«Bei uns lernen die Kinder, was Strom ist»

«Bei uns lernen die Kinder, was Strom ist»

Wie funktioniert eine Solarzelle und kann man sehen, wie Strom fliesst? Solche und weitere Fragen beschäftigten die Schüler der Tagesschule Oberglatt am Baustellentag. Im Rahmen des Projekts «Jede Zelle zählt» von myblueplanet wurde auf ihrem Schulhausdach eine Solaranlage montiert.

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«Uuiiih», kreischen die Kinder, als sich der Bandgenerator mit Blitz und einem Knall entlädt. Die 9- bis 12-jährigen Mittelstufenschüler der Tagesschule (TS) Oberglatt stehen fasziniert um Matthias Strässle herum. Der Moderator von EKZ Jugend und Schulen erklärt den Primarschülern gerade, wann und wieso es zu einer hör- und sichtbaren Entladungen wie eben kommen kann.

Wir sind am Baustellentag der Klimaschutzorganisation myblueplanet und EKZ. Das heisst, auf dem Schulhausdach der TS Oberglatt wird eine Solaranlage von EKZ installiert. Parallel zur Installation, bei der Schüler auch auf dem Dach mithelfen, erfahren sie an weiteren Bildungsstationen rund ums und im Schulhaus, wie Solarzellen funktionieren oder wieso erneuerbare Energien wichtig sind. «Jede Zelle zählt – Solarenergie macht Schule!» (JZZ) heisst dieses Projekt von myblueplanet, das den Bau einer Solaranlage mit aktionsbezogenem Unterricht im Schulhaus verbindet.

«Der Bandgenerator hilft uns, Strom erlebbar zu machen­»

«Wir sind heute zum ersten Mal dabei und diesen Projektunterricht haben wir noch nie so durchgeführt», sagt Daniel Bauer, Leiter von EKZ Jugend und Schulen. Das Angebot von Jugend und Schulen ist sonst auf den regulären Unterricht ausgelegt. «Wir verbringen in der Regel einen Morgen bei einer Klasse», so Bauer. Am Baustellentag sei man hingegen eine von mehreren Bildungsstationen. «Bei uns lernen die Kinder, was Strom ist.» Hilfsmittel ist der Bandgenerator (Van-de-Graaff-Generator) mit seiner spiegelnden Silberkugel. «Er hilft uns, Strom und Ladung erlebbar zu machen», sagt Bauer.

«Der Metallkugel werden Elektronen entzogen, wodurch sich diese positv auflädt»

Der Bandgenerator sei ein Gerät, mit dem elektrische Ladungen getrennt werden können. Bauer: «Innerhalb der grossen Metallkugel kann mittels einer Kurbel ein Gummiband bewegt werden. Auf diesem Gummiband sitzt eine Metallbürste, die mit der grossen Kugel verbunden ist.» Drehe man an der Kurbel, komme es durch Bewegung und Reibung zu einer Ladungstrennung zwischen Metallbürste und Gummiband. «Der Metallkugel werden dadurch Elektronen entzogen, wodurch diese sich positiv auflädt», erklärt Bauer. Über eine zweite Metallbürste und einen elektrischen Leiter würden diese Elektronen zum Kugelstab wandern. Er lade sich darum elektrisch negativ auf.

Zauberstab lässt Folie fliegen

«Positive und negative Ladungen ziehen sich an, ab einer gewissen Nähe „springen“ die Elektronen darum über, die Ladung wird zwischen den beiden Kugeln als kleiner Blitz oder Lichtbogen sichtbar, das ist Strom», erzählt Daniel Bauer. Seine Begeisterung für das Experiment ist spürbar. Er kommentiert auch gleich das nächste Experiment von Strässle, der gerade Kuchenschälchen aus Aluminium auf die grosse Kugel legt. «Den Schälchen werden durch Drehen der Kurbel auch Elektronen entzogen, darum sind sie ebenfalls positiv aufgeladen und wie man weiss, stossen sich gleiche Ladungen ab.» Während Bauer das sagt, heben die Schalen von der Kugel ab wie kleine Ufos. «Ooohh», staunen die Kinder.

«Von jetzt an brauchen wir unseren eigenen Strom.»

Nachdem die Schüler bei verschiedenen Experimenten zugeschaut haben, sind sie selbst an der Reihe. Jeder erhält einen sogenannten «magischen Zauberstab» und eine alubeschichtete Polyesterfolie, die wie ein platter Haufen Lametta aussieht. Im Innern des Zauberstabs befindet sich ein Mini-Bandgenerator. Legt man die Folie über den Stab und stellt diesen an, werden der Folie ebenfalls die Elektronen entzogen und sie wird abgestossen. Darum entfaltet sie sich zu einer Figur und schwebt vor dem Zauberstab her. «Das ist cool», ruft Thomas und versucht mit seiner Figur zu rennen. Die Kontrolle ist aber nicht so einfach. Bei Thomas gleitet sie beim Rennen seitlich weg und fällt platt auf den Boden. Bei Gresa klebt die Folie bald an einem Fenster und die von Lior bleibt in den Kleidern eines Mitschülers hängen. Doch das macht das Experiment noch lustiger. Die Schüler kichern, lachen, rufen und wirbeln umher.

«Es ist anstrengend, aber besser als Schule»

Währenddessen gehen drei Schüler aufs Dach der Schule. «Wir helfen, die Module zu installieren», sagt Jonatan ernst. Solarteur Philipp Kamer nimmt ihn, Jack und Sajipan in Empfang und erklärt ihnen, was zu tun ist. Gemeinsam tragen sie ein Modul zum vorbereiteten Montagerahmen, wo Jonatan und Sajipan dieses selbständig mit Klemmen befestigen. Als Sajipan die Schraube einer Klemme von Hand anzieht, fragt er, wieso dazu keine Akkubohrer verwendet werden. «Die Klemme darf nicht zu fest sitzen und den Alurahmen beschädigen, das spürt man besser, wenn man die Schraube von Hand eindreht», sagt Kamer. Die Antwort überzeugt Sajipan nur halb, aber er schraubt fleissig weiter. Auf die Frage, ob ihm die Arbeit auf dem Dach gefällt, findet der 6.-Klässler: «Es ist schon noch anstrengend und man muss sich konzentrieren, aber es ist besser als Schule.»

Unweit von Sajipan, Jack und Jonatan kommt gerade die letzte Schülergruppe aufs Dach. Jeder, der sich traute, durfte über die Gerüst-Treppe hoch, um die Schul-Solaranlage mit eigenen Augen zu sehen. Arnold Adolf von EKZ erklärt ihnen, dass die Module 10 Grad aufgeständert und nach Osten und Westen ausgerichtet sind, weil sie so die Sonnenstrahlen den ganzen Tag lang am besten einfangen. «Zerbricht das Solarmodul, wenn grosse Hagelkörner darauf fallen?», will ein Schüler wissen. Adolf antwortet, dass dies ausführlich getestet wird und es Standards gibt. «Das Glas auf den Modulen ist darum speziell gehärtet und kann grösseren Hagelkörnern standhalten.»

96 Module produzieren rund 30 Kilowattpeak

Kurz nach 15 Uhr ist es soweit: Alle 96 Module mit einer Leistung von insgesamt rund 30 Kilowattpeak sind fertig montiert und angeschlossen. Schulleiter Eckart Störmer dreht im Beisein einiger Schüler und Lehrer im Keller den Schalter um und nimmt die Solaranlage unter Beifall in Betrieb. Stolz sagt ein Schüler: «Von jetzt an verbrauchen wir unseren eigenen Strom.»

Projektwochen wie diese sind Grundbestandteil des JZZ-Projekts, das Klimaschutz und Nachhaltigkeit erlebnisorientiert vermitteln möchte. Das Spannende daran: Die Schüler finanzieren die Bildungsaktivitäten mittels Crowdfunding indirekt selbst. Eltern, Gemeindemitglieder oder sonstige Klimafreunde können die Oberglatter Schüler in ihrem Klimaschutz-Projekt unterstützen, indem sie symbolisch eine Zelle kaufen. Wollen auch Sie die Schüler von Oberglatt unterstützen, damit sie mehr über Klimaschutz lernen? Hier können Sie eine symbolische Zelle kaufen.