Duft, das unsichtbare Kleid

Duft, das unsichtbare Kleid

Man kann sie nicht sehen, und doch beeinflussen sie unsere Stimmung und viele unserer ­Ent­­scheidungen. Richtig, es geht um Düfte. Zu Besuch bei Bibi ­Bigler, die mit ihrer Parfum Bar ­­Menschen hilft, ihren Lieb­lingsduft zu finden.

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Gerüche können uns hungrig machen oder Ekel erzeugen, sie wecken Erinnerungen oder versetzen uns in ferne Welten. Unser Geruchssinn entscheidet darüber, ob wir jemanden sympathisch finden, und wenn wir, kaum geboren, den Weg zur Brust der Mutter suchen, leitet uns unsere Nase. Kein Wunder also, dass Düfte in unserem Leben eine so grosse Rolle spielen. Bei Bibi Bigler ist die Bedeutung der Düfte zu ihrem Lebensinhalt geworden. Sie studierte Biologie und Phytochemie an der Universität Zürich, doch statt in die Forschung zu gehen, setzte sie nach dem Masterabschluss ihre Ausbildung im südfranzösischen Grasse fort. Dort, an der internationalen Parfümerieschule des Riechstoffherstellers Givaudan, legte sie den Grundstein für alles, was dann folgte. Die Kreation von Aromen und die Umsetzung von Duftprojekten beim weltweit grössten Hersteller von Aromen und Duftstoffen prägten dann bis 2007 ihren beruflichen Alltag. Doch Bibis Traum war ein anderer.

Den Traum realisieren

Im Jahr 2009 setzte sie schliesslich alles auf eine Karte und gründete die Parfum Bar. Hier wollte sie fortan regelmässig Workshops veranstalten, in denen ihre Gäste in der Welt der Aromen schwelgen und ihren ganz persönlichen Duft selbst kreieren können. Eine mutige Entscheidung, wie sie selbst rückblickend sagt: «Es ist ein schwieriger Weg, sich so eine Existenz aufzubauen, man muss viel Ausdauer haben. Es hat acht Jahre gedauert, bis ich davon wirklich leben konnte.» Unterstützung erfuhr Bibi Bigler dabei von ihrer Familie, ihrem Mann und den vier Kindern. Diese Rückendeckung war sehr wertvoll, denn dass nicht immer alles glatt lief, gibt sie freimütig zu: «Dabei bin ich auch in Sackgassen gelaufen, aber das gehört wohl dazu.»

«Da ist sehr viel Persönliches enthalten. Und schliesslich löst ein Duft bei jedem etwas anderes aus.»

Die Welt der Düfte faszinierte die heute 51-Jährige schon als kleines Mädchen. Ihre Leidenschaft möchte sie an andere Menschen weitergeben. «Die Idee war, dass Laien die Möglichkeit haben, in die Welt der Parfüms einzutauchen und selbst kreativ zu werden.» Das kommt bei ihren Kunden gut an. Sie lassen sich von der Parfümeurin in eine andere Welt entführen, eine, in der sie sich schnell wohlfühlen. «Manche wollen am Schluss gar nicht mehr gehen», erzählt sie mit einem Lächeln. 

Bibi Bigler hat eine eigene Duftkollek­tion, bei der sie sich oft von der Natur inspirieren lässt.
Bibi Bigler hat eine eigene Duftkollek­tion, bei der sie sich oft von der Natur inspirieren lässt.
Aus einer Vielzahl von Rohstoffen können immer neue Düfte kreiert werden.
Aus einer Vielzahl von Rohstoffen können immer neue Düfte kreiert werden.
Individuelle Flacons für individuelle Düfte – jeder ist ein Einzelstück.
Individuelle Flacons für individuelle Düfte – jeder ist ein Einzelstück.

Düfte, die vorbeifahren

Das Ambiente in der Parfum Bar ist gemütlich und fast ein bisschen mystisch. Es herrschen warme Farben vor, der Raum selbst ist Lounge, Bar, Labor, Boutique, alles in einem – ohne dabei unübersichtlich zu wirken. Beherrschendes Element ist die ovale Bar, die einem seltsam bekannt vorkommt. «Richtig, das ist eine Sushi-Bar!» sagt Bibi Bigler. «Sie ist für die Workshops ideal, weil alle aus­senherum sitzen und an ihrem Platz arbeiten können, ohne die Rohstoffe jeweils einzeln holen zu müssen. Diese kommen ja immer wieder vorbei.» Das Band setzt sich in Bewegung, und immer wieder nimmt die Expertin eines der Fläschchen heraus und erklärt den Inhalt. «Wir haben hier alles, von natürlichen und synthetischen Essenzen bis hin zu den sogenannten Akkorden, einer Zusammenstellung einzelner Duftstoffe.» Bibi öffnet eines der Fläschchen und riecht daran. «Das hier zum Beispiel ist Fougère, eine Kombination aus Lavendel, Eichenmoos und Bergamotte.» Weiss sie denn, welcher Duft zu einem Menschen passt? «Nein, das kann ich nicht wissen, denn das hängt ja immer vom persönlichen Geschmack ab. Ein Duft ist wie ein unsichtbares Kleidungsstück. Manchmal hat man Lust, sich extravagant zu kleiden, manchmal eben eher einfach.» Sie sieht sich als Vermittlerin und öffnet ihren Kunden den Zugang zu der Fülle an unterschiedlichsten Düften. Ausgestattet mit diesem Grundwissen findet jede und jeder dabei seine persönlichen Favoriten.

«Die Idee war, dass Laien die Möglichkeit haben, in die Welt der Parfüms einzutauchen und selbst kreativ zu werden.»

Die Kombinationen sind unbegrenzt. Jedes Parfüm hat drei Komponenten: die Herz-, die Kopf- und die Basisnote. Während sich die Kopfnote schnell verflüchtigt, bleibt die Herznote länger präsent. Doch die Basisnote ist das beherrschende, weil am längsten anhaltende Element eines Dufts. «Deshalb sollte man beim Parfümkauf in jedem Fall über mehrere Stunden abwarten, wie sich das Parfum entwickelt. So kann man Fehlkäufe vermeiden.» Bibi Bigler rät auch, nach etwa fünf Düften, an denen man gerochen hat, eine Pause zu machen. «Sonst kommt die Nase durcheinander.» Und wie schafft man das dann in einem Workshop, wo einem diese Vielfalt zur Verfügung steht? «Mit Kaffee», sagt sie und deutet auf die Schälchen mit Kaffeebohnen, die an der Theke stehen. «Wenn man da die Nase hineinsteckt, erholt sie sich wieder. Aber man kann auch einfach ans offene Fenster stehen und die frische Luft einatmen.» Ein Duft-Reset, sozusagen.

Mediterrane Leidenschaften

Bibi Bigler selbst liebt Duftnoten wie Neroli, die Orangenblüte. «Das ist für mich Mittelmeer, Süden, Wärme, mediterranes Flair.» Doch ihr persönlicher Lieblingsduft ist der des Mastixöls. Dieser hat für sie eine besondere Bedeutung. Er führte sie zu «ihrer» Insel, nach Chios. «Ich wollte wissen, woher dieses Mastixöl kommt, und bin so auf Chios gekommen. Als ich dann dorthin reiste, habe ich noch viel mehr entdeckt.» Und zwar so viel, dass sie mittlerweile sogar ein Haus auf der griechischen Insel besitzt. Ihre wichtigste Entdeckung waren die vielen Zitrusgärten, die ungenutzt vor sich hinwuchsen. Einen davon kultivierte sie wieder. «Dieser Garten hat über 1000 Bäume – Mandarinen-, Zitronen-, Orangen-, Bitterorangen- und Bergamotte-, aber für die Bauern lohnt es sich nicht mehr, diese zu vermarkten, weil die Abnahmepreise eingebrochen sind. Wir haben dann angefangen, das Öl aus den Früchten zu destillieren.» Mit dieser Essenz, die man in der Parfum Bar kaufen kann, lassen sich Speisen aromatisieren. Eine Herzensangelegenheit für Bibi Bigler: «Es ist schön, wenn man etwas bewirken kann», sagt sie schlicht.

Der Mastixbaum, der sie nach Chios geführt hat, ist aber in der Parfum Bar nicht nur als Duft präsent. Bibi Bigler hat ein Verpackungskonzept für ihre Duftkreationen entwickelt. Der Glasbehälter, in den das Parfüm eingefüllt wird, ist immer derselbe schlichte Glasquader – die Deckel hingegen sind individuell. Sie bestehen aus Marmor oder verschiedenen Hölzern – wie eben auch aus Mastixholz. Das macht jeden Flacon zu einem Einzelstück, keiner gleicht dem anderen. Auch die Workshop-Teilnehmenden können einen solchen individuellen Flacon kaufen und den eigenen Duft dort einfüllen lassen.

Hochsaison ist im Parfümbusiness – wenig überraschend – die Weihnachtszeit. Im letzten Jahr entstand «The Tree», basierend auf dem Extrakt aus Nadeln der Weisstanne im Thurgau, die sie von einem Bauern bekommen hat. Die Auflage ist jeweils limitiert: «Wenn der Grundstoff aufgebraucht ist, wird auch ‹The Tree› nicht mehr produziert.» Wer sein Parfum nicht selbst machen möchte, kann also auch an Bibi Biglers Kreationen schnuppern und findet dort vielleicht den Duft, der ihr oder ihm zusagt. Die Parfümeurin möchte mit ihren Düften eine Geschichte erzählen. «Das ist bei meinen Parfüms immer so. Es geht um die Entstehung des Dufts und die Rohstoffe, die ich verwende.» Doch die Geschichte selbst liefert sie nicht mit. «Da ist sehr viel Persönliches enthalten. Und schliesslich löst ein Duft bei jedem etwas anderes aus.» Leiten lässt sie sich dabei von ihrer Intuition. «Auch für mich gibt es da manchmal Überraschungen.» Ihre nächste Kreation möchte sie mit ihrem persönlichen Favoriten, dem Mastixöl, angehen. Und dabei eine ganz neue Geschichte erzählen.