«Eine PV-Anlage ist heute ein Lifestyle-Produkt»

«Eine PV-Anlage ist heute ein Lifestyle-Produkt»

Mit der Energiestrategie 2050 verändert sich die Rolle der Elektrizitätsunternehmen. Um ihre Kunden halten zu können, passen sie ihre Aktivitäten an. So auch die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ). Stefan Meyre, Leiter des Geschäftsbereichs Energie, erklärt, wie sich die EKZ die Energiezukunft vorstellen und was künftig die Rolle des Unternehmens sein könnte.

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Stefan Meyre, die EKZ steigen derzeit in grossem Stil ins Geschäft der Photovoltaik ein. Was gab den Ausschlag dafür?
Wir setzen uns schon seit Langem generell für erneuerbare Energien ein. Seit 20 Jahren machen wir Energiecontracting und bauen Energiezentralen mit erneuerbaren Energien. Dabei geht es um die Nutzung der Seewasserwärme, um Erdsonden, Pellets, Holzschnitzel, aber vor allem um Wärmepumpen. Im Solarbereich betreiben wir seit bald 20 Jahren die Solarstrombörse, mit der wir versuchten, Solarstromprodukte für unsere Kunden zu entwickeln. Das war aber schwierig, weil man die Produkte nur verkaufte, solange man dafür Marketing machte. In den besten Zeiten hatten wir sechs bis sieben Prozent Kunden, die erneuerbaren Strom nachfragten. Mittlerweile sind wir mit unseren Bemühungen nicht mehr allein. Heute fordert der Gesetzgeber im Kanton Zürich, dass das Grundversorgungsprodukt aus erneuerbarer Energie zusammengesetzt sein muss.

Auch aus Solarstrom, der früher als zu teuer galt?
Natürlich. Noch vor zehn Jahren kostete die Kilowattstunde Solarstrom 80 bis 90 Rappen. Bis heute sind die Gestehungskosten unglaublich gesunken. Das ist eine Revolution für unsere Branche, das ist verrückt. Ein gut ausgerichtetes Solardach auf einem Einfamilienhaus produziert auch in unserem Versorgungsgebebiet den Strom günstiger, als wenn ich ihn aus der Steckdose beziehe.

Hätten Elektrizitätswerke wie Ihres nicht früher die Möglichkeit gehabt, mehr zu dieser Revolution beizutragen?
Uns ist seit Längerem klar, dass die Zukunft erneuerbar ist und wir umweltgerechten Strom liefern müssen. Wir haben aber auch einen anderen Auftrag: zu jeder Zeit kostengünstig Strom zu liefern. Dieser Auftrag verändert die Optik natürlich. Wir haben immer versucht, uns in der Mitte des Dreiecks Zuverlässigkeit, Kosten und Umweltgerechtigkeit zu bewegen. Wir konnten es uns schlicht nicht leisten, extrem in die eine oder andere Richtung zu gehen und beispielsweise in Solarstrom für 60 Rappen pro Kilowattstunde zu investieren. Andererseits konnten wir auch nicht nur das billigste Produkt anbieten. Die Zukunft ist erneuerbar. Das ist eigentlich allen Beteiligten in der Branche klar. Die Frage ist lediglich, wie rasch wir dort hinkommen.

 

«Viele Kunden wollen ihren Solarstrom selber produzieren.»
 

Ausschlaggebend für den Einstieg war für Sie letztlich der Preiszerfall bei der Photovoltaik?
Ja, weil die Photovoltaik jetzt wirtschaftlich ist. Wir sind verpflichtet, unseren Kunden günstigen Strom zu liefern, und der günstigste Strom ist heute der, den man selber macht. Das war unsere Hauptmotivation dafür, zu sagen: Jetzt werden aus unseren Kunden Prosumer – also nicht nur Stromkonsumenten, sondern auch Produzenten.

Inwieweit ist die Nachfrage der Kunden ein Auslöser für Ihr neues Engagement?
Die Kunden fragen bei uns nach entsprechenden Lösungen nach. Das ist eine starke Komponente.

Die Kunden wollen aber nicht mehr Solarstrom bei Ihnen kaufen?
Nein, sie wollen ihn selber produzieren. Ihnen geht es um den eigenen Strom vom eigenen Dach. Wir wollen uns deshalb nicht an alte Geschäftsmodelle klammern. Uns darf nicht dasselbe passieren wie Kodak. Diese Firma hat die Digitalfotografie sogar selber erfunden, wollte aber dennoch weiter mit analogen Filmen Geld verdienen.

Darum bauen Sie jetzt PV-Anlagen auf die Dächer Ihrer Kunden?
Vereinfacht gesagt: Ja, denn das ist ein Kundenbedürfnis. Viele Kunden besitzen ein Einfamilienhaus, das oft auch mit einer Wärmepumpe ausgestattet ist. Neu produzieren diese Kunden bis zur Hälfte des Stroms, den sie brauchen, selber. Ihnen können wir also noch die andere Hälfte liefern. Da bricht ein Geschäft weg. Auf der anderen Seite besteht bei Kunden ein Bedürfnis nach solchen PV-Anlagen. Das ist der Trend, und das ist auch unsere Mission: Wir helfen unseren Kunden, den Strom zu beziehen, den sie sich wünschen. Heute bedeutet das, dass sehr viele Kunden ihren Solarstrom selber produzieren wollen. Natürlich ist das für uns ein neues Geschäftsfeld, aber es ist vor allem für die Kunden auch eine tolle Lösung.

In welchem Umfang konnten Sie bisher Anlagen erstellen?
Wir haben vor eineinhalb Jahren begonnen und haben bereits 250 Anlagen verkauft. Bemerkenswert ist, dass heute bereits jede vierte Anlage zusammen mit einer Batterie verkauft wird. Das ist erstaunlich.

Inwiefern?
Die Solaranlage ist in durchschnittlich 15 Jahren amortisiert. Bei der Batterie dauert dies zu den heutigen Preisen deutlich länger, auch wenn die Batteriepreise gewaltig purzeln. Dennoch ist die Nachfrage relativ gross. Dies zeigt, dass den eigenen Strom zu produzieren und zu nutzen, zu einem gewissen Lifestyle gehört. Kunden kaufen auch ein teures Auto oder bezahlen viel für einen speziellen Anzug, obwohl man weniger ausgeben könnte.

«Den eigenen Strom zu produzieren und nutzen gehört heute zu einem gewissen Lifestyle.»
«Den eigenen Strom zu produzieren und zu nutzen gehört heute zu einem gewissen Lifestyle.»

Mit der Eigenproduktion von Strom und der Eigenverbrauchsoptimierung bricht für Sie der Verkauf von Strom zum Teil weg. Ist diese Entwicklung nicht beängstigend?
Das Geschäft mit der reinen Kilowattstunde, bei dem wir Strom kaufen und weiterverkaufen, wird an Attraktivität und Wert verlieren. Wir als EKZ müssen mit der Entwicklung gehen und den Kunden das geben, was sie verlangen. Die billigste Kilowattstunde ist kein Geschäftsmodell, auf dem man die kommenden zehn Jahre aufbauen kann. Es ist eine Herausforderung für alle in der Branche, mit diesen Veränderungen mitzuhalten. Ich bin mir nicht sicher, ob es alle schaffen werden. Die EKZ sind im Begriff, sich in vielen Bereichen umzubauen. Dabei müssen wir uns gewaltig anstrengen, diese Veränderung für unsere Kunden positiv zu gestalten.

Welches ist bei diesem Wandel aus Ihrer Sicht das grösste Risiko?
Das grösste Risiko wäre, den Wandel nicht mitzumachen. Wenn wir mitmachen, stellen sich Fragen. Haben wir den richtigen Ansatz? Haben wir ein gutes Geschäftsmodell? Haben wir die besseren Lösungen als die Mitbewerber? Wenn wir nicht mitmachen, kommt der Wandel trotzdem – einfach ohne uns. Der Kunde will diese Lösungen, und Anbieter gibt es genügend. Unsere Kunden setzen aktuell Strom noch mit den EKZ gleich. In Zukunft wird Strom auch mit Tesla, Ikea, Migros oder Swisscom gleichgesetzt werden. Die EKZ werden ein Anbieter unter vielen sein. Wir müssen es schaffen, dass unsere Kunden in einer Welt, in der es eine Vielzahl von Anbietern gibt, immer noch zuerst an uns denken, wenn es um Strom geht.

Spielt dieser Wandel für die EKZ nicht eine untergeordnete Rolle, solange der Markt nicht voll liberalisiert ist? Sie sollten doch ein Interesse haben, die Liberalisierung möglichst weit hinauszuschieben?
Im Gegenteil. Ich persönlich hoffe, dass die Marktöffnung bald kommt. Der nicht liberalisierte Markt ist meiner Meinung nach ein Innovationshemmer. Wird diese Schleuse geöffnet, kommen beispielsweise die Eigenverbrauchsgemeinschaften schneller vorwärts. Ganz grundsätzlich gibt es viele neue Lösungen und viele engagierte Personen in der Energiebranche, die nur darauf warten, von der Leine gelassen zu werden.

Haben Sie dazu konkrete Beispiele?
Nehmen wir den Solarstrom. Als Produzent von Solarstrom könnte ich diesen nach der Marktöffnung künftig direkt einem Kunden verkaufen, ohne ein Elektrizitätswerk als Mittler. Das wünschen sich sowohl der Produzent wie auch der Konsument. Vielleicht gibt es dabei für uns auch Platz als Betreiber einer entsprechenden Handelsplattform – ohne dass wir selber Strom kaufen und verkaufen. Dafür braucht es die Marktöffnung in der Schweiz.

Dann verlieren Sie als EW aber Ihre gebundenen Kunden. Haben Sie davor keine Angst?
Nein, wir müssen unseren Kunden heute umfassende Energielösungen bieten, statt ihnen Kilowattstunden zu verkaufen. Der Wandel ist von der Technologie getrieben. Uns ist es sehr wichtig, den Kontakt zu unseren Kunden, die sich im Moment verändern, nicht zu verlieren. Die Politik sollte nun die Rahmenbedingungen schaffen, damit sich die neuen Lösungen am Markt durchsetzen können.

Wurde das mit dem neuen Energiegesetz und den neuen Verordnungen nicht gemacht?
Eigentlich noch zu wenig. Ein Beispiel dafür sind die Eigenverbrauchsgemeinschaften. Nachdem man sich entschieden hatte, solche zuzulassen, wurden sie in den Verordnungen so stark reguliert und mit Auflagen versehen, dass es zurzeit nicht mehr interessant ist, wirklich eine Eigenverbrauchsgemeinschaft zu bilden. Solche Lösungen müssen wirtschaftlich interessant sein, und man muss damit auch Geld verdienen dürfen. Ich hätte mir vom Gesetzgeber etwas mehr Offenheit gewünscht.

Haben Sie noch andere Beispiele, wo aus Ihrer Sicht die Regulation noch angepasst werden müssten?
Die Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich, die sogenannten MuKEn, müssten endlich umgesetzt werden. Im Kanton Waadt sind sie umgesetzt. Im Bereich Energiecontracting erhalten wir seither aus dem Waadtland sehr viele Anfragen für PV-Anlagen, die auch gebaut werden. In Kantonen, in denen die MuKEn nicht umgesetzt sind, lässt man zwar PV- Anlagen und sogar Batterien offerieren, sie werden aber längst nicht so oft gekauft.

Die Regulationsbehörden hinken also hinterher?
Es ist doch so: Auf dem Motorrad gilt Helmpflicht, im Auto Gurtentragpflicht. Das wurde verordnet. Nun sollte es klar sein: Wenn du ein Haus baust, musst du eine PV-Anlage installieren. Wir werden das noch erleben. Die Frage ist nur, wann. Auch bei der Gurtentragpflicht gab es am Anfang Widerstand, der sich inzwischen in Luft aufgelöst hat. So wird das auch bei den PV-Anlagen sein. Wir gehen davon aus, dass bald jedes neu gebaute Haus über eine PV-Anlage verfügt.

Sie bewegen sich mit Ihrem Angebot im Bereich der Nachrüstung mit PV-Anlagen. Warum fokussieren Sie sich nicht auf Neubauten?
Die Schweiz ist weitgehend gebaut, der Neubaumarkt macht nur einen kleinen Teil aus. Entsprechend ist das Nachrüsten bestehender Gebäude attraktiver. Das wird die nächsten zehn Jahre wohl auch so bleiben. Wir werden sehen, was danach geschieht.

«Wir gehen davon aus, dass bald jedes neu gebaute Haus über eine PV-Anlage verfügt.»
«Wir gehen davon aus, dass bald jedes neu gebaute Haus über eine PV-Anlage verfügt.»

Wie viele Anlagen wollen Sie jährlich realisieren?
Wir möchten in absehbarer Zeit mehr als 500 Anlagen im Jahr bauen. Wir haben bei unseren Kunden im Kanton Zürich begonnen, die uns schon als Stromlieferanten kennen. Unsere Vision ist es aber, auch in anderen Gebieten der Schweiz aktiv zu sein. Dort müssen wir und unser Angebot aber erst noch besser bekannt werden. Der Markt ist riesig. Für die nächsten zehn Jahre gibt es noch unzählige Dächer, die sich für eine PV-Anlage ausgezeichnet eignen. Für den Einstieg hat uns unsere Marke geholfen, das wird aber nicht ausreichen, um die Ziele zu erreichen.

Was steht für diese Kunden im Vordergrund?
Unsere Privatkunden wollen in der Regel das ganze Dach für ihre Anlage nutzen, auch wenn aus wirtschaftlicher Sicht eine kleinere Anlage genügen würde. Daran zeigt sich wieder, dass die PV-Anlage zum Lifestyle-Produkt geworden ist. Wir empfehlen entsprechend eine auf den Eigenverbrauch optimierte Anlage in Verbindung mit einer Batterie, damit der Kunde möglichst viel vom selbst produzierten Strom nutzen kann.

Warum sollte ein Kunde Ihnen als Neuling im PV-Markt vertrauen? Es gibt schliesslich genügend arrivierte Anlagenbauer.
Und mit zahlreichen dieser regionalen Betriebe arbeiten wir eng zusammen. Wir übernehmen dabei die Verantwortung für die technische Planung und die Qualität der Anlage, liefern das neuste Material sowie das nötige technische Know-how und sind die Schnittstelle zum Kunden. Von uns kommen auch das Marketing und das Produktmanagement. Die Dachdecker und Anlagenbauer machen die Arbeit auf dem Dach. Andere haben andere Strategien und kaufen Firmen auf, damit sie mit ihren eigenen Leuten vor Ort sind. Wir sind aber von unserem Partnermodell überzeugt. Und ein Neuling sind wir nicht. Die EKZ planen, bauen und unterhalten seit bald 30 Jahren PV-Anlagen, bei denen wir mit umfangreichen Messungen die Qualität und Wirtschaftlichkeit der verschiedenen Systeme prüfen und testen.

Ein Thema sind auch die Rückliefertarife. Ihnen wird vorgeworfen, zu wenig zu zahlen.
Das war längere Zeit ein Diskussionspunkt. Dabei haben wir das gesetzlich mögliche Minimum nicht ausgeschöpft. Zudem haben wir bei all unseren 4000 privaten Stromproduzenten eine Aktion gestartet: Wir haben ihnen angeboten, ihren Eigenverbrauch zu prüfen, sodass sie möglichst viel Strom selber brauchen können. Jeder vierte hat dieses Angebot in Anspruch genommen.

Ist das nicht lediglich ein Trostpflaster? Hat dies die Situation für die privaten PV-Anlagen-Betreiber wirklich verändert?
Aus unserer Sicht schon. Es ist besser, den Strom selber zu brauchen, als ihn zurückzuspeisen, denn wir können für Solarstrom keine Fantasiepreise bezahlen. Das Netz der EKZ hat in einer Aktion auch eine Steuerung günstig angeboten, wobei der Kunde jede marktübliche einsetzen kann. Dank so einer Steuerung können unsere Kunden einfach den Eigenverbrauch erhöhen. Seither haben sich auch die Ansichten der Kunden gewandelt. Sie scheinen zu schätzen, was wir für sie tun.

Sind aufgrund der neuen Verordnung bei Ihnen noch Anpassungen bei den Rückliefertarifen zu erwarten?
Wir haben schon bisher nicht das gesetzlich mögliche Minimum ausgeschöpft und werden diese Philosophie weiterverfolgen.

Wie viel PV-Leistung haben die EKZ bis in zehn Jahren im Netz?
Eine genaue Zahl ist heute schwierig abzuschätzen, aber der Entwicklungspfad und unsere Erwartungen sind deutlich: Photovoltaik gewinnt massiv an Bedeutung. Wir haben zusammen mit dem AWEL (Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich) eine Studie verfasst. Darin gehen wir davon aus, dass an sonnigen Tagen im Jahr 2040 etwa in gleichem Umfang Leistung bezogen wie zurückgespiesen werden kann. An Spitzentagen beziehen wir in diesem Netz aktuell rund 800 MW Leistung. Wer die Versorgungssicherheit garantieren muss, der übt sich in Zurückhaltung. Wer die Welt retten will, der hat Hoffnung. Es wird nach meiner Einschätzung noch recht lange einen Rest fossile Regelenergie im europäischen und im Schweizer Stromnetz brauchen. In den nächsten 15 bis 20 Jahren wird der Ertrag aus den erneuerbaren Energien wahrscheinlich nicht ausreichen, um eine konstant hohe Versorgungssicherheit zu garantieren.

Sie gehen dennoch von einem sehr raschen Zubau bei der Photovoltaik aus, wenn Sie von einem grossen Wachstumspotenzial in den kommenden zehn Jahren sprechen?
Was grundsätzlich ermutigend ist, ist, dass alle entsprechenden Prognosen der internationalen Energieagentur immer deutlich zu pessimistisch waren. Es ist meiner Meinung nach möglich, dass die technologische Entwicklung schneller kommt als gemeinhin angenommen.

Abgesehen vom Ausbau der Photovoltaik, in welche Richtung werden sich die EKZ in den nächsten Jahren bewegen?
Der Wandel vom Stromversorger zum Energiedienstleister wird jetzt konkret. Eine treibende Kraft ist dabei auch die Sektorkopplung, die Verbindung der Sektoren Elektrizität, Wärmeversorgung, Kälteversorgung und elektrische Mobilität. Es bedeutet, dass die Sektoren untereinander viel mehr kommunizieren und Energie austauschen müssen, weil unsere Kunden vernetzte Lösungen brauchen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Ein neues Mehrfamilienhaus verfügt über eine PV-Anlage, eine Batterie und eine Wärmepumpe. Es wird nicht nur geheizt, sondern auch gekühlt. Nun gesellt sich noch das schwierige Thema der Elektromobilität hinzu. Es gilt, zu überlegen, wie viele Ladestationen man benötigt, wie diese gespiesen und wie sie abgerechnet werden. Das Ganze wird sehr komplex. Man muss den Verbrauch, aber auch das Wetter des nächsten Tages im Detail kennen. Das Gebäude muss mitdenken und mitlernen. All das bietet neue und interessante Möglichkeiten, in der Effizienz noch einen Schritt weiter zu gehen und auch den Eigenverbrauch weiter zu steigern. Für Bauherren ist es nicht einfach, bei der Fülle der Möglichkeiten den Überblick zu behalten. Hier können wir Gesamtlösungen anbieten.

Sie werden zum Anbieter von Rundum-sorglos-Paketen im Energiebereich?
Ja, weil alle Sektoren zusammenhängen und beispielsweise eine Heizzentrale nicht mehr isoliert realisiert wird. Solche Projekte führen wir unter dem Titel integrierte Energiesysteme. Diese Fragestellungen tauchen immer häufiger auf. Wenn ein grosser Investor heute ein Gebäude aufstellt, das die kommenden 50 Jahre hält, müssen wir ihm die Frage beantworten, ob er Platz für eine Batterie lassen soll und wenn ja, wie viel, damit er das Haus in einigen Jahren auch nachrüsten kann.

Die EKZ werden sich also verstärkt im Bausektor engagieren?
Nicht nur. Wir betreiben beispielsweise mit energydeal.ch eine Stromhandelsplattform für Geschäftskunden. Hier können Kunden ganz einfach und automatisiert an verschiedene Lieferanten herantreten und Offerten einholen. Das ist für beide Seiten effizient. Hier geht es darum, möglichst günstig zu sein, weil die eine Kilowattstunde nicht besser oder schlechter ist als eine andere. Strom ist die am stärksten standardisierte Handelsware, und der Kunde erhält dank dieser Plattform rasch den günstigsten Preis. Wir offerieren hier selber nicht mehr, weil wir die Plattform dann nicht betreiben könnten. Auch daran lässt sich erkennen, dass wir uns aus Geschäftsfeldern verabschieden, die wir langfristig nicht mehr als tragende Säulen unserer Firma erachten. Wir wollen einen Platz finden als moderner Energiedienstleister, der den Kunden das Leben, Arbeiten und Wohnen vereinfacht, auch wenn die Energiewelt komplexer wird.


*Das Interview mit Stefan Meyre erschien in der April-Ausgabe der Zeitschrift Erneuerbare Energien, welche die Schweizerische Vereinigung für Sonnenenergie herausgibt. Wir veröffentlichen hier eine leicht adaptierte Version.

Stefan Meyre ist seit 2005 bei den EKZ und seit damals Leiter Geschäftsbereich Energie. Der 58-jährige Elektroingenieur und Executive Master of Business Administration war davor bei den Industriellen Werken Basel (IWB) und der Endress+Hauser-Gruppe tätig. Meyre ist Verwaltungsratspräsident der EKZ GETEC AG und der EKZ Contracting AG sowie Verwaltungsrat der Enpuls AG.