Riffraff haben wir uns bewusst dagegen entschieden. Popcorn, gerade frisch gemachtes, scheidet die Geister respektive Nasen und Ohren», sagt Res Kessler.
Wo gibt's Popcorn? - «Im Riffraff haben wir uns bewusst dagegen entschieden. Popcorn, gerade frisch gemachtes, scheidet die Geister respektive Nasen und Ohren», sagt Res Kessler.
Das Markenzeichen des Riffraff: Der Lichstrahl der Filmprojektion, der quer unter der hohen Decke durch die Bar hindurch verläuft.
Das Markenzeichen des Riffraff: Der Lichstrahl der Filmprojektion, der quer unter der hohen Decke durch die Bar hindurch verläuft.

Vom Sekretär zum Geschäftsführer

Der Saal mit 1200 Plätzen gehörte der Walch Kinobetriebe AG in Basel und war damals der grösste in der Schweiz. Basel war auch der Ort, an dem Res Kessler seine Kinolaufbahn begann. «Eigentlich wollte ich Schauspieler werden, habe dann aber die Handelsschule gemacht und wurde anschliessend Sekretär des Patrons der Walch Kinobetriebe», erzählt er. Allerdings nicht lange. «Ein Jahr später ist der Patron nach Amerika ausgewandert. Zwar kam er alle paar Monate zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Im Alltag aber waren wir zu zweit für die sieben Kinos des Betriebs zuständig. Einer für die Werbung und ich für die Organisation und die Finanzen. So habe ich alles gelernt, was zum Kino dazugehört.» Sechs Jahre ist er geblieben, bis 1998. «Dann bin ich nach Zürich gekommen, habe ein paar Jahre in einer Werbeagentur gearbeitet, bevor ich 2004 meinen jetzigen Job angetreten habe.»

Komfort und Qualität

Einen Kinosaal mit 1200 Plätzen gibt es heute in der Schweiz nicht mehr. Verändert hat sich auch der Komfort. «Damit der Zuschauer wirklich eintauchen kann, muss er sich wohlfühlen. Neben der Atmosphäre müssen die Sitzbreite, der Abstand der Reihen und der Abstand zur Leinwand stimmen», erklärt Res. «Wir machen exakt das Gegenteil von dem, was gewisse Airlines machen», meint er schmunzelnd.

«Unsere Filme sind handverlesen und erfüllen einen Qualitätsanspruch.» 

Zum Komfort gehört auch, dass sich der Zuschauer darauf verlassen kann, dass seine Erwartung an den Film erfüllt wird: «Unsere Filme sind handverlesen. Ob sie gut sind, das ist subjektiv, aber wir garantieren, dass die Filme, die wir zeigen, einen Qualitätsanspruch erfüllen», sagt Res. Seit dem Anfang zeigt das Riffraff provokative, kontroverse und unabhängige Filme aus aller Welt in der Originalsprache. Auch Schweizer Filme sind fester Bestandteil des Programms – sofern sie ins Konzept passen.

In der Filmkabine, wo es alles andere als dunkel ist. Links stehen die Server, von denen die Filme heutzutage abgespielt werden.
In der Filmkabine, wo es alles andere als dunkel ist. Links stehen die Server, von denen die Filme heutzutage abgespielt werden.
Blick von der Filmkabine auf die Leinwand.
Blick von der Filmkabine auf die Leinwand.
Die Filmspule, die Res Kessler in der Hand hält, hat der Harddisk Platz gemacht. Die Filme werden heute ab Server gespielt.
Die Filmspule, die Res Kessler in der Hand hält, hat der Harddisk Platz gemacht. Die Filme werden heute ab Server gespielt.
Der Schriftzug des Kinos an der Neugasse.
Der Schriftzug des Kinos an der Neugasse.

Harddisk statt Filmspule

«Wir werden heutzutage von Filmen überschwemmt, weil es einfacher geworden ist, einen Film zu produzieren. Die Filmflut bringt viel Gutes, auch kleine Perlen, die sonst vielleicht gar nicht rausgekommen wären, aber leider auch Schlechtes.» Die guten Filme aus der Flut auszuwählen, das sei heute die Kunst der Programmgestaltung. Dass Ausstoss und Vielfalt der Filme zugenommen haben, merkt auch der Zuschauer: «Während wir vor 14 Jahren im Riffraff zwei bis drei Filme pro Monat gestartet haben, sind es heute so viele pro Woche.» Und der Zuschauer merke auch, dass mehr Kopien desselben Films im Umlauf sind. Denn ein Film auf einer Festplatte kann beliebig oft kopiert werden und ist – anders als ein Film auf der Spule – immer verfügbar. «Ein Vorteil für uns – und gleichzeitig ein Nachteil: Denn die Filme sind nicht mehr exklusiv.» Der gleiche Film läuft zur gleichen Zeit in verschiedenen Kinos einer Stadt. Die Folge: Er wird schneller ausgemustert, weil nicht genügend Interesse daran besteht respektive weil die Auslastung überall sinkt.

Nicht nur die Kinos konkurrieren miteinander. Zusätzliche Konkurrenz erhalten sie von den Streaming-Anbietern. Naht das Ende des Kinos? Res schüttelt entschieden den Kopf: «Das Kino hat bislang das Fernsehen, die Videokassette, die DVD und das Internet überlebt.» Jeder dieser Kanäle sei ein Antrieb fürs Kino gewesen, sich neu zu finden. «Das Fernsehen hat zum Beispiel die Art, wie wir Filme im Kino schauen, verändert. Deshalb bin ich überzeugt, dass die verschiedenen filmischen Formen sich beflügeln.» Und so wird es auch bei Netflix und Co. sein, ist Res überzeugt.

Doch wie sieht das Kino der Zukunft aus? «Es wird weniger Leinwände geben. Das Filmangebot wird offener und grösser, insgesamt zugunsten der inhaltlichen Qualität. Es muss aber stärker selektiert werden», so die Prognose an der Neugasse.

Jonglieren mit den Sälen

Erst 2014 hat die Neugass Kino AG das Houdini in Zürich eröffnet: mit fünf Sälen, die Platz für je 32 bis 54 Leute bieten. Ein Widerspruch zur hausgemachten Prognose? Im Gegenteil: «Das Houdini war eine Reaktion auf die sinkenden Zuschauerzahlen in der ganzen Schweiz und die Strea­ming-Dienste», sagt Res. «Im Houdini können wir mit den verschiedenen Saalgrössen spielen und den Film je nach Tag und Zeit optimal einsetzen.» Diese Flexibilität brauche ein Kino, um auch in Zukunft bestehen zu können.

Um die Zürcherinnen und Zürcher mehr als 1,6 Mal pro Jahr – so der Schweizer Durchschnitt 2017 – ins Kino zu locken, probiert man im Riffraff auch Neues aus: «Beispielsweise haben wir im September die ersten beiden Staffeln der Serie ‹Babylon Berlin› als Marathon gezeigt.» Die Idee, Serien im Kino zu zeigen, sei nicht neu, aber bislang an rechtlichen Hindernissen gescheitert. In Zukunft könnte sich das aber ändern: «Das Publikum ist offener geworden, so wird auch das Programm offener, und die Grenzen zwischen den verschiedenen Filmformen verschwimmen.»

Die Digitalisierung hat nicht nur den Filmkonsum und -vertrieb verändert, sondern auch den Beruf des Operateurs: der Person im dunklen Kämmerlein, die früher die Filmspule eingespannt und so das Kinoerlebnis überhaupt erst möglich gemacht hat. Von der Bar an der Neugasse 57 führt eine schmale, schwarz angemalte Treppe hinauf in die Filmkabine. Hier befinden sich zwischen weissen Wänden und einem kleinen Fenster ein paar Pulte mit Bildschirmen plus Server, Tonanlagen und der Projektor. «Der Operateur programmiert heutzutage die ganze Vorstellung von der Werbung über den Trailer bis zum Film. Ins gleiche Programm schreibt er, wie Licht und Ton bei den einzelnen Sequenzen eingestellt sein müssen.» Ausgeführt wird dann alles automatisch ab Software. Es ginge also auch ohne Operateur vor Ort. «Wir steuern die Vorstellungen im Houdini von der Filmkabine im Riffraff aus. Während den Vorstellungen aber ganz auf einen Operateur zu verzichten, das möchten wir nicht. Denn er weiss am besten, was bei einer Panne zu machen ist.» 

Zur 1998 gegründeten Neugass Kino AG gehören heute die Kinos Riffraff (4 Säle) und Houdini (5 Säle) in Zürich sowie das Kino Bourbaki (4 Säle) in Luzern. Für den Kino- und Gastronomiebetrieb an 365 Tagen pro Jahr sind 100 Mitarbeitende, darunter drei Lernende, verantwortlich. Die Neugass Kino AG ist EKZ-Kundin.

neugasskino.ch

riffraff.ch