Stromerzeugung aus Abwärme der Grossindustrie

Stromerzeugung aus Abwärme der Grossindustrie

Eine Dampfturbinenanlage besonderer Dimension nahm bei einem Basler Chemiekonzern den Betrieb auf. Realisiert hat sie die EKZ Getec AG, welche auf die Medienversorgung der Grossindustrie spezialisiert ist.

Regelmässig spannende
Infos aus der Energiewelt?
Jetzt abonnieren

Kein Zischen, kein Dampf, kein Geruch tritt aus der riesigen Anlage aus. Dabei ist die fast zehn Meter hohe Installation wohl ein Vorzeigebeispiel einer Industrieanlage. Es ist auch kein Schmierfett oder sonstiger Dreck zu sehen, vielmehr erinnert die Dampfturbine mit Generator, die über einem grossen Kondensator auf einem Podest im zweiten Geschoss der Halle stehen, den Laien entfernt an eine Molkerei oder Ähnliches. Gut, die Anlage ist noch brandneu, in Betrieb genommen wurde sie erst Anfang Juni. Dennoch hätte man durchaus etwas mehr Industriecharme erwartet.

Optimierte Nutzung des Dampfs

Die Dampfturbinenanlage der EKZ Getec AG versorgt seit Juni ein ganzes Areal der Infrapark Baselland AG in Basel mit einem Teil des benötigten Stroms. Sie ist die Betreiberin des Industrieareals und versorgt ihre Mieter – die meisten im Chemiesektor tätig – mit einem Kraftwerk und verschiedenen Energiezentralen mit Strom, Wasser, Dampf und Kälte. Ein dichtes Netzwerk an Energieversorgungsleitungen überzieht somit das gesamte Areal. Doch vor dem Bau der neuen Anlage war das Kesselhaus nicht optimal ausgelastet. Grosse Dampfkessel mögen es, so konstant wie möglich, also möglichst ohne Schwankungen, zu laufen. Deshalb suchte der Betriebsleiter nach Möglichkeiten, den nicht weiter nutzbaren Dampf ökonomisch und ökologisch besser zu nutzen. Eine konstantere Auslastung über das ganze Jahr war das Ziel des Projekts. Ausserdem wollte er seine bestehende Abfallverbrennungsanlage stärker auslasten durch die Verbrennung von lokal anfallenden Abfallstoffen, also vor allem Sonderabfällen aus der chemischen Industrie.

Die Anlage: links der Generator (orange), in der Mitte die Turbine.
Der Dampfkessel befindet sich ein Geschoss unter der Anlage.
Der Kühlturm steht ausserhalb des Kesselhauses in Richtung Rhein.

Verbrauch des Stroms vor Ort

Eugen Hauber, der Geschäftsführer der EKZ Getec AG, offerierte drei Konzeptvarianten inklusive Wirtschaftlichkeitsrechnungen. «Verhandlungen mit einem internationalen Konzern im Hintergrund sind natürlich anspruchsvoll. Aber am Ende überzeugte unser Konzept für eine Vollverstromung des Dampfs über alle Stufen», freut er sich. Die besondere Herausforderung in der Auslegung der Anlage bestand darin, die breite Spannweite der Menge des zu verstromenden Dampfs von 2,5 bis 11 Tonnen pro Stunde aufzufangen. Mit der gewählten Spezialturbine kann so beim maximalen Auslegungspunkt eine Stromleistung von 1600 kW erzeugt werden. Die erzeugte Energie wird zu 100 Prozent ins Arealnetz eingespeist.

«Die Erzeugung von Strom aus Abwärme und dessen Nutzung vor Ort bleibt letztendlich das Modell der Zukunft.»

Modell der Zukunft

Der Bau der Anlage scheint auf allen Seiten nur Gewinner hervorzubringen: Die Arealbetreiberin optimiert den technischen Betrieb ihres Kesselhauses, erhöht den Energiegewinn und spart dadurch Geld und erweist gleichzeitig der Umwelt einen Dienst. Dabei trägt sie weder das technische noch das finanzielle Risiko. Die EKZ Getec AG kann ihr spezifisches Know-how im Bau und Betrieb solch grosser Industrieanlagen einbringen und finanziert und betreibt die Anlage mittels eines 10-Jahres-Contracting-Vertrags. Weshalb, fragt man sich, nutzen nicht mehr Betreiber von grossen Industrieanlagen ihre Restwärme aus dem Industrieprozess konsequenter? Eugen Hauber lacht. «Die Investitionskosten der Anlage in Basel betrugen knapp vier Millionen Franken. Dafür braucht man eine langfristige Planungssicherheit – auf beiden Seiten.» Dies sei in Zeiten von sehr kurzen Paybackvorgaben nicht immer einfach. Es müssen viele technische und kommerzielle Parameter passen, um vergleichbare Anlagen wirtschaftlich betreiben zu können. Doch Hauber ist zuversichtlich: «Die EKZ Getec AG verfügt über fundiertes Knowhow bei grossen Energieversorgungsanlagen im Lebensmittel-, Pharma- und Papierbereich sowie in der Schwerindustrie. Die Erzeugung von Strom aus Abwärme und dessen Nutzung vor Ort bleibt letztendlich das Modell der Zukunft.»