Der Preis ist heiss

Der Preis ist heiss

Die Kunden im Versorgungsgebiet der EKZ profitieren von einem der günstigsten Stromtarife der Schweiz. Dies ist das Resultat umsichtigen Handelns. Zuständig dafür ist das Team der Energiebeschaffung, das sich für einmal über die Schulter schauen liess.

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Ungefähr einen Drittel unserer Zeit starren wir gebannt auf den Bildschirm», erzählt Susanne Schmidt, Portfoliomanagerin bei den EKZ. Ihr Kollege Daniel Richter, ebenfalls Portfoliomanager, pflichtet ihr bei. Doch die beiden surfen nicht etwa im Internet, sondern sie beobachten laufend die Entwicklungen an den globalen, europäischen und Schweizer Energiemärkten. «Im Handel brauchst du immer einen Wissensvorsprung», sagt Richter. «Wer die neuesten Informationen, etwa zur Entwicklung der Kohlepreise, schnell verfügbar hat und dann auch richtig interpretiert, hat Vorteile.» Diese Vorteile müssen die Portfoliomanager nutzen, um den Strom, den die EKZ dann an ihre Kunden weitergeben, zu möglichst günstigen Konditionen einkaufen zu können. Dazu braucht man sehr viel Know-how. Susanne Schmidt ist Wirtschaftsingenieurin, Fachrichtung Energietechnik, Daniel Richter hat Energiewirtschaft studiert.

Beschaffungsoptimierung für die Kunden

Die Mechanismen, die hinter dem Handel an der Börse stehen, sind für den Laien oft nicht durchschaubar. Was unterscheidet also die Energiebeschaffung bei den EKZ vom üblichen Handel? «Der Unterschied liegt darin, dass wir bei den EKZ mit unseren Aktivitäten auf verschiedenen Plattformen bei verschiedenen Stromhändlern einkaufen und den Strom dann an unsere Kunden weiterverkaufen», sagt Riccardo Pozzi, Leiter der Energiebeschaffung bei den EKZ. «Grosse Handelshäuser hingegen kaufen manchmal Strom nur dazu ein, um diesen später wieder zu höheren Preisen mit Gewinn verkaufen zu können.» So betrachtet, ist die Aufgabe der EKZ kein Handel im spekulativen Sinne, sondern eine Beschaffungsoptimierung im Interesse der Kunden, die mit dem von den EKZ selber produzierten Strom allein bei weitem nicht versorgt werden könnten.
 

«Jede Abweichung im tatsächlichen Verbrauch nach oben oder unten kostet Geld.» 
Stromimporte und -exporte 2015: Der Stromhandel mit den vier Nachbarländern Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich trägt zum Ausgleich der Elektrizitätskapazitäten in Europa bei und erhöht die Versorgungssicherheit in der Schweiz. (Quelle: Swissgrid)

Vielfältige Einflussfaktoren

Diese Kunden sind neben den Privathaushalten auch Grosskunden mit einem Jahresverbrauch von über 100 000 kWh, die seit der Teilliberalisierung des Schweizer Strommarkts im Jahr 2009 ihren Lieferanten frei wählen können sowie andere Energieversorgungsunternehmen (EVU). Grosskunden und EVU lassen sich von den Portfoliomanagern Offerten erstellen für Stromlieferungen in den nächsten ein, zwei oder drei Jahren. Die Geschwindigkeit in diesem Bereich ist atemberaubend: «Wenn wir einem Unternehmen ein Angebot machen, dann gilt das für maximal ein bis zwei Stunden. Die Preise ändern sich so schnell, dass wir danach wieder neu kalkulieren müssen», sagt Susanne Schmidt. «AKW-Stillstand in Frankreich treibt Strompreis», titelte die «Handelszeitung» im Oktober des vergangenen Jahres. Derzeit verfolgen die Energiemärkte gebannt, ob sich die USA vom globalen Ölmarkt abschotten werden. Dies sind nur zwei der unzähligen Faktoren, die Einfluss auf die Strompreise haben. Riccardo Pozzi dazu: «Die Stromproduktion in Europa erfolgt zu einem beträchtlichen Teil mit Kohle und Gas. Deshalb haben die Preise dieser Rohstoffe wie auch jene der CO2-Zertifikate einen entscheidenden Einfluss auf den Strompreis.»

Langfristige und kurzfristige Prognosen

Der Preis ist das eine – man muss jedoch auch genau wissen, welche Mengen an Strom für welchen Zeitraum eingekauft werden müssen. Und das langfristig, denn der Beschaffungshorizont liegt bei rund drei Jahren. Das heisst, dass heute schon teilweise der Strom für die nächsten drei Jahre mengenmässig und preislich abgesichert wird. Riccardo Pozzi erklärt das System: «Wir erstellen auf Basis von Erfahrungswerten langfristige Lastprognosen und schätzen so ab, wie viel Strom die Zürcher Bevölkerung und die Unternehmen in den kommenden zwei bis drei Jahren benötigen werden.» Die kurzfristigen Prognosen für den tatsächlichen Verbrauch werden in der Regel für sieben Tage im Voraus erstellt. Dabei werden Faktoren wie Feiertage, Grossereignisse und insbesondere das Wetter miteinbezogen.

 

«Die Versorgungssicherheit darf nie auch nur annähernd gefährdet sein.»

 

Eine heikle Aufgabe, die auch wieder gewisse Risiken mit sich bringt. «Jede Abweichung im tatsächlichen Verbrauch nach oben oder unten kostet Geld», sagt Pozzi. Die Ausgleichsenergie, also die kurzfristig zuzukaufende Strommenge, falls ein zu geringer Verbrauch prognostiziert wurde, ist sehr teuer. Umgekehrt erzielt man für überschüssige Strommengen, die wieder verkauft werden müssen, nur magere Erlöse. Ein Restrisiko bleibt trotz guten Lastprognosen immer. Um ihren Auftrag der Beschaffungsoptimierung erfüllen zu können, müssen die EKZ kalkulierbare Risiken eingehen. Und was, wenn ein Portfoliomanager hohe Risiken eingeht und einen grossen Verlust erleidet? «Das kann nicht passieren. Die Risikopolitik mit ihren Limiten ist vom Verwaltungsrat der EKZ vordefiniert und lässt nur die Bewirtschaftung von moderaten Risiken zu. Unsere Kollegen vom Risiko Management überprüfen täglich, ob wir in unseren Portfolien die Limiten einhalten. Und die Versorgungssicherheit darf sowieso nie auch nur annähernd gefährdet sein. Dieses System funktioniert sehr gut», sagt Riccardo Pozzi.

Das Risiko tief halten

Nicht zuletzt deshalb, weil man bei den EKZ ein ausgefeiltes Risikomanagement betreibt. Es gibt rund 20 verschiedene Szenarien, deren mögliche Auswirkungen abgeschätzt werden. Für alle diese Fälle treten im Ernstfall entsprechende Massnahmen zur Risikominderung in Kraft. Auch in Bezug auf die Handelspartner ist man abgesichert – ein wichtiger Aspekt angesichts der langen Zeithorizonte, für die geplant wird. Für die Handelspartner werden Ratings erstellt, ähnlich wie man es in den letzten Jahren für die Kreditwürdigkeit von Staaten erlebt hat. Daran bemessen sich dann die erlaubten Handelsvolumina – je niedriger eine Firma im Rating steht, umso geringer ist die Menge an Strom, die die EKZ von diesem Handelspartner einkaufen dürfen. Um die Handelsware Strom zu verschicken, wird das Übertragungsnetz der Swissgrid genutzt. Die Portfoliomanager einigen sich mit dem Handelspartner auf einen Fahrplan: Wann wird welche Menge an welchen Partner übertragen? Alle beteiligten Parteien reichen ihre Fahrpläne täglich bei Swissgrid ein, die ihrerseits die nationale und die internationale Koordination sicherstellt. So wird dafür gesorgt, dass der vereinbarte Energieaustausch korrekt abgewickelt wird. Ein komplexes System also, das dafür sorgt, dass der Strom im Kanton Zürich immer bedarfsgerecht zur Verfügung steht. Riccardo Pozzi fasst es in drei Schritten zusammen: «Um Klumpenrisiken zu verhindern, teilen wir die zu beschaffende Strommenge auf. Für jede Teilmenge wählen wir einen möglichst idealen Einkaufszeitpunkt. Und zu diesem Zeitpunkt kaufen wir beim jeweils günstigsten Anbieter ein.» Klingt einfach, ist aber ganz schön anspruchsvoll. Damit das alles auch tatsächlich so funktioniert, setzt das Team von Riccardo Pozzi sein ganzes Wissen und seine Erfahrung täglich ein.