Vom Ende eines Seekabels

Vom Ende eines Seekabels

Über 50 Jahre lang verbanden zwei Stromkabel im See die beiden Gemeinden Thalwil und Herrliberg. Anfang Jahr haben die EKZ die beiden Kabel aus dem Zürichsee bergen lassen – ein nicht ganz einfaches Unterfangen, wie unser Film zeigt.

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Anfang November am Seeufer bei Horgen: Starke Männer wickeln 81 Tonnen Kabel in zwei etwa gleich langen Stücken sorgfältig von einem Bahnwagen auf eine leere Kabelrolle, die auf einem Schiff montiert ist. Nach vier Stunden ist der letzte Meter Kabel auf der Rolle. Dann verlässt das Schiff Horgen und fährt nach Herrliberg. Von dort aus fährt der Kahn nach Thalwil und lässt die beiden je zwei Kilometer langen Kabelstränge auf den Seegrund gleiten. In Ufernähe werden sie in vorbereitete Gräben verlegt, mit vollen Zementsäcken bedeckt und mit Erde zugeschüttet.

Nicht mehr im Einsatz, aber nicht vergessen

Das geschah im November 1954. Die EKZ verlegten damals zwei sogenannte Dreileiter-Ölkabel im See zwischen Thalwil und Herrliberg. Heute, über 60 Jahre später, werden diese nicht mehr gebraucht. Inzwischen sichern rund um den See im Boden verlegte Leitungen die Stromversorgung in dieser Region. Das heisst aber nicht, dass die beiden Kabel einfach vergessen werden können.

«Würden wir die Kabel im See lassen, bestünde ein geringes, aber nicht zu vernachlässigendes Risiko für Folgeschäden durch Korrosion oder Hangrutsche», sagt Daniel Vuille, Leiter Arbeitssicherheit und Umwelt der EKZ. Dies hat eine von den EKZ in Auftrag gegebene Risikoabwägung durch die Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) ergeben. Darum werden die beiden Kabel demnächst fachmännisch geborgen und entsorgt.

Günstiger durch den See als um den See

Doch warum wurden die Kabel seinerzeit überhaupt durch den See verlegt? Die rasche Entwicklung der Vororte Zürichs in den 1950er Jahren sorgte für ebenso rasch steigenden Energiebedarf. Das Verteilnetz der EKZ musste darum ausgebaut werden. Nachdem 1928 erstmals zwischen Thalwil und Erlenbach eine Stromverbindung mittels eines Seekabels erstellt worden war, folgte eine zweite ähnliche Kabelverbindung 1940 zwischen Wädenswil und Männedorf. Durch die immer dichtere Bebauung kam die ursprünglich bevorzugte Lösung mittels einer Hochspannungsleitung über Land nicht mehr infrage. Darum und auch aus Kostengründen entschied die Unternehmensleitung der EKZ, ein weiteres Seekabel zu installieren, und zwar zwischen Herrliberg und Thalwil. Eine Unterwasserleitung war kostengünstiger als das Verlegen von Kabeln entlang des Ufers bis auf die andere Seeseite.

 
«Würden wir die Kabel im See lassen, bestünde ein geringes Risiko für Folgeschäden durch Korrosion oder Hangrutsche.»

 

Die Suche nach einem Hersteller des Kabels erwies sich als nicht einfach. «Das grosse Gewicht zwang die schweizerischen Kabelfabriken, auf eine Offertstellung zu verzichten», steht im Bulletin des Schweizerischen Elektrotechnischen Vereins vom Dezember 1956. Den Auftrag bekam die französische Firma Câbles de Lyon. Da die Verbindung zwischen Thalwil und Herrliberg wichtig war, entschlossen sich die Verantwortlichen, zwei parallel laufende Kabelleitungen zu verlegen – damit im Fall einer Störung immer noch die halbe Übertragungsfähigkeit zur Verfügung stehen würde.

Bergung 2017: Das Kabel wird über eine Rolle (links im Bild) mit einer speziellen Vorrichtung auf den Ponton gezogen.
Bergung 2017: Das Kabel wird über eine Rolle (links im Bild) mit einer speziellen Vorrichtung auf den Ponton gezogen.
Bergung 2017: Im hinteren Teil des Pontons wird das Kabel in 5-Meter-Stücke geschnitten und in grosse Container gelegt.
Bergung 2017: Im hinteren Teil des Pontons wird das Kabel in 5-Meter-Stücke geschnitten und in grosse Container gelegt.
Bergung 2017: Nicht nur für die EKZ, auch für Daniel Vuille, Leiter Arbeitssicherheit und Umwelt der EKZ, ein einmaliges Projekt.
Bergung 2017: Nicht nur für die EKZ, auch für Daniel Vuille, Leiter Arbeitssicherheit und Umwelt der EKZ, ein einmaliges Projekt.
Bergung 2017: Mit einer hydraulischen Schere werden die Kabel geschnitten. Sobald beide Container voll sind, werden sie entladen.
Bergung 2017: Mit einer hydraulischen Schere werden die Kabel geschnitten. Sobald beide Container voll sind, werden sie entladen.
Beim Verlegen der Kabel 1954 trug man Hut statt Helm.
Beim Verlegen der Kabel 1954 trug man Hut statt Helm.
In Ufernähe wurden die Kabel in Gräben verlegt, mit vollen Zementsäcken bedeckt und die Gräben mit Erde zugeschüttet.
In Ufernähe wurden die Kabel in Gräben verlegt, mit vollen Zementsäcken bedeckt und die Gräben mit Erde zugeschüttet.
Anno 1954 braucht es einige starke Männer, um die zwei je zwei Kilometer langen Kabelstränge zu verlegen.
Anno 1954 braucht es einige starke Männer, um die zwei je zwei Kilometer langen Kabelstränge zu verlegen.

Hebung schont die Umwelt

55 Jahre lang, bis 2009, waren die Kabel im Einsatz und taten ihren Dienst zuverlässig. Doch seither werden sie nicht mehr gebraucht. Wäre es keine vertretbare Lösung, sie im See liegen zu lassen? Um zu entscheiden, welches das umweltverträglichste Vorgehen im Umgang mit den ausgedienten Seekabeln ist, beauftragten die EKZ verschiedene Fachstellen mit dem Durchführen von Untersuchungen. Der Kabelverlauf im See wurde geklärt, und dabei konnte festgestellt werden, wie stark die Kabel von Sedimenten bedeckt sind. Zudem liessen die EKZ eine generelle Analyse der Umweltgefährdung durch die ölhaltigen Kabel machen, und der Seegrund wurde auf Wasserpflanzenbestand und Muscheln untersucht. «Die Eawag kam schliesslich zum Ergebnis, dass eine Hebung weniger Risiken birgt als das Belassen der Kabel», sagt Daniel Vuille (mehr zu den Umweltaspekten siehe gelbe Box). Rund eine Million Franken kostet das Unterfangen. In einen Ersatz der Kabel muss nicht investiert werden. Dieser besteht schon – in Form von unterirdisch geführten Mittelspannungsleitungen um den See herum.

Bergung mit Herausforderungen

Nach mehreren Jahren Vorbereitung geht es am 17. Januar 2017 los mit der Bergung der Kabel. Auch für die EKZ ist es ein einmaliges Unterfangen. Der Film oben hält die letzte Etappe des Seekabels fest, bei der zwar nicht alles reibungslos verlief, aber am Ende alles kam wie es sollte.

Die EKZ haben die Auswirkungen der Kabelhebung auf die Umwelt von unabhängiger Stelle gründlich untersuchen lassen. Die Gewässerökologen befanden, dass in Bezug auf die Unterwasser-Pflanzenwelt vor der Kabelhebung keine besonderen Vorkehrungen zu treffen seien. Die vorhandenen Algen, Moose und Gefässpflanzen können sich in einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren selbständig erholen. Aufgrund früherer Untersuchungen des Seegrunds wurden auf dem Gebiet des Seekabels Muscheln vermutet. «Im Zürichsee kommen zwei Teichmuschelarten und eine Flussmuschelart vor», sagt der Muschelfachmann Heinrich Vicentini. Ihn haben die EKZ mit der Suche und allfälligen Umsiedlung von lebenden Muscheln entlang der Seekabel beauftragt.

Die Muschelsuche wurde auf der Uferseite in Thalwil im seichten Wasser durchgeführt, wozu kein Boot nötig war. Vicentini schnorchelte dafür am Ufer entlang. Weiter draussen im See tauchten zwei Biologinnen nach Muscheln. Sie suchten die nähere Umgebung des Kabels ab – ohne grossen Erfolg. «Wir haben eine einzige lebende, flache Teichmuschel, ‹Anodonta cygnea›, gefunden», sagt Vicentini. Sie wurde fotografiert, dokumentiert und an einen geeigneteren Platz am Ufer umgesiedelt.