Jagd nach Faltern und Fledermäusen

Jagd nach Faltern und Fledermäusen

In Urdorf ist ein Teil der Strassenleuchten smart: Sie passen sich dem Verkehrsaufkommen an. Was aber heisst das für nachtaktive Tiere, wenn die Leuchten nicht die ganze Nacht Volllicht brennen? Ein Besuch vor Ort gibt erste Antworten.

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Die Uhr im Auto zeigt kurz vor halb acht, als Tom Hennet ausgangs Urdorf parkiert. Die Luft ist kühl und rein. Nur die grauen Wolken am Himmel zeugen noch vom nächtlichen Gewitter. Tom Hennet lädt eine Leiter aus Aluminium, einen Kanister mit Seifenwasser und einen Rucksack aus – alles, was er für seine morgendliche Aufgabe braucht. «Ich hatte nach dem Bachelor im Umweltingenieurwesen an der Fachhochschule Wädenswil Lust, Arbeitserfahrung zu sammeln, bevor ich mich an den Master mache.» Jetzt forscht er als Mitarbeiter bei der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), welchen Einfluss die Strassenbeleuchtung auf Insekten und Fledermäuse hat. Am Projekt sind weitere Fachleute der WSL beteiligt sowie Lichtspezialisten der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ).

«Wir haben zehn Leuchten an der Birmensdorferstrasse mit einer Insektenfalle ausgerüstet.»

«Um herauszufinden, wie viele Insekten und vor allem welche Arten sich in der Nacht unter den Strassenleuchten tummeln, haben wir zehn Leuchten an der Birmensdorferstrasse mit einer Insektenfalle ausgerüstet. Dazu kommen nochmals zehn ausgerüstete Leuchten in Regensdorf an der Niederhaslistrasse», führt Tom Hennet aus. Im Wochenrhythmus passen die EKZ dafür die Beleuchtung an: eine Woche Volllicht, eine Woche bedarfsorientierte Strassenbeleuchtung. Bedarfsorientiert heisst, dass die nächtliche Strassenbeleuchtung dem Verkehrsaufkommen angepasst wird. In den Insektenfallen landen Mücken, Fliegen, Falter, Wanzen und Staubläuse, die ihren Flug Richtung Licht nicht überlebt haben (siehe Warum fliegen Insekten gegen das Licht?). Auch die Aktivität der Fledermäuse, die in Nähe der Strassenleuchten auf Nahrungssuche gehen, wird gemessen. An jeder zweiten Strassenleuchte nimmt ein Mikrophon deren Ultraschalltöne auf.

Urdorf frühmorgens: Ein paar Insekten befinden sich im Auffangbecher.
Urdorf frühmorgens: Ein paar Insekten befinden sich im Auffangbecher.
Dank einer Seilkonstruktion kann Tom Hennet von der WSL die Insektenfalle nach unten bewegen.
Dank einer Seilkonstruktion kann Tom Hennet die Insektenfalle nach unten bewegen.
Er löst den Auffangbecher und befestigt die Falle an der Strassenleuchte.
Er löst den Auffangbecher und befestigt die Falle an der Strassenleuchte.
Tagsüber bleibt die Falle unten.
Tagsüber bleibt die Falle unten.
Der Inhalt des Auffangbechers wird gesiebt. Mit einer Pinzette sammelt Tom Hennet die Insekten ein …
Der Inhalt des Auffangbechers wird gesiebt. Mit einer Pinzette sammelt Tom Hennet die Insekten ein …
… und füllt sie in einen durchsichtigen Behälter. Im Labor der WSL sortiert er die Insekten später.
… und füllt sie in einen durchsichtigen Behälter. Im Labor der WSL sortiert er die Insekten später.
An zwei Strassenleuchten misst ein Sensor Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Lichtintensität. Diese Daten kann Tom Hennet via Smartphone herunterladen.
An zwei Strassenleuchten misst ein Sensor Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Lichtintensität. Diese Daten kann Tom Hennet via Smartphone herunterladen.
An jeder zweiten Strassenleuchte ist ein schwarzer Kasten festgemacht mit einem Mikrofon dran. Im Kasten steckt ein Aufnahmegerät, das die Fledermausrufe im Ultraschallbereich aufnimmt.
An jeder zweiten Strassenleuchte ist ein schwarzer Kasten festgemacht mit einem Mikrofon dran. Im Kasten steckt ein Aufnahmegerät, das die Fledermausrufe im Ultraschallbereich aufnimmt.
Die Fledermausrufe werden später bei der WSL ausgewertet, um die genaue Art zu bestimmen.
Die Fledermausrufe werden später bei der WSL ausgewertet, um die genaue Art zu bestimmen.

Insekten mögen keinen Regen

Die Beleuchtung können die EKZ aus der Ferne anpassen. Für die Messung der Insekten steigt Tom Hennet jeweils dienstags bis freitags in der Dämmerung auf die Leiter. Höhenangst wäre hier fehl ab Platz, denn die Fallen hängen anderthalb Meter unter der Leuchte. Ganz so hoch muss Tom Hennet auf seiner Aluminiumleiter aber nicht steigen. Drei Meter reichen, um den Seilzug zu erreichen, dank dem die Insektenfallen hoch- und heruntergelassen werden können. Die Insektenfallen bestehen hauptsächlich aus durchsichtigen Folien und einem Auffangbecher. Sorgfältig entfernt Tom Hennet den Auffangbecher, damit er die Probe – Seifenwasser mit toten Insekten – nicht verschüttet und steigt damit runter. Seifenwasser? «Ja, die Seife verringert die Oberflächenspannung im Wasser. So sinken die Insekten besser ab. Zudem macht die Seife das Wasser länger haltbar, sodass wir es mehrmals verwenden können», sagt der junge Mann und steigt die Leiter runter.
Die heutige Ausbeute: Eine Mücke und eine Staublaus. Das ist wenig, verglichen mit den Insekten, die Tom Hennet die Tage zuvor gezählt hat, als die Temperaturen auch nachts selten unter 20°C fielen. «Letzte Woche habe ich nach einer besonders warmen Nacht in Urdorf und Regensdorf insgesamt rund 400 Insekten gezählt. Sobald es aber regnet wie in der letzten Nacht, sind viel weniger Insekten unterwegs.» Ebenfalls einen Einfluss auf die Anzahl und Art der Insekten hat der Standort der Strassenleuchten, wie Tom Hennet erklärt: «Hier in Urdorf sind wir mitten in einer Siedlung, wo es viele andere Lichtquellen gibt. Eine Gartenleuchte oder Licht in einem Haus lenken die Insekten von den Strassenleuchten ab.» Behutsam entfernt Tom Hennet die Insekten mit einer Pinzette und füllt sie in eines der vielen nummerierten Fläschchen. Denn jede Falle wird einzeln ausgewertet.
Bei der zweiten Strassenleuchte folgt das gleiche Prozedere. Doch bevor Tom Hennet mit dem Becher die Leiter runtersteigt, zückt er sein Smartphone. Über eine App und eine Bluetooth-Verbindung liest er die Daten aus, die der eigens an der zweiten Strassenleuchte montierte Sensor gemessen hat: Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Lichtintensität. Diese Messungen werden gebraucht, um Rückschlüsse über Wetter und Licht auf die Aktivität der Tiere zu ziehen. An der zweiten Strassenleuchte sind zusätzlich ein Mikrophon und Aufnahmegerät für die Fledermausaktivität montiert.

«Täglich werde ich angesprochen»

Zurück zu den Insekten: Auch bei der zweiten Falle fällt die Probe spärlich aus, darunter ist ein Falter. «Mit den Faltern muss ich besonders vorsichtig umgehen, damit die Schuppen nicht abfallen. Denn anhand der Schuppen können wir im Labor die Art genauer bestimmen», erklärt Tom Hennet. «Die restlichen Insekten werden gezählt, getrocknet und schliesslich gewogen, um die Trockenbiomasse zu bestimmen», führt Tom Hennet aus. Während er sich zur dritten Strassenleuchte aufmacht, schert ein Auto aus der morgendlichen Kolonne aus und fährt aufs Trottoir. Ein Herr steigt aus: «Jetzt muss ich mich doch mal erkundigen. Ich fahre jeden Morgen entlang der Birmensdorferstrasse und frage mich immer, was die durchsichtigen Behälter an den Strassenleuchten sollen.» Tom Hennet informiert den interessierten Besucher über das Pilotprojekt. Zufrieden mit der Antwort steigt dieser wieder ins Auto. «Es kommt täglich vor, dass mich Fussgänger ansprechen oder Autofahrer sogar anhalten», schmunzelt Tom Hennet. Meistens sind es Pendler, denn die Anwohner haben einen Flyer zum Pilotprojekt erhalten. «Die Fallen beschäftigen die Leute, aber in einem positiven Sinne. Sie finden das Pilotprojekt interessant», fasst Tom Hennet die Reaktionen zusammen und macht sich auf zur nächsten Strassenleuchte.

«Die Fallen beschäftigen die Leute, aber in einem positiven Sinne.»

Heute Morgen liegen insgesamt wenige Insekten in den Fallen. Aber auch das ist eine Erkenntnis. Noch bis Ende Juli bleiben die Insektenfallen, Sensoren und Mikrophone an den Strassenleuchten. Danach wird alles abgebaut und die Daten werden ausgewertet: Die Insektenproben werden mit den Fledermauston-Aufnahmen und den Wetter- und Lichtmessungen verglichen. Und wer weiss, vielleicht gibt es dann die eine oder andere Überraschung.

Im wissenschaftlichen Projekt der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) wird untersucht, welchen Einfluss Lichtemissionen auf die Biodiversität haben. Konkret geht es darum herauszufinden, wie sich die sensorgesteuerte Verkehrsbeleuchtung auf die Insektenhäufigkeit, Fledermausarten und deren Aktivität auswirkt.
Das Projekt dauert von Mai bis Juli 2017 und wird in Urdorf und Regensdorf durchgeführt, wo die EKZ bereits im letzten Jahr eine bedarfsorientierte Strassenbeleuchtung installiert haben. Eine moderne Sensorsteuerung erlaubt, dass sich die nächtliche Strassenbeleuchtung dem Verkehrsaufkommen anpasst. Im Vergleich zum Volllicht, das während der ganzen Betriebsdauer in der gleichen Intensität brennt, lassen sich mit der bedarfsorientierten Strassenbeleuchtung der Stromverbrauch und die Lichtemissionen verringern.

Nachtaktive Insekten orientieren sich an den Himmelskörpern, also am Mond und an den Sternen, davon geht die Forschung derzeit aus. Die Tiere versuchen, einen bestimmten Winkel zur Lichtquelle zu halten. Da der Mond aus Sicht der Insekten quasi still steht, fliegen die Tiere geradeaus.

Sobald jedoch eine Lichtquelle heller leuchtet als der Mond, was bei uns in besiedelten Gebieten meist der Fall ist, richten sich die Tiere nach diesen Lichtquellen. Da eine Strassenleuchte oder eine Gartenleuchte viel näher ist, müssen die Insekten ihren Kurs ständig korrigieren, um den Winkel einzuhalten. In der Folge fliegen sie in spiralförmigen Bahnen immer weiter auf die Leuchte zu – bis ins Zentrum der Lichtquelle. Zwar verbrennen die Tiere bei LED-Strassenleuchten nicht mehr, da diese nicht warm werden. Das Licht führt aber dazu, dass sie die Leuchte bis zur Erschöpfung umkreisen.