Immer in Bewegung

Meine Tochter

Immer in Bewegung

Zwölf Jahre nach ihrem ersten ­Podestplatz bei einem Kletterwettkampf feierte Petra Klingler ihren bisher grössten Erfolg: 2016 wurde sie Weltmeisterin in der Boulderdisziplin. Ihre Mutter Regula Klingler über ­Petras spannenden Weg an die Spitze.

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Petra ist sehr zielstrebig. Das fing schon bei ihrer Geburt an: Die Hebamme konnte nicht mal ihr Köfferchen auspacken, denn nach 8 Minuten war sie bereits da. Sie hat wohl ­entschieden, «jetzt ist fertig, jetzt komme ich». Und so zielstrebig ist sie bis jetzt immer durchs Leben gegangen.

Dass sie heute eine erfolgreiche Spitzensportlerin ist, war aber damals nicht vorhersehbar, im Gegenteil: Sie kam mit einem Klump- und einem Sichelfuss zur Welt. Als sie fünf Tage alt war, wurden ihr beide Beine während eines Dreivierteljahres jede Woche neu eingegipst. Danach musste sie zehn Jahre lang Tag und Nacht Spezialschuhe tragen, um die Füsse in der richtigen Haltung zu fixieren. Doch schon damals war sie hart im Nehmen, sie nahm das ziemlich klaglos hin und war eigentlich immer gut gelaunt.

Als sie neun Monate alt war, sie konnte noch nicht selber laufen, war ich mit den beiden Kindern allein daheim. Während Petra in der Stube auf dem Boden herumkrabbelte, ging ich kurz nach nebenan zu ihrem 20 Monate älteren Bruder Simon. Als ich zurückkam, sass sie in ihrem Hochstuhl. Sie muss sich da irgendwie hochgezogen haben – wie, kann ich mir bis zum heutigen Tag nicht erklären. Und kaum waren die Gipsstiefelchen endlich weg, ging es für Petra nur noch nach oben, in die Vertikale.

Mein Mann Christof und ich haben beide eine grosse Leidenschaft für die Berge. Und so sind auch unsere Kinder damit gross geworden. Petra ist mit vier Jahren das erste Mal im Vorstieg geklettert, im Grimselgebiet. Unsere Dorfchilbi in Bonstetten wurde für sie schnell zum Highlight des Jahres. Da gab es immer einen kleinen Wettkampf im Harassenklettern, wo sie sich – schon damals sehr ehrgeizig – sogar gegen ältere Kinder gut behauptete. Sie hatte also immer schon Spass am Klettern, doch ihre grosse Liebe galt damals noch den Pferden. Mit elf Jahren bestand sie das Reiter-­Silberbrevet, und auch im Voltigieren war sie top.

«Ich sehe Petras Wettkämpfe nie vor Ort. Ich bin zu angespannt und hätte Angst, dass sich das auf sie überträgt.» 

Dass sie dann mit dem Wettkampfklettern begann, war eigentlich Zufall. Das war 2004, wir waren mit den Kindern beim Klettern im Gaswerk in Zürich. Dort fand ein Wettkampf statt, wo sie spontan mitmachte. Wir wussten gar nicht so recht, was das für ein Wettkampf war, aber es war doch tatsächlich eine Schweizer Meisterschaft. Und Petra hat in ihrer Altersklasse – da war sie zwölf – gewonnen! Von da an bestimmte das Klettern ihr Leben. Als «Ausgleich» war sie zwar während der Pubertät eine Zeitlang auch noch erfolgreich im Kickboxen. Das hat ihr damals sehr gut getan. Doch letztlich wurde das Klettern zu ihrer grössten Passion. 

Regula Klingler, 61, ist Primarlehrerin und lebt mit ihrem Mann in Bonstetten ZH. Die beiden sind bis heute regelmässig in den Bergen zum Wandern und Klettern. Die Sportbegeis­terung steckt also in der Familie. Den Biss als Spitzensportlerin hat Petra von den Grosseltern väter­licherseits geerbt, die neben Klettern und Skitouren auch wettkampfmässig Langlauf betrieben. Die Wettkämpfe ihrer erfolgreichen Tochter verfolgt Regula Klingler nie vor Ort. Sie wäre zu angespannt und hätte Angst, dass sich das auf Petra überträgt.
Erste Wettkampferfahrungen: Petra beim Harassenklettern an der Dorfchilbi

Von da an gab es kaum mehr Familienferien, weil sie immer in Trainingslagern war. Sie reiste mit dem Team in der Weltgeschichte herum und wurde immer selbständiger. Denn bis dahin war sie doch sehr behütet hier in Bonstetten aufgewachsen. Wir haben einen grossen Garten, hatten damals auch noch Ziegen. Petra liebt die Natur und die Tiere. In der Schule wurde sie allerdings ab und zu als «Geissen-Petra» gehänselt. Wir hatten auch nie einen Fernseher. Filme schauten wir nur auf DVD, und das in englischer Version. Das hatte den Hintergrund, dass wir eventuell in die USA gehen wollten wegen des Jobs meines Mannes. Ich wollte, dass wir dann die Sprache schon beherrschen. Es kam letztlich nie so weit, aber geschadet hat das sicher auch nicht.

Petra wiederholte die 5. Primarklasse, weil wir damals gemerkt haben, dass ihre sportlichen Aktivitäten und die Schule zu viel für sie waren. Wir wollten ein glückliches Kind. Ich bin zwar Primarlehrerin, aber für Petra bin ich einfach ihre Mutter. Sie wollte nie, dass ich ihr helfe. Doch wir haben immer Wert darauf gelegt, dass wir als Familie einen erweiterten Kreis an vertrauten Personen haben, die sich auch kümmern. Besonders in der Sekundarschule hatte sie einen Lehrer, der sie sehr unterstützte. Als sie dann aufs Sportgymnasium ging, lief alles gut.

Dank Corona haben wir uns etwas mehr gesehen als üblich, was ich sehr genossen habe, denn ansonsten sehen wir uns manchmal längere Zeit nicht. Petra lebt ja in einer WG in Bern und trainiert auch vorwiegend in dieser Gegend. Aber wir sind ihre Basis, das ist wichtig für sie. Die Olympiaverschiebung muss für sie sehr schwer gewesen sein. Doch wir haben das bewusst nicht so thematisiert. Unsere Philosophie bei allem ist: «Es kommt schon gut. Alles hat auch seine positiven Seiten.» Aktuell hat sie etwas mehr Zeit für sich und für ihr Privatleben, was ich gut finde. Aber auch da dreht sich vieles um den Sport. Mit ihrem Freund etwa geht sie oft mountainbiken. Petra ist polysportiv, das ist vielleicht auch ihr Erfolgsrezept. Sie ist ja die Einzige, die in der Kombination, also Leadklettern, Bouldern und Speedklettern, sowie im Winter auch erfolgreich im Eisklettern antritt. Ich hoffe, dass sie gesund bleibt und für Tokio 2021 den Drive beibehält.