Seit über einem Jahr arbeiten ­Patrick Stiefel und sein Team auf der Baustelle der Limmattalbahn. Ihre Aufgabe: die Stromversorgung erneuern und ver­stärken. Bis 2023 aber alles reibungslos funktioniert, müssen sie den Strom auch mal abstellen.

Die Baustelle der Limmattalbahn ist sein Revier: Als Projektleiter hat Patrick Stiefel bis vor kurzem hier unzählige Stunden verbracht. «Eine intensive Zeit», sagt der gelernte Netzelektriker rückblickend, «jetzt ist es etwas ruhiger geworden für uns.» Stiefel steht auf der Geissweid, dem ehemaligen Chilbiplatz in Schlieren. «Nach den Sommerferien 2019 wird das Stadtzürcher Tram Nummer 2 bis hierhin fahren und um den Platz herum wenden.» Auch die Limmattalbahn wird diese Haltestelle dereinst bedienen – und ein ganz neues Kapitel im öffentlichen Verkehr aufschlagen.

«Ein Projekt wie die ­Limmattalbahn haben wir nicht alle Tage.»

Für Stiefel symbolisiert die Geissweid aber vor allem einen wichtigen Endpunkt. Hier ist die erste Bauetappe fertig, die sich über 3 Kilometer vom Farbhof in Zürich Altstetten bis hierhin zieht. Eine lange Baustelle, die der 28-Jährige betreut. Die Länge ist aber nicht die einzige Herausforderung: «Wir sind hier mitten im Siedlungsgebiet. Die Platzverhältnisse sind eng, gerade wenn Lastwagen Material bringen.» Dank dem schönen Wetter im letzten Sommer und Herbst sei es aber zügig vorwärtsgegangen. Damit meint Stiefel nicht seine Arbeit, sondern vor allem die der drei Bauunternehmen mit den knapp 20 Polieren und 80 Bauarbeitern, die den ganzen Tiefbau gemacht haben. «In ein paar Stunden haben sie jeweils 100 Meter Rohr gelegt, durch die wir danach unsere Leitungen ziehen konnten.» Umso schneller musste er bei diesem Bautempo auf Unvorhergesehenes reagieren: «Zum Beispiel, wenn beim Graben plötzlich alte Rohre aufgetaucht sind, die auf den Plänen gar nicht eingezeichnet waren.» Damit dies in Zukunft nicht mehr passiert, werden alle Leitungen genau eingemessen: «Einmessen heisst, dass wir mittels GPS-Daten in einer elektronischen Karte einzeichnen, durch welche Rohre unsere Leitungen genau verlaufen.» An gewissen Orten sind jetzt über 16 Rohre nebeneinander verlegt, aber nicht alle sind schon mit Leitungen belegt. In weiser Voraussicht hat man auch Leerrohre verlegt, falls das Gebiet in Zukunft noch mehr wachsen sollte.

Limmattal wächst und wächst

Der Boom im Limmattal ist denn auch mit ein Grund, warum EKZ überhaupt an der Baustelle beteiligt ist. «Die Region ist in den letzten Jahren derart gewachsen, dass wir die Stromversorgung verstärken mussten. Da die Strasse für den Bau der Bahn sowieso aufgerissen wurde, war es für uns ein guter Zeitpunkt, um die Leitungen im Boden zu erneuern.» Hinzu komme, dass die Leitungen teilweise unter Decksteinen verlaufen seien. «Decksteine sind wie halbrunde Ziegel, die früher auf die Leitung gelegt worden sind, um sie vor äus­seren Einflüssen zu schützen», erklärt Stiefel, «heute aber zieht man die Leitungen in Kunststoffrohre ein.» Hätte man die alten Leitungen belassen, wären sie später im Fall eines Schadens kaum mehr zugänglich gewesen, da sie teilweise in der Strassenmitte – also direkt unter dem zukünftigen Bahntrassee verlaufen.

Viele kleine geplante Stromausfälle

Bei der aktuellen Erneuerung sind die Leitungen zwar gut zugänglich, ganz ohne Einschränkungen für die Anwohner geht es aber leider nicht. «Für die Arbeiten am Stromnetz müssen wir die Stromversorgung abschnittsweise für wenige Stunden unterbrechen. Darüber haben wir die betroffenen Anwohner jeweils im Vorfeld informiert. Beim Gewerbe sind wir persönlich vorbeigegangen, um ihnen zu erklären, was wir genau ­machen und warum sie für kurze Zeit keinen Strom haben.» Klar habe niemand Freude gehabt; Verständnis hingegen schon, gerade weil man sie persönlich «abgeholt» habe. 

Patrick Stiefel bespricht mit Tina Hiestand von Fredy dä Beck in Schlieren, wann die Strom­versorgung kurz unterbrochen werden kann.
Patrick Stiefel bespricht mit Tina Hiestand von Fredy dä Beck in Schlieren, wann die Strom­versorgung kurz unterbrochen werden kann.
Geissweid, Schlieren: Patrick Stiefel prüft die Rohre einer Verteilkabine.
Geissweid, Schlieren: Patrick Stiefel prüft die Rohre einer Verteilkabine.

«Später sind wir nochmals vorbeigegangen, um zu schauen, wann sie am besten kurzzeitig ohne Strom auskommen können.» Eine nicht ganz einfache Aufgabe, weil die verschiedenen Unternehmen entlang der Baustelle zu unterschiedlichen Zeiten Hochbetrieb haben. «Irgendwie ging es aber immer», sagt Patrick. «Für die Bibliothek und die Bäckerei im Zentrum von Schlieren sind wir zum Beispiel an einem Samstagmorgen von 5 bis 7 Uhr arbeiten gekommen, weil sie in dieser Zeit am ehesten auf den Strom verzichten konnten.» Beim Postverteilzentrum Mülligen war nicht der Stromunterbruch die Herausforderung, sondern der Verkehr: «Wir mussten mitten in der Einfahrt des Verteilzentrums ein Werkloch machen, um zu den Leitungen zu gelangen. Also genau dort, wo unter der Woche täglich unzählige Lastwagen durchfahren.» Auch hier fand sich mit den Beteiligten eine Lösung: «Wir haben ein 24-Stunden-Zeitfenster von Samstag- bis Sonntagabend bekommen, um den Boden aufzumachen, die Leitungen einzuziehen und das Loch wieder zu schliessen. Am Sonntagmittag waren wir zum Glück fertig», erzählt Stiefel zufrieden.

Höhere Versorgungssicherheit

Mittlerweile sind die Leitungen der ersten Bauetappe gezogen, die Gräben wieder zugeschüttet, der Boden planiert. «Unsere Leute haben den Grossteil ihrer Arbeit hier abgeschlossen», sagt Patrick und deutet auf das Trassee, wo aktuell die Gleisbauer am Werk sind. Von der Arbeit von Patrick und seinem Team sieht man nicht mehr viel. «Das ist gut so», meint er schmunzelnd, «denn vieles ist im Boden versorgt. Die übrigen Teile der Stromversorgung sind so gestaltet, dass sie trotz prominenter Lage unauffällig bleiben.» Ausser man schaut genau hin. Stiefel zeigt auf zwei graue, hüfthohe Kästen auf der Geissweid: «Diese beiden Verteilkabinen hier haben wir zum Beispiel installiert, um den ganzen Platz mit Strom zu versorgen, sei es fürs Licht oder fürs Lichtsignal.» Im ganzen Gebiet der ersten Etappe stehen weitere zehn Verteilkabinen – deutlich mehr als vorher. «Die Stromverteilung ist feiner, oder – wie wir sagen – weniger Kunden hängen an einem Strang. Das erhöht die Versorgungssicherheit, denn fällt eine Kabelleitung aus, sind weniger Kunden davon betroffen als vorher», erklärt Stiefel.

Spuren der Stromversorgung

Es gibt aber noch weitere Objekte, die dezent auf die Stromversorgung hindeuten. Dazu fahren wir Richtung Schlieremer Stadtplatz oder «Zentrum Schlieren», wie die Haltestelle heisst. Schon von weitem fällt das rote, geschwungene Dach des Platzes auf. Es stellt einen Flügel dar, unter dem das Tram Nummer 2 und dereinst auch die Limmattalbahn durchfahren werden. Stiefel steigt aus und deutet auf einen grauen Pfosten an der Bushaltestelle, etwas höher und schmaler als ein Hydrant. «Dieser Sicherungspfosten versorgt die Haltestelle mit Strom fürs Licht und für die Anzeigetafel.» Sozusagen die Verteilkabine im Kleinformat. Auch auf dem Stadtplatz stehen mehrere Verteilkabinen, um die Anwohner, das Gewerbe, aber auch die Beleuchtung mit Strom zu versorgen. Wo aber kommt der Strom her, der von den Verteilkabinen und Sicherungspfosten weiterverteilt wird? «Von den Transformatorenstationen, kurz Trafostationen genannt.» Zehn Trafostationen gibt es entlang der ersten Bauetappe. «Sie wandeln den Strom mit hoher Spannung, 16 000 Volt, in Niederspannung, 400 Volt, um. Für den Transport ist eine hohe Spannung besser, da es weniger Verlust über weite Strecken gibt. Im Haushalt aber wäre diese Spannung viel zu hoch.» Nicht alle Trafostationen sind sichtbar. «Ein Trafo steht zum Beispiel im 2018 erbauten Logistik- und Servicezentrum des Universitätsspitals Zürich in Schlieren. Ein anderer wiederum im Gebiet Wagi gleich hinter einem Restaurant. Da gehen wir jetzt hin.» 

«Die Region ist in den ­letzten Jahren ­derart gewachsen, dass wir die Strom­versorgung verstärken ­mussten.»
In der Trafostation prüft Patrick die ­Anschlüsse der Schaltanlage. Hinter ihm befindet sich die
In der Trafostation prüft Patrick die ­Anschlüsse der Schaltanlage. Hinter ihm befindet sich die Nieder­span­nungs­verteilung.
Die beiden Trafos mit den Kühllamellen an den Seiten.
Die beiden Trafos mit den Kühllamellen an den Seiten.
Stadtplatz, Schlieren: Der graue Sicherungspfosten rechts im Bild versorgt die Bushaltestelle mit Strom.
Stadtplatz, Schlieren: Der graue Sicherungspfosten rechts im Bild versorgt die Bushaltestelle mit Strom.
Aufgerollt auf grossen Rollen werden die Kabel angeliefert.
Aufgerollt auf grossen Rollen werden die Kabel angeliefert.
Stadtplatz in ­Schlieren mit dem markanten roten Dach.
Stadtplatz in ­Schlieren mit dem markanten roten Dach.

Gleich- oder Wechselstrom?

Patrick Stiefel öffnet die unscheinbare Tür zur Trafostation. Obwohl nicht beheizt, ist es im Innern wesentlich wärmer als draus­sen. «Die Abwärme der Trafos», erklärt Stiefel und deutet auf zwei braune, brummende Geräte mit Kühllamellen an den Seiten. Etwas erhöht steht die Schaltanlage, die über Kabel mit den Trafos verbunden ist. «Die Leitungsfelder der Schaltanlage sind so beschriftet, dass klar ist, welche Trafostation sie versorgen.» Beim Leitungsfeld GR Wagonfabrik warnt allerdings ein Schild vor dem Einschalten. «Diese Leitung ist für die Limmattalbahn respektive für die Gleichrichterstation der Bahn, kurz GR. Da die Bahn aber noch nicht fährt, ist hier noch nichts angeschlossen.» Gleichrichter? «Die Bahn fährt mit Gleichstrom, während die anderen Anlagen, also die Beleuchtung, die Anzeigetafeln usw., mit Wechselstrom betrieben werden. Wir beliefern die Gleichrichterstation mit Wechselstrom, wo er in Gleichstrom für die Bahn umgewandelt wird.»

Der besagte Gleichrichter wird schon bald schräg gegenüber der Trafostation auf der anderen Strassenseite installiert. Auch ihn wird man nicht sehen. «Er wird Anfang 2019 geliefert und dann in diesen Schacht im Boden eingelassen», erzählt Stiefel und deutet auf die etwa 5 Quadratmeter grosse Betonplatte und das Metallgitter auf dem Trottoir.

Bereit für die zweite Etappe

Für Stiefel geht es im Herbst wieder richtig los. Dann beginnt die zweite Etappe, die an die bisherige anschliesst – und zwar auf beiden Seiten: von der Geissweid in Schlieren bis zum Bahnhof Killwangen-Spreitenbach AG und vom Farbhof in Altstetten bis zum Bahnhof Altstetten. Auch hier werden Patrick und sein Team wieder dafür sorgen, dass Ampeln, Anzeigetafeln, die Beleuchtung, aber auch die Limmattalbahn Strom haben. «Allerdings wird die zweite Etappe anspruchsvoller», ist Stiefel überzeugt. «Sie dauert länger, zieht sich über eine längere Strecke und geht voll durch die Kernzone hindurch: Alle Leitungen, die irgendwie mal die Stras­se überquert haben, sind jetzt im Weg. Und in Dietikon kreuzen wir noch die Bremgarten–Dietikon-Bahn, das wird kompliziert.» Kopfschmerzen bereitet ihm das Ganze trotzdem nicht. Im Gegenteil: «Ein Projekt wie die Limmattalbahn haben wir nicht alle Tage. Für mich ist es eine schöne Herausforderung, trotz der grossen Verantwortung, die ich habe.» Er überlegt kurz und ergänzt lächelnd: «Und bis jetzt hat alles ganz gut geklappt.» 

Patrick Stiefel öffnet den Schacht, in dem sich eine der Gleichrichterstationen für die Limmattalbahn befindet.
Patrick Stiefel öffnet den Schacht, in dem sich eine der Gleichrichterstationen für die Limmattalbahn befindet.
Blick vom Schacht hoch.
Blick vom Schacht hoch.
Seltener Anblick: der offene Schacht auf dem Trottoir. Normalerweise deutet nur ein Gitter auf dem Trottoir auf den Schacht hin.
Seltener Anblick: der offene Schacht auf dem Trottoir. Normalerweise deutet nur ein Gitter auf dem Trottoir auf den Schacht hin.