Die Zeit ist reif für Enthinderung

Interview

Die Zeit ist reif für Enthinderung

Michel Fornasier ist CYBATHLON-Botschafter und Erfinder des Comic-Superhelden Bionicman. Lange haderte er damit, keine rechte Hand zu haben. Heute bezeichnet er diesen Umstand als eine seiner grössten Stärken.

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Wir haben uns mit Michel Fornasier über Bionicman, die Situation körperlich beeinträchtigter Menschen sowie den CYBATHLON und seine Bedeutung für die Forschung unterhalten.

Wer ist Bionicman?

Bionicman ist ein Comic-Superheld mit bionischer Handprothese und die Gallionsfigur von «Give Children a Hand», einer gemeinnützigen Stiftung, die Kindern mit einer körperlichen Beeinträchtigungen den Zugang zu innovativen Handprothesen ermöglicht.

(Anmerkung der Redaktion: Der zweite Comicband mit Bionicman-Geschichten ist kürzlich im Buchhandel erschienen.)

Clark Kent ist Superman. Michel Fornasier ist Bionicman?

Wer weiss (schmunzelt). Bionicman steht für Enthinderung. Eine vermeintliche Schwäche in eine Stärke zu verwandeln. Er zeigt, dass man auch mit einer Beeinträchtigung Heldentaten vollbringen kann und sein Licht nicht unter den Scheffel stellen soll. Persönlich habe ich mich lange für mein Handicap geschämt und dieses 35 Jahre lang versteckt. Mir war es peinlich und unangenehm, keine rechte Hand zu haben. Besonders in der Badi war es schwierig, damit umzugehen. Stets hatte ich das Gefühl, alle würden mich deswegen anstarren.
 

Bionicman erhält Unterstützung von Bionica, seinem weiblichen Konterpart

Wie hat sich das verändert?

Einen grossen Teil hat Kurt Aeschbacher dazu beigetragen. Als ich vor Jahren bei ihm in der Sendung war, viel es mir einfach über mein Handicap zu sprechen und ich konnte mich öffnen. Ich erkannte, dass ich wegen meiner fehlenden Hand weder besser noch schlechter bin als meine Mitmenschen. Dass ich heute so locker-flockig darüber sprechen kann, ist der Verdienst meines Umfelds, das mich darin bestärkte, meine Beeinträchtigung anzunehmen. Dreieinhalb Dekaden war mein Handicap meine grösste Schwäche. Jetzt ist es meine grösste Stärke. Dies schafft Nähe und Authentizität zu Bionicmans Geschichte.

Inwiefern ist es heute deine grösste Stärke?

Meine Situation hat es mir ermöglicht, viele spannende Menschen kennenzulernen, die ich sonst vielleicht nicht hätte kennenlernen dürfen. Sie öffnete mir viele Türen und erlaubte mir, mich charakterlich zu dem Menschen zu entwickeln, der ich heute bin. Nachdem ich mir lange Zeit nichts sehnlicher gewünscht hatte, als eine zweite Hand, bin ich heute dankbar dafür, dass ich diesen Lebensweg beschreiten darf.

Was hat der Bionicman bis dato erreicht?

Ein Vater eines 10-jährigen Jungen hat mir kürzlich davon berichtet, wie sein Sohn wegen seiner fehlenden Hand von zwei grösseren Kindern gemobbt wurde. Der Junge konnte sich in der Situation selber zur Wehr setzen und meinte, dass Bionicman auch nur eine Hand habe und er ein Superheld sei. Also sei auch er ein Superheld. Genau darum geht es: Das Selbstvertrauen von Kindern zu stärken.

Hilft Bionicman auch Menschen ohne Beeinträchtigungen?

Auf jeden Fall. Oft bedanken sich Eltern, dass sie mit den Bionicman-Comics ihren Kindern auf spielerische Art beibringen können, dass es auch Menschen mit Handicaps gibt, diese Menschen völlig ok und Teil unserer Gemeinschaft sind.

Gemeinsam die Welt enthindern: Der Bionicman sorgt für begeisterte Gesichter.

Auch der CYBATHLON sensibilisiert dieses Jahr wieder für das Thema, wie ist dein Bezug zu dem Wettkampf?

Der CYBATHLON ist ein wichtiger Brückenbauer zwischen Menschen mit und ohne körperlichen Beeinträchtigung in der Schweiz und im Ausland. Zusammen mit Tobias Müller moderiere ich den Handprothesen-Parcours für das Schweizer Fernsehen. Auch Bionicman wird am Start sein und für Comicbuchsignierung und Fotosession zur Verfügung stehen.

Wo erkennst du das grösste Potenzial des CYBATHLON?

Einerseits darin, dass damit wichtige Sensibilisierungsarbeit geleistet wird und Hürden in der Bevölkerung abgebaut werden. Andererseits ist Innovation hier von zentraler Bedeutung. Für viele hat eine Prothese heute noch einen “Stützstrumpf-Charakter”, ein orthopädisch-verstaubtes Hilfsmittel. Der CYBATHLON zeigt, dass Arm- und Beinprothesen innovativ daherkommen können. Damit ändert man die Optik vieler Leute. Zudem beweist er, zu welch grossartigen Leistungen Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung in der Lage sind.

Aber erreicht der CYBATHLON auch Leute, die noch Berührungsängste haben?

Es ist wichtig, dass Berührungsängste dem Staunen Platz machen. Zahlreiche Medien werden den Wettkampf live übertragen und darüber berichten. So erreicht der CYBATHLON Menschen, welche noch kaum Berührung mit dem Thema hatten.

Wie beurteilst du die Situation körperlich beeinträchtigter Personen in der Schweiz?

Klar, es gibt immer Luft nach oben, aber man darf auch mal aufzeigen, wie viel für Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigungen gemacht wird. Besonders was im letzten Jahrzehnt bewegt wurde, ist bemerkenswert. Ich habe Kollegen im Rollstuhl oder auch Freunde mit einer Sehbeeinträchtigung, die mir erzählen, dass sie es sehr begrüssen, wie sie in der ÖV-Planung miteinbezogen werden. 

Romina Manser und Michel Fornasier engagieren sich mit Give Children A Hand - damit Prothesen für Kinder kein Herzenswunsch bleiben.

Wo erkennst du Nachholbedarf?

Beim Abbau von Berührungsängsten. Viele haben „Angst“, auf Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigungen zuzugehen. Hilfe anzubieten zum Beispiel beim Einpacken im Supermarkt, beim Treppensteigen oder beim öffnen einer Tür. Ich persönlich finde: Fragen ist immer erlaubt.

Du begrüsst es, gefragt zu werden?

Absolut. Hilfe angeboten zu bekommen, finde ich immer sehr sympathisch und ich glaube, so geht es den meisten Menschen - mit oder ohne Beeinträchtigung.

Wie denkst du geht die Entwicklung punkto innovativer Assistenztechnologien weiter?

Meine bionische Handprothese deckt ca. 15 Prozent der Mobilität einer menschlichen Hand ab. Was grossartig ist - aber auch 85 Prozent Entwicklungspotenzial aufweist. Geschwindigkeit ist ein Thema. Wenn sich die Finger der Prothese schneller bewegen liessen, wäre das sehr hilfreich. Auch das Gewicht (knapp 3 Kilogramm) kann sicher optimiert werden. Es gilt, Materialien zu finden, die Prothesen leichter machen. Besonders bei Kindern ist dies sehr wichtig, weil eine schwere Prothese zu Fehlbelastungen führt und das gesunde Wachstum z.B. des Rückens beeinträchtigt.

Denkst du, dass sich eine Handprothese zukünftig wie eine echte Hand bewegen lassen wird?

Events wie der CYBATHLON beflügeln Forschung und den kreativen Geist. Eines Tages wird es möglich sein eine Mozart Klaviersonate mit Handprothesen zu spielen. Davon bin ich überzeugt.