Wie sieht der Schweizer Strommix 2035 aus?

Wie sieht der Schweizer Strommix 2035 aus?

Verglichen mit anderen Ländern wissen die Schweizer gut Bescheid über die Stromproduktion. Auf welche Technologien sie in Zukunft setzen möchten, darüber gibt eine neue Studie der ETH Zürich Auskunft.

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Wer kennt sie nicht, die unzähligen Umfragen über eine neue App, über das soeben besuchte Hotel oder über eine bevorstehende Abstimmung? Wir klicken uns ohne viel Herzblut durch, wählen eine der vorgegebenen Antworten – in der Hoffnung, dass wir alles richtig verstanden haben. «Genau das wollten wir bei unserer Studie über die Stromlandschaft 2035 vermeiden» sagt Studienleiterin Evelina Trutnevyte vom Institut für Umweltentscheidungen der ETH Zürich. Und erklärt auch gleich, warum: «Aus einer früheren Studie wussten wir, dass es rund um Energie viele Missverständnisse und Wissenslücken gibt. So wird zum Beispiel tiefe Geothermie für Stromproduktion oft mit Wärmepumpen verwechselt. Wieder andere glauben, dass Windräder den Wind absorbieren und deshalb Bäume in der Nähe von Windrädern nicht mehr bestäubt werden.» Um sich die Schweizer Stromlandschaft 2035 vorstellen zu können, braucht es ein Minimum an Kenntnissen über die verschiedenen Technologien zur Stromerzeugung, war das Forschungsteam rund um Evelyna Trutnevyte überzeugt. «Deshalb haben wir uns entschieden, mit einer Gruppe von informierten Personen zu arbeiten, die jedoch keine Experten sind», sagt Trutnevyte.

So sieht der Risikometer zu Beginn aus: Links kann die Menge pro Technologie eingestellt werden. Darauf passt sich der Strommix rechts an.
So sieht der Risikometer zu Beginn aus: Links kann die Menge pro Technologie eingestellt werden. Darauf passt sich der Strommix rechts an.
Beispiel eines ausgefüllten Risikometers.
Beispiel eines ausgefüllten Risikometers. Die Schweizer Karte in der Mitte wird grün, sobald der Strombedarf gedeckt ist.
Einblick in einen der Workshops mit der Gruppe aus informierten Laien.
Einblick in einen der Workshops mit der Gruppe aus informierten Laien.

Informiert und engagiert

46 Personen umfasste die Gruppe, die als erstes Faktenblätter zu den verschiedenen Technologien der Stromerzeugung zu lesen bekam. Darauf tauschten die 46 Personen in kleineren Gruppen ihre Meinungen über die verschiedenen Technologien aus. Als nächstes haben alle mit dem von der ETH entwickelten Risikometer ein persönliches Elektrizitätsportfolio erstellt: Dabei hat jeder bestimmt, wie viel Strom mit welchen Technologien produziert werden soll, um den schweizweiten Bedarf von 70 Terawattstunden im Jahr 2035 zu decken. Die Erfahrungen, die die Teilnehmenden dabei gemacht haben, haben sie gleich anschliessend wieder in einem Workshop diskutiert und in der Folge erneut ein Elektrizitätsportfolio erstellt. Nach jedem Schritt hat das Forschungsteam die Teilnehmenden befragt, ein letztes Mal online vier Wochen nach dem finalen Workshop. «Da sich die Gruppe über eine längere Zeit mit dem Thema befasst hatte, hatte jeder sowohl einen Bezug dazu sowie eine überlegte Meinung. Am wertvollsten war für uns die Meinung nach der grossen Gruppendiskussion, denn dann war das Wissen der Teilnehmenden am grössten», sagt Evelina Trutnevyte.

Sparen unterschätzt

«Nach Gruppendiskussion ist ein Strommix für 2035 herausgekommen, der erneuerbare Technologien unterstützt, die wenig CO2 ausstossen, also Solarzellen und Wasserkraftwerke», fasst Evelina Trutnevyte zusammen. Die Gruppe setzte zusätzlich auf Kehrichtverbrennungsanlagen, deren Abwärme zur Stromerzeugung genutzt werden kann. Zwar wird bei der Verbrennung des Abfalls auch CO2 ausgestossen, doch die Nutzung der Abwärme ist in diesem Fall ein positiver Nebeneffekt. «Und die Teilnehmenden haben herausgefunden, dass sie mit Energieeffizienz und Energie sparen sehr viel mehr bewegen können, als sie ursprünglich angenommen haben», ergänzt Evelina Trutnevyte. Wenn weniger Strom gebraucht wird, muss auch weniger produziert werden. Dadurch verringern sich die negativen Einflüsse der Stromerzeugung auf den Klimawandel.
Der Klimawandel gehört denn auch – zusammen mit der lokalen Umgebungsluft und der Versorgungssicherheit – zu den Kriterien, welche den Teilnehmenden am wichtigsten waren bei der Zusammenstellung ihres persönlichen Strommixes.

Schweizer gut informiert

Herausgekommen ist aber nicht nur die Vision einer Stromlandschaft für 2035, sondern auch die Tatsache, dass die Schweizer 2017 im Vergleich zu andere Ländern grundsätzlich gut über das Thema informiert sind und eine Meinung dazu haben. «Dies ist wahrscheinlich auf die beiden Abstimmungen über den Atomausstieg und die Energiestrategie 2050 sowie entsprechende Medienberichte zurückzuführen», vermutet Trutnevyte.

Projekt geht weiter

Nach den Laien sind jetzt die Experten an der Reihe: «Wir lassen Experten über unseren Risikometer ein persönliches Elektrizitätsporfolio erstellen. So können wir das Experten-Portfolio mit dem der informierten Laiengruppe vergleichen», erklärt Evelyna Trutnevyte. Zusätzlich soll der Risikometer so erweitert werden, dass man nicht nur die Technologie und ihre Menge wählen kann, sondern auch den Ort der Produktion. Und schliesslich werden auch die Elektrizitätsportfolios von Personen ausgewertet, die aus Interesse oder per Zufall auf den Risikometer stossen und ihre Daten abschicken.

Evelina Trutnevyte hat Energietechnik in Litauen, Dänemark und Norwegen studiert. Sie verfügt über ein Doktorat des Departements für Umweltsystemwissen-schaften der ETH Zürich. Seit 2015 leitet sie das Projekt Risikometer der ETH Zürich sowie die Studie über die Schweizer Stromlandschaft 2035, die vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert worden ist. Per Januar 2018 wechselt sie an die Universität Genf, wo sie zur Assistenzprofessorin für erneuerbare Energiesysteme ernannt worden ist.

Hintergrund

Öffentliche Diskussionen und wissenschaftliche Studien fokussieren meist auf einzelne Technologien. Deshalb konzentrierte sich die Studie zur öffentlichen Meinung zur Zukunft der Stromproduktion in der Schweiz darauf, wie der Strombedarf durch einen Mix mehrerer Technologien gedeckt werden kann und befragte dazu eine Gruppe informierter Laien zu deren Meinung.

Methode

Die Zahl der 46 Teilnehmenden ist statistisch nicht repräsentativ. Die Teilnehmenden wurden anhand ihrer Präferenzen für Technologien ausgesucht, sodass sie als Gruppe ein möglichst breites Spektrum von Meinungen abbilden.

Mehr zur Methode, den Materialien und Resultaten der Studie finden Sie hier.