Die Energiewelt ist im rasanten Wandel begriffen. Doch die beste Technologie bringt nichts, wenn wir unser Verhalten nicht auch ändern. Prof. Dr. Claudia R. Binder ist Expertin für Mensch-Umweltbeziehungen in urbanen Systemen. Sie erklärt, wie die Transformation gelingen kann.

Frau Prof. Binder, der Begriff der Energietransformation ist in aller Munde. Wie verläuft eine solche Transformation?

Diese Transformationsprozesse verlaufen meistens in mehreren Stufen. Es beginnt mit Impulsen und Visionen von Politik und Forschung. Diese müssen dann praktisch umgesetzt werden. Es werden also neue Infrastrukturen erstellt, neue Netze gelegt, um den Weg für die Transformation zu ebnen. Doch damit kann nur ein Teil des Transformationsprozesses erreicht werden, dann muss die Bevölkerung mit einbezogen werden. Der Einzelne spielt in der Energietransformation eine zentrale Rolle, es geht nicht mehr ohne das Individuum.

Und wie funktioniert das?

Der Bevölkerung müssen die Möglichkeiten, die sie hat, aufgezeigt werden. Jede und jeder kann sich in verschiedenen Bereichen engagieren. Man kann zum einen in erneuerbare Energien investieren, man kann sein Haus isolieren, umweltfreundliche Technologien einbauen und vieles mehr. Zusätzlich kann man auch über das Energiesparen sehr viel zur Energietransformation beitragen. Man hat interessanterweise festgestellt, dass der reale Energieverbrauch bei Altbauten geringer ist als erwartet, während er bei modernen Nullenergiehäusern höher ist als erwartet. Das zeigt, dass alle ihren Beitrag zur Energietransformation leisten können.

Woran könnte es liegen, dass Nullenergiehäuser nicht den Effekt erzielen, den man sich erhofft?

Unsere Interviewstudien haben gezeigt, dass die Bewohnerinnen und Bewohner den Komfort als nicht optimal wahrnehmen und sich zum Teil in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt sehen. In einem Passivhaus sollte man die Fenster nicht öffnen. Doch das läuft dem menschlichen Bedürfnis nach frischer Luft entgegen, was im Design noch nicht ausreichend berücksichtigt wird. Hier könnte eine bessere Abstimmung zwischen Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner und der Gebäudeplanung eine entscheidende Rolle spielen.  

«Wir beobachten, dass viele Menschen von den Möglichkeiten fasziniert sind und ihren Beitrag zur Energiewende leisten wollen.» 

Welche Technologien kommen in diesem Bereich noch auf uns zu?

Ich komme von der sozialwissenschaftlichen Seite, bin also keine Technologieexpertin. Was man aber sieht, sind die unterschiedlichen Typologien von Demand-Side-Management (DSM). Das ist ein Konzept zur Laststeuerung, um die Stromnachfrage zu flexibilisieren und Kosten zu senken, also die Steuerung der Nachfrage nach Strom. Heute sind wir damit durch Entwicklungen wie Smart Meter konfrontiert. Diese sind häufig mit Apps auf dem Mobiltelefon und Plattformen, auf denen sich die Nutzerinnen und Nutzer austauschen, verknüpft. Die Frage ist, wie diese neuen Technologien genutzt werden. Man hat festgestellt, dass zu Beginn grosses Interesse an Informationen herrscht, und dass die Plattformen intensiv genutzt werden. Aber dieses Interesse fällt nach und nach ab. Wir nennen dieses Nachlassen der Anfangsfaszination Drop-out. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Die einen sagen, wir können ohnehin nichts bewirken, wir wollen so viel Energie verbrauchen, wie wir eben benötigen. Die anderen kommen schnell zu dem Schluss, dass sie ihren Energieverbrauch gezielt senken können, weil sie nun verstehen, wo die Energiefresser sind. Diese Gruppe wünscht dann keine weiteren Informationen mehr und hat auch kein Bedürfnis, sich auszutauschen. Für wieder andere sind die Technologien einfach zu komplex.

Lässt sich das auch mit Zahlen belegen?

Ja, zu Beginn werden innerhalb solcher Plattformen etwa zehn Prozent Energie gespart, langfristig sind es aber nur noch zwei bis fünf Prozent. Das scheint wenig zu sein, aber um das zu verdeutlichen: Wenn jeder Haushalt zehn Prozent Strom sparen würde, wäre das ein Viertel der Jahresproduktion des Kernkraftwerks Gösgen. Finanziell könnte das pro Haushalt vielleicht 60 bis 70 Franken pro Jahr ausmachen. Für jede und jeden Einzelnen wäre es also wenig, aber in der Summe ist das enorm viel. Der Aufwand dafür ist gering, das kann man mit ganz einfachen Massnahmen wie zum Beispiel der Abschaltung aller Geräte im Standby-Modus erreichen. Man kann das auch spielerisch angehen. Wenn ich ein Smart Meter hätte, das mir immer zeigt, wieviel Energie ich gerade verbrauche, könnte ich etwa testen, wieviel Energie der Kühlschrank braucht, wenn er eine Minute auf ist, und wieviel, wenn ich ihn nur eine halbe Minute öffne… 

…vieles weiss man ja, hat man aber bisher nicht direkt gesehen.

Richtig! Mit Smart Meters kann man den Verbrauch nun sichtbar machen. Damit könnten Energieversorger zum Beispiel eine Art Wettbewerb starten. Wer spart am meisten, welche Region, welches Quartier ist am erfolgreichsten? So könnte man diese Tools noch besser nutzen: Zum einen, um besser zu verstehen, wie es funktioniert. Dann aber auch, um herauszufinden, wie und in welchen Bereichen man am besten und mit den geringsten Komforteinbussen sparen kann. Ein weiterer Schritt ist das Demand-Side-Management: Ich gebe einen Teil meiner Hoheit über den Verbrauch an den Versorger ab. Dieser hat dann die Möglichkeit, die Verbraucher entlang der Produktionskapazitäten zu steuern. Zum Beispiel die Waschmaschine einzuschalten, wenn wir zu viel Energieproduktion haben oder das E-Auto anzuzapfen, wenn zu wenig produziert wird. Bei der Photovoltaik etwa entsteht die Energie tagsüber, wenn die Sonne scheint und wenn die meisten Menschen nicht daheim sind. Dann könnten Verbraucher zugeschalten werden. So werden die Produktionsspitzen ausgeglichen.

Wie gross ist die Aufgeschlossenheit der Bevölkerung dafür?

Wir beobachten, dass viele Menschen von den Möglichkeiten fasziniert sind und ihren Beitrag zur Energiewende leisten wollen. Das sind die Vorreiter, Personen mit hoher Eigenverantwortung, die sehr gut informiert sind. Aber von diesen auf die breite Masse zu schliessen, ist schwierig. Die Aufgabe wird sein, das System so zu vereinfachen, dass es für alle interessant und nachvollziehbar wird. Man muss die Verbraucherinnen und Verbraucher abholen und für sie einen Mehrwert schaffen. So kann man mehr Menschen motivieren.

Ziel muss es also sein, alle zusammenzubringen und zu überzeugen. Doch die Menschen sind sehr unterschiedlich. Was macht man etwa mit denen, die sich nichts vorschreiben lassen wollen?

Da spielt dann ein ökonomischer Anreiz eine Rolle, also dass ich davon profitiere, mich zu beteiligen. Ein anderer Anreiz kann auch das Beispiel des Nachbarn sein, der mehr spart. Die Frage «Was wirkt sich positiv auf die Motivation aus?» werden wir in einer Studie untersuchen. Eine Gefahr sehen wir jedoch im sogenannten Rebound-Effekt: Dieser entsteht, wenn man das Ersparte zum Beispiel für eine Reise nach Mallorca verwendet. Damit erzeuge ich einen viel grösseren CO2-Verbrauch! Hier könnten die Energieversorger Anreize schaffen: Wenn ich eine gewisse Menge gespart habe, werde ich belohnt, vielleicht mit einem E-Auto.

«Der Einzelne spielt in der Energietransformation eine zentrale Rolle, es geht nicht mehr ohne das Individuum.»

Was kann man denen entgegnen, die Angst vor Bevormundung haben oder eine Einschränkung in ihren Konsumentscheidungen befürchten?

Wenn man sich in so einem System beteiligt, dann glaube ich nicht, dass es um Bevormundung geht. Im Gegenteil, ich will ja meinen Beitrag leisten und die Technologie unterstützt mich darin. Ich nutze sie also für meine Ziele, nicht: sie bevormundet mich. Und man hat schliesslich auch die Möglichkeit, die Steuerung zu umgehen, also zum Beispiel die Waschmaschine trotzdem einzuschalten, wenn es nicht warten kann. An der EPFL nutzen wir E-Autos, die während unserer Arbeitszeit ins Netz integriert sind. Wenn ich ohnehin zehn Stunden an der Uni bin, spielt es keine Rolle, wann das Auto geladen wird. Hauptsache ist für mich, dass es zu einem vordefinierten Zeitpunkt, also wenn ich weg muss, geladen ist.

Hier haben wir einen Knackpunkt: Wir sind es uns gewohnt, dass immer alles verfügbar ist. Da ist ein Bewusstseinswandel nötig.

Ja. Ich gebe einen kleinen Teil meiner Privatsphäre und Bequemlichkeit auf, trage aber dafür zu einem grösseren Ziel bei. Es geht ja auch darum, die Versorgungsspitzen, zum Beispiel bei der Photovoltaik, zu brechen. Smart Metering und Demand-Side-Management leisten hier einen wichtigen Beitrag.

Neue Entwicklungen wie das Smart NIAL Meter helfen, das Netz im Gleichgewicht zu halten, indem von jedem Verbraucher Profile erstellt werden. Sind die Daten sicher?

Die grösste Angst des Kunden ist diejenige vor dem Verlust der Privatsphäre. Das ist aus meiner Sicht sehr gut verständlich und nachvollziehbar. Die Datensicherheit ist bei uns in der Schweiz jedoch streng geregelt. Ich sehe das immer wieder im Rahmen unserer Forschungsprojekte. Wenn wir mit Energieversorgern zusammenarbeiten wollen, um aus Verbrauchsdaten neue Erkenntnisse zu gewinnen, geschieht das nur in einem streng überwachten Rahmen und, wenn überhaupt, mit der schriftlichen Zustimmung der einzelnen Kunden. Wir haben nur Zugang zu anonymisierten Daten, welche anhand von Nutzergruppen systematisiert sind. Damit kann man schon sehr viel verstehen, ohne den Einzelnen zu identifizieren. An der EPFL haben wir zudem strenge ethische Richtlinien. Wir müssen bei jedem Projekt (auch mit anonymisierten Daten) einen Antrag an die Ethikkommission stellen. Dieser wird kantonal geprüft.

Das Interesse der Konsumenten am Thema muss noch stärker geweckt werden. Worin liegt die Rolle des Einzelnen?

Wie gesagt, es gibt viele Möglichkeiten und es entstehen auch immer neue: Man kann Genossenschaften gründen, es gibt Eigenversorgungsgemeinschaften, man kann eigenen Strom über virtuelle Kraftwerke vermarkten, man kann Crowdfunding für Photovoltaik-Anlagen machen, oder sich in eine Photovoltaik Anlage einkaufen…

…interessant, wie geht das?

Ein Beispiel: Ich habe ein Angebot gesehen, bei dem man sich, wenn man neu eine Wärmepumpe installieren will, in eine PV-Anlage einkaufen kann, um dafür umweltfreundlich erzeugten Strom zu bekommen. Die Investition in eine Photovoltaikanlage könnte zudem auch eine gute Anlagemöglichkeit bieten und sogar ein Teil der Altersvorsorge sein! Auch wenn ich kein eigenes Haus habe, kann ich so zur Energiezukunft und damit zu meiner Zukunft beitragen. Man kann so auch mit kleineren Beträgen etwas bewirken. Je mehr Nachfrage entsteht, umso mehr Möglichkeiten wird es geben.

Wann ist also der Einzelne bereit etwas zu ändern?

Man muss den Konsumentinnen und Konsumenten etwas anbieten, was für alle einen langfristigen, nachhaltigen Nutzen darstellt. So hat man ein gutes Gewissen und Ertrag. Wenn man den idealen Zeitpunkt benennen möchte: Ein Umzug ist wohl optimal, weil da die Bereitschaft, etwas Neues anzugehen, am grössten ist. 

Prof. Dr. Claudia R. Binder ist Leiterin des Lehrstuhls für Stadtökologie an der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL). Forschungsgegenstand ist die Transformation von urbanen Systemen in Richtung Nachhaltigkeit. Einer der Kernaspekte ist dabei der Bereich Energie.